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Ein ganz besonderer Saft

Blut ist ein knappes Gut. Deshalb ist es notwendig, bei Operationen - so oft es geht - auf Transfusionen zu verzichten. Die Uni-Klinik intensiviert nun die entsprechende Patienten-Vorbereitung und startet dazu eine große Studie.
Monika Fenn hat ihr Kind im Nordwestkrankenhaus per Kaiserschnitt ohne Fremdblut auf die Welt gebracht. Sie und ihr Mann Horst sind Zeugen Jehovas und lehnen Transfusionen kategorisch ab. 	Foto: Salome Roessler Monika Fenn hat ihr Kind im Nordwestkrankenhaus per Kaiserschnitt ohne Fremdblut auf die Welt gebracht. Sie und ihr Mann Horst sind Zeugen Jehovas und lehnen Transfusionen kategorisch ab. Foto: Salome Roessler
Frankfurt. 

Die Narkoseärzte am Universitätsklinikum wollen Gewissheit. Seit Jahren beobachten sie, dass Patienten, die ohne Fremdblut operiert worden sind, den Eingriff dauerhaft besser verkraften als jene, die auf eine Transfusion angewiesen waren. Der Grund: Fremdes Blut schwächt die Immunität. Warum genau das so ist, konnte noch nicht herausgefunden werden.

Im Juli starteten die Unikliniken Frankfurt, Bonn, Kiel und Münster eine gemeinsame Studie, in der sie 1000 Patienten langfristig begleiten werden. Ziel ist es, belastbare Daten darüber zu gewinnen, in welchen Zeiträumen und in welcher Weise sich der Zustand von Patienten mit und ohne Fremdblut entwickelt. Die Hauptfrage lautet kurzum: Sind die bisherigen Beobachtungen richtig? „Eine Million Euro habe ich dafür gewinnen können“, sagt Professor Kai Zacharowski, Chef-Anästhesist an der Uniklinik.

Schließlich weist die Studie in eine Zukunft, die schon längst begonnen hat. Blut ist ein knappes Gut geworden. Immer weniger Menschen spenden, „der Altruismus nimmt ab“, sagt Professor Jürgen Biscoping aus Karlsruhe, zuständig für den Arbeitsausschuss Bluttransfusion beim Berufsverband der Anästhesisten. Die Zahl der Operationen hingegen wird steigen, die Gesellschaft wird älter - und damit kranker.

Schon heute führen Ärzte schätzungsweise 80 Prozent aller Operationen mit Blut durch, das die Patienten vorher abgegeben haben. Oder mit der sogenannten maschinellen Autotransfusion, die während des Eingriffs Wundblut in einen an den Körper angeschlossenen Parallelzyklus leitet, reinigt und wieder zurückführt.

Weil es aber notwendig ist, noch mehr auf Eigenblut zu setzen, konzentrieren sich die Anästhesisten seit geraumer Zeit verstärkt auf jene Menschen, die dafür bislang als nicht geeignet galten. In erster Linie sind das Patienten mit Anämie, also mit zu wenigen roten Blutzellen. Ab wann Blutarmut als kritisch zu betrachten ist, hängt auch vom Allgemeinzustand ab. „Bei Gesunden kann man einen Hämoglobinwert von sechs Gramm pro Deziliter tolerieren“, sagt Professor Biscoping aus Karlsruhe. Sein Frankfurter Kollege Zacharowski hat sogar schon einen Patienten mit Eigenblut versorgt, der einen extrem niedrigen Wert von 2 aufwies. Mitglied der Zeugen Jehovas war er. Die lehnen, der Bibel streng folgend, Fremdblut ab - und damit etwa Operationen von Leber-Tumoren oder Bauch-Tumoren, die ohne Fremdblut kaum auszuführen sind, von Eingriffen in der Unfall-Chirurgie ganz zu schweigen.

Professor Oliver Habler, Chef-Anästhesist vom Nordwestkrankenhaus, „respektiert diese Glaubensgrundsätze absolut“, weswegen die Zeugen Jehovas sein Haus als „Vertrauensklinik“ auserkoren haben. Mancher von ihnen hat Habler in Staunen versetzt: „Hier sind Patienten ohne Transfusion durchgekommen, bei denen ich das früher für schwierig gehalten hätte.“

Erfahrungen wie diese offenbaren zwar Tendenzen, wissenschaftlich belastbar sind sie nicht. So soll die Studie der Uniklinik auch endgültige Klarheit verschaffen über Grenzwerte und Toleranzen. Die brauchen Anästhesisten, um die Transfusionswahrscheinlichkeit sicher abschätzen zu können und den Patienten für die Eigenblut-Operation verlässlich zu optimieren, die Eiseninfusion zur Bildung roter Blutkörperchen ist dabei nur eine von vielen Maßnahmen.

Gesetzlich gilt: Liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Fremdblutgabe höher als zehn Prozent, muss der Patient auf die entsprechenden Risiken hingewiesen werden. Zwar hat die Transfusionsmedizin seit dem Blutkonservenskandal in den 90er Jahren enorme Fortschritte gemacht - Infizierungen mit Aids- oder Hepatitis-Viren kommen nur noch in einem von einer Million Fällen vor -, aber die beobachtete Immunschwäche wiegt dauerhaft eben schwer.

„Patient Blood Management“ nennt die Weltgesundheitsorganisation die systematische Patienten-Vorbereitung und Datenerfassung. Seit 2011 schreibt die WHO sie vor, „doch in ganz Deutschland machen das erst schätzungsweise 20 Kliniken“, sagt Spezialist Biscoping.

Die Uniklinik Frankfurt macht das schon seit geraumer Zeit, in Zusammenhang mit der Studie aber nun so umfassend, wie es in „Deutschland einmalig“ sei, heißt es aus Niederrad. Biscoping weiß aus langjähriger Erfahrung im Berufsverband, dass Klappern auch bei Anästhesisten zum Handwerk gehört. „Zurzeit will eben jeder in Sachen Patient Blood Management ganz vorne sein.“

Fakt ist, dass auch die anderen Frankfurter Krankenhäuser so oft wie möglich auf Transfusionen verzichten. Professor Habler tut dies im Nordwestkrankenhaus bereits seit 2006, anfangs auch gegen den Widerstand mancher Kollegen. Damals war die Eigenblut-OP längst noch nicht Standard, mittlerweile hat Habler eine Quote von 85 Prozent erzielt. Dieser Tage war das Ehepaar Fenn bei ihm zu Besuch. Zeugen Jehovas sind sie. Vor fünf Jahren wurde ihr Sohn im Nordwestkrankenhaus geboren - per Kaiserschnitt. Ein riskanter Eingriff für eine Frau, die keine Transfusion wollte, zumal das Kind schief gelegen hatte. Alles ging gut. „Ich weiß nicht, ob ich ein Vorreiter bin“, sagt Habler. Eines betont er immer wieder, wenn es um Eigenblut-Operationen geht: „Wir haben von den Zeugen Jehovas viel gelernt.“

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