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Unter einem Denkmal schlummerte ein Relikt aus der Kaiserzeit: Eine Kapsel aus der Vergangenheit

Von Ein Sensationsfund aus Heddernheim wurde gestern Abend in der Sitzung des Ortsbeirats 8 präsentiert: eine Zeitkapsel aus dem 19. Jahrhundert.
Mit Samthandschuhen: Historiker Joachim Kemper und Ortsvorsteher Klaus Nattrodt (v. l.) präsentieren  den entdeckten Glaszylinder. Foto: Heike Lyding Mit Samthandschuhen: Historiker Joachim Kemper und Ortsvorsteher Klaus Nattrodt (v. l.) präsentieren den entdeckten Glaszylinder.
Heddernheim. 

Geschichte, Geschichten und Überraschungen sind eng miteinander verknüpft – auch in der Lokalpolitik. Das erlebte Klaus Nattrodt, Vorsteher des Ortsbeiratsbezirks 8 (Heddernheim, Niederursel, Nordweststadt) jüngst am eigenen Leib. In der gestrigen Ortsbeiratssitzung stellte Nattrodt gemeinsam mit Joachim Kemper, Leiter der Abteilung Sammlungen beim Institut für Stadtgeschichte, ein Fundstück vor, das in Heddernheim für Gesprächsstoff sorgen dürfte.

Bei dem knapp 30 Zentimeter langen Glaszylinder, der es auf den Punkt 1 der Tagesordnung brachte, handelt es sich um eine Zeitkapsel, wie sie bei Neubauten und Denkmälern traditionell in den Grundstein gelegt wird. Die Kapsel, die unter dem im vergangenen Jahr umgesetzten Mahnmal „Stürzender“ gefunden wurde, stammt ihrem Inhalt nach aus dem 19. Jahrhundert.

Zeitungen und Münzen

„Meistens stecken in den Kapseln Zeitungen und Münzen aus der Zeit, in der der Bau oder das Aufstellen begonnen wird“, erklärte Kemper den Bürgern und Lokalpolitikern. Die Kapsel war aus Glas, nicht aus Metall. Bei näherer Betrachtung des Inhalts wurde Kemper klar, dass der Inhalt aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Für Nattrodt begann die Geschichte um das rund 3,5 Tonnen schwere Denkmal natürlich viel später – im Jahr 1960, als auf Initiative des Bürgervereins ein Denkmal zu Ehren der Opfer der beiden Weltkriege aufgestellt wurde. „Stürzender“ nannte der Künstler Rudi Warmuth seine Muschelkalk-Skulptur, die auf den alten Heddernheimer Friedhof zog, weil sie an den Holocaust und im Krieg verlorenes Leben erinnern sollte. „Ich werde leben“ steht in Großbuchstaben auf dem Denkmalsockel, unter dem 1960 auch die Zeitkapsel verborgen wurde. Dort blieb sie über 50 Jahre, auch als aus dem Friedhofsgelände nach Verlegung des letzten Grabes ein Kinderspielplatz wurde.

EU-Norm

„Dann kam eine EU-Norm und der Ortsbeirat wurde aktiv“, erklärt Nattrodt, wie das Mahnmal überhaupt Ortsbeiratsthema wurde. Die Norm schrieb vor, dass auf öffentlichen Spielplätzen Fallschutz um all jene Geräte vorgeschrieben ist, von denen Kinder herunterfallen könnten. „Und da auch jahrzehntelang auf dem Mahnmal gespielt wurde, wurde dafür natürlich keine Ausnahme gemacht“, so Nattrodt.

Der Ortsbeirat entschied sich gegen einen mehr als 5 000 Euro teuren Fallschutzboden und für die Umsetzung des Denkmals auf die Grünfläche am Alexander-Riese-Weg, zwischen Nidda und Maybachbrücke, die 2015 mit Hilfe einer vom Kulturamt der Stadt hinzu berufenen Restauratorin durchgeführt wurde. „Ihr war die Zeitkapsel bereits dabei aufgefallen, sie hatte sie auch fotografiert und in ihren Unterlagen erwähnt, dann aber entschieden, sie wieder unter das Denkmal zu legen“, sagt Nattrodt, der erst am vergangenen Fastnachtsdienstag in einem Telefonat mit dem Kulturamt von der Existenz der Zeitkapsel erfuhr.

Diese wurde im Mai dieses Jahres erneut, diesmal auf Kosten des Kulturamts, geborgen und geöffnet. Dass dabei Reichsmark aus dem 19. Jahrhundert statt D-Mark aus den 1960er Jahren und obendrein von Feuchtigkeit beschädigte Dokumente zum Vorschein kamen, überraschte nicht nur Nattrodt, sondern auch Kemper.

Älteres Denkmal

Die Erklärung ist dennoch erstaunlich einfach, wie Kemper gestern erläuterte: „Die Zeitkapsel und ihr Inhalt stammen, wie wir herausgefunden haben, aus dem Jahr 1895, als zu Ehren Gefallener aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 bereits ein Denkmal in Heddernheim aufgestellt wurde. Das stand bis 1959 auf dem Gelände der damaligen Volksschule, war aber durch eine Fliegerbombe stark beschädigt worden.“

Ob die Bürger 1960 abschätzen konnten, welchen Schatz sie dort aus- und unter dem „Stürzenden“ wieder eingegraben hatten, lässt sich im Nachhinein wohl kaum noch rekonstruieren.

Für die Öffentlichkeit zu sehen sein, soll die Zeitkapsel ab kommendem Frühjahr im Heddernheimer Heimatmuseum. „Das wird dann dank seines Schwerpunkts Fastnachtsmuseum heißen“, erklärt Nattrodt. Dass der Klaa Pariser Fund jedoch auch ohne Fastnachts-Bezug ein echter Höhepunkt sein wird, daran zweifelt nach diesem Abend hier keiner.

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