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Video-Ausstellung: Eine Generation sucht ihren Platz

„Generation Einskommafünf“ heißt die heute öffnende Video-Ausstellung der Künstlerin Olcay Acet in der Bildungsstätte Anne Frank. Sie handelt von den erst ein paar Jahre nach ihren Eltern gekommenen Kindern der ersten türkischen „Gastarbeiter“ und verleiht der wenig beachteten und allenfalls als Gruppe wahrgenommenen Generation Gesichter.
Kuratorin Olcay Acet kam mit neun Jahren nach Deutschland, weil ihre Eltern bereits hier arbeiteten. Foto: Heike Lyding Kuratorin Olcay Acet kam mit neun Jahren nach Deutschland, weil ihre Eltern bereits hier arbeiteten.
Dornbusch. 

Der Raum ist komplett in weiß gehalten, im hinteren Teil abgedunkelt und zehn alte, mit Kopfhörern ausgestattete Fernseher surren vor sich hin. Jedes der alten TV-Geräte zeigt das Gesicht eines Menschen, dessen Eltern ihn als Kind in der Türkei zurückgelassen haben, um in Deutschland zu arbeiten. Einige Jahre später wurde den Angehörigen der „Generation Einskommafünf“, wie Kuratorin Olcay Acet diese Menschen nennt, erlaubt, ihren Eltern zu folgen. Auf den Fernsehern in der Bildungsstätte Anne-Frank erzählen sie ihre Geschichte: von einer Kindheit ohne Eltern, von Migration als Trauma und dem Leben zwischen zwei Kulturen.

Info: Arbeitsmigration

Die vermehrte Einwanderung aus der Türkei in die Bundesrepublik Deutschland setzte Anfang der 1960er Jahre zunächst als Arbeitsmigration ein.

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„Diese Generation wird in der Erzählung der deutschen Migrations-Geschichte oft kaum beachtet“, sagt Olcay Acet, die selbst im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, nachdem ihre Mutter schon fünfeinhalb, ihr Vater siebeneinhalb Jahre sogenannte Gastarbeiter in Deutschland waren. Im ersten Anwerbeabkommen der Bundesrepublik mit der Türkei von 1961 war der Nachzug der Familien nicht vorgesehen, erst in einer Neuauflage des Abkommen im Jahr 1964 wurde er erlaubt – „wenn auch nur etwas widerwillig vonseiten vieler Deutschen“, wie Acet aus ihrer Erfahrung berichtet.

Nicht willkommen zu sein, „dieses Thema ist in vielen türkischen Familien bis heute nicht aufgearbeitet“, sagt Acet. Es ist eines von mehreren Themen, die sie in ihrer Video-Installation aufgreift. Andere sind die „Wichtigkeit des Familien-Nachzugs“ und das Durchbrechen des Blicks auf eine Migranten-Gruppe, anstatt auf individuelle Geschichten.

Unklarer Umgang

Die studierte Romanistin, Pädagogin und Germanistin Acet absolvierte nach ihrem Abitur in Izmir, Türkei, einen Lehrgang zur Regieassistenz in Berlin. Als sie sich dort als Angehörige der Zweiten Generation türkischer „Gastarbeiter“ bezeichnete, hätte ein Freund und Kollege eingehakt: „Dafür müsstest du doch hier geboren sein.“ „Ich fragte mich dann, was ich eigentlich bin“, erklärt Acet heute. „So kam der Begriff ,Generation Einskommafünf’ zustande.“

Für ihre zum ersten Mal in Berlin im Jahr 2011 gezeigte Video-Installation führte Acet vor laufender Kamera Gespräche mit 15 Frauen und drei Männern dieser Generation, von denen zehn in Frankfurt zu sehen und zu hören sind. „Ich habe versucht, so wenig wie möglich zu schneiden“, versichert sie. So werden den Besuchern rund eineinhalb Stunden teils sehr persönlichen Gesprächs geboten.

Hier setzt eine weitere Idee der Künstlerin Acet an: „Obwohl hier viele Migrantinnen und Migranten leben, wissen viele Deutsche nicht, wie sie mit ihnen umgehen und sprechen sollen. Dieser Gesellschaft will ich den Spiegel vorhalten“, erklärt sie und hat deshalb zu der Ausstellung auch eine „Performance“ hinzugefügt: Dort wird Acet – auch als Zeichen der Zugehörigkeit zu den Interviewten – vor der Kamera und gegenüber eines leeren Stuhls sitzen und sich den Fragen von wechselnden Gesprächspartnern aus dem Publikum stellen.

Geschichten im TV

Zu den alten Fernsehern, zu denen sie über ein entsprechendes Faible ihres Vaters inspiriert wurde, erklärt sie – vielleicht gleichzeitig in Bezug auf die Geschichten auf den Bildschirmen: „Es ist nicht einfach, mit ihnen umzugehen; man muss Geduld mit ihnen haben. Auf manchen sieht man auch nicht mehr klar, nur noch grizzelig und schwarz-weiß.“

Eine Frau auf einem eher modernen Bildschirm begegnet dem Vorwurf, viele Türken in Deutschland hätten kaum Interesse an ihrer Integration: „Das ist für Einheimische nicht nachvollziehbar“, sagt sie emotional. „Aber Migration und Trennung sind ein Trauma.“

Die Vernissage zur Ausstellung ist am heutigen Mittwoch um 19 Uhr in der Bildungsstätte Anne-Frank, Hansaallee 150. Sie öffnet bis zum 20. Dezember täglich außer samstags. Olcay Acets „Performance“ findet am 12. November statt, ebenfalls in der Bildungsstätte Anne Frank.

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