Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 5°C

„Lebenshof“ bewahrt Tiere vor dem Schlachter: Eine Glückswiese zum Überleben

Nicht nur Pferde verbringen ihren Lebensabend auf Isabell Müller-Germanns „Glückswiese“. Das Gelände am Sindlinger Ortsrand ist mittlerweile Heimat für rund 50 verschiedene Tiere, die vor dem Schlachter bewahrt worden sind.
Isabell Müller-Germann (Mitte) bietet Tieren ein Refugium. Die Tochter einer Landwirtsfamilie, selbst Ehefrau eines Bauern, bekommt Unterstützung von Corinna Groh und Charleen Rothkugel, die sich um Reitangebote für Kinder kümmern. Foto: Maik Reuß Isabell Müller-Germann (Mitte) bietet Tieren ein Refugium. Die Tochter einer Landwirtsfamilie, selbst Ehefrau eines Bauern, bekommt Unterstützung von Corinna Groh und Charleen Rothkugel, die sich um Reitangebote für Kinder kümmern.
Sindlingen. 

„Pünktchen“ und „Luna“ wären längst verwurstet, wenn sie nicht gerettet worden wären. Jetzt genießen die beiden Pferde wie zwölf weitere ihren Lebensabend auf der „Glückswiese“. So nennt Isabell Müller-Germann das Gelände an der Okrifteler Straße, auf dem sich neben den Pferden Schafe, Ziegen, Schweine, Gänse und Kühe tummeln. Etwa 50 Tiere leben hier, und alle wären beim Abdecker, in Versuchsanstalten oder der Lebensmittelverarbeitung gestorben, wenn sie nicht auf die eine oder andere Weise zu dem Gnadenhof gefunden hätten.

Kerwe-Hammel Kai-Uwe

Isabell Müller-Germann spricht lieber von „Lebenshof“. „Die Tiere dürfen hier einfach sein“, sagt sie. Das gilt für die prachtvollen Gänse, die eigentlich als Weihnachtsgänse gedacht waren, genauso wie für den ehemaligen Weilbacher Kerwe-Hammel Kai-Uwe, den ein befreundeter Landwirt brachte.

In der Vereinigung „Rettet das Huhn“ kaufen engagierte Freunde der Biologin regelmäßig Hühner frei, die nach einem Jahr in der Legebatterie normalerweise im Kochtopf landen würden. „Wenn sie ankommen, sind sie ganz nackt“, sagt die 33-Jährige. Deshalb bekommen sie „Hühnerpullis“ übergezogen, damit sie nicht frieren, bis die Federn nachgewachsen sind. Die „Glückswiese“ brachte ihnen allerdings kein Glück. „Die ersten hat der Fuchs geholt“, sagt Isabell Müller-Germann. Jetzt lebt das Federvieh auf dem Bauernhof der Familie innerorts, zusammen mit dem ehemaligen Weilbacher Kerwe-Hammel.

Den Job aufgegeben

Die Versorgung der Tiere nimmt viel Zeit in Anspruch. „Ich habe meinen Job am Max-Planck-Institut an den Nagel gehängt. Mein Herz hängt hier dran“, sagt Isabell Müller-Germann. Sie stammt aus einer Kelsterbacher Landwirtschaftsfamilie und ist von kleinauf den Umgang mit Tieren gewohnt. Ihr erstes Pferd bekam sie, als sie zwölf Jahre alt war. Der Schimmel mit dem Namen „Maus“ fühlte sich in Ställen nie wohl. „Den offenen Stall und die Koppel, das habe ich alles für Maus gemacht“, erzählt die Biologin. Bald kam Schimmel „Lovely“ dazu. Eigentlich ein Fehlkauf.

„Schon am zweiten Tag war sie stocklahm“, sagt sie. Anscheinend war das Pferd mit Hilfe von Spritzen für den Verkauf fit gemacht worden. Zurückgeben wollte sie es aber nicht. „Dann kamen immer mehr Pferde dazu“, berichtet sie: ein halb verhungerter Schecke, Fuchsstute „Una“, die nach der Geburt von 14 Fohlen zum Metzger gekommen wäre, Ponys. 2010 fanden drei Quessant-Schafe in Sindlingen eine neue Heimat, die der Vorbesitzer hatte verwahrlosen lassen. „Nobbi“, „Isa“ und „Julian“ bekamen bald Nachwuchs. „Wir waren alle zwei Stunden hier, um die Lämmer mit der Flasche zu füttern“, erzählt die Tierschützerin. Mit dem Nuckel aufgezogen hat sie auch die Kühe Benny und Helene. Die Kälber wären normalerweise in der Diätmast gelandet. Jetzt liegen sie im Stroh und blicken gemütlich wiederkäuend auf das tierische Treiben rundum.

Die Halterin geht voll und ganz in der Arbeit auf der „Glückswiese“ auf. Nur früh morgens nimmt sie sich zwei Stunden Zeit für ihre Doktorarbeit über Bio-Aerosole. Sobald es hell ist, fährt sie aufs Farmgelände zum Füttern, Säubern, Misten, Wasser pumpen. Mann und Eltern helfen zu Hause, außerdem baut ihr Mann Norbert, Landwirt im Nebenerwerb, selbst Heu und Getreide fürs Futter an. „Mittlerweile bringen uns auch viele Menschen Körner und Grünzeug“, ist Isabell Müller-Germann dankbar. Einnahmen erwirtschaftet sie vor allem durch die „Pferdezeit“. „Hier können Menschen Zeit mit Pferden verbringen. Sie streicheln, kennenlernen, reiten“, sagt sie. Das hat so viele Anhänger gefunden, dass mittlerweile jeden Tag Betrieb herrscht auf dem kleinen Reitplatz. Corinna Groh und Charleen Rothkugel kümmern sich um das Reiten mit den Kindern. Schülerpraktikanten und Eltern von Reitkindern helfen auch bei der Versorgung der Tiere und dem „Abäppeln“, der Beseitigung des Pferdedungs.

Der Mist landet übrigens als Dünger auf den Feldern und andere Abfälle als Futter für die Schweine. Besonders beliebt ist das Gelände für Kindergeburtstage. Auch und gerade an den Wochenenden geht es von morgens bis abends rund. Einnahmen und Ausgaben halten sich in etwa die Waage. Ihre Arbeitszeit rechnet die Besitzerin dabei nicht ein. „Es ist eine Sieben-Tage-Woche, und ich darf nie krank werden“, sagt Isabell Müller-Germann, die aus Überzeugung vegan lebt. An Urlaub ist ebenfalls nicht zu denken. „Aber hier draußen ist es ja manchmal wie Urlaub“, findet sie: „Das alles macht mir einen Riesenspaß, ich möchte nichts anderes machen“.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse