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"Hänsel und Gretel": Eine Oper erzählt von Flucht

Von Ausgerechnet das klassische Märchen „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm dient Frankfurter Studenten und jungen Migranten als Vorlage für ein Theaterstück über Krieg, Flucht, Neuanfang und Heimweh.
Aus „Hexenbesen“ wird ein Haus – bei den Proben für das Stück „Hänsel, Gretel, Du und ich – eine Oper auf der Flucht“ der FH- und Musikhochschulstudenten zusammen mit minderjährigen Flüchtlingen. Foto: Leonhard Hamerski Aus „Hexenbesen“ wird ein Haus – bei den Proben für das Stück „Hänsel, Gretel, Du und ich – eine Oper auf der Flucht“ der FH- und Musikhochschulstudenten zusammen mit minderjährigen Flüchtlingen.
Frankfurt. 

Das jagt nicht nur Kindern einen Schauer über den Rücken: Da lassen völlig verzweifelte Eltern ihren Sohn und ihre Tochter mutterseelenallein im Wald zurück. Überlassen sie dem ungewissen Schicksal, weil es möglicherweise besser sein könnte als das, was sie Hänsel und Gretel noch zu geben haben, nämlich nichts mehr. Alles nur ein Märchen? Mitnichten. Nur, dass Mütter und Väter in der heutigen Zeit ihren Nachwuchs nicht in dunklen Wäldern aussetzen, sondern sie auf eine lange, ungewisse Reise um die halbe Welt schicken. In der Hoffnung, dass sie es bis Europa, bis Deutschland oder Schweden schaffen, dass sie dem Krieg entkommen, ein Leben mit Perspektive führen können.

FH- und Musikstudenten

Das ist der Stoff, aus dem Studenten der University for Applied Sciences (Fachhochschule) und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sowie junge Flüchtlinge ihre Oper „Hänsel, Gretel, Du und ich – eine Oper auf der Flucht“ inszeniert haben. Am 1. März werden die Schauspieler, Tänzer, Sänger und Musiker mit dem Stück Premiere feiern.

Der Höhepunkt nach einem halben Jahr Arbeit und viel Vorarbeit, welche die Frankfurter Künstler Maja Wolff, Timo Becker und Charlotte Armah geleistet haben. Sie leiten das etwa 50-köpfige Ensemble an. Ihre Idee dazu reicht in jene Monate zurück, in der in Europa noch keiner von einer „Flüchtlingskrise“ sprach und Merkel ihr „Wir schaffen das!“ noch nicht gesagt hatte.

Mit jungen Flüchtlingen

Schon damals nahmen Wolff und ihre Mitstreiter – die für andere ungewöhnliche Theaterprojekte bereits Studenten und Strafgefangene zusammengebracht haben – Kontakt zu Einrichtungen auf, die minderjährige Flüchtlinge betreuen. Schlugen vor, sie mitmachen zu lassen bei dieser Inszenierung, die vom klassischen Märchen und der dazugehörigen Oper „Hänsel und Gretel“ ausgeht und aufgreift, was die jungen Menschen selbst erlebt haben.

Im November begann die Zusammenarbeit der Musikstudenten, der Studenten im Fach Soziale Arbeit und den jungen Flüchtlingen. Sie teilten sich in drei Gruppen auf: Musiker, Tänzer und Schauspieler. Sie komponierten Musik, schrieben Texte, setzten sie in Szene. Und setzten alles zusammen zu einem musikreichen Stück voller Kontraste, Szenenwechsel und Gedankensprüngen, das auf berührende Weise klar macht, was es für die Menschen bedeutet, diesen Weg nach Europa zu gehen und in dieser fremden Welt anzukommen.

Da fallen Sätze wie: „Würden Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter losschicken, oder beide?“ Oder „Wenn ich versuche zu schlafen, überkommt mich unerträgliches Heimweh.“ Aber auch: „Ich habe Hunger.“ „Mir ist kalt.“ „Alles Terroristen.“ Dazwischen spielen die Musiker klassische Kinderlieder wie „Brüderlein, komm tanz’ mit mir“ oder Hits wie „I need a Dollar“, beschwören mit Percussioninstrumenten das Bedrohliche einer Szenerie. Und die Tänzer beschreiben mit ihren Mitteln, wie sie weitergeht, diese Odyssee über viele Grenzen hinweg.

Ein Stück Hoffnung

Schon bei den Proben, bei denen Deutsch und Englisch gesprochen wird, ist zu merken, wie wichtig allen ist, was sie hier zu erzählen haben. Für die jungen Flüchtlinge, die in Karben, Dudenhofen und auch Frankfurt leben, ist das Theaterprojekt noch mehr. Es ist ein Stück neue Hoffnung.

Der 22 Jahre alte Loay Al-Suraj stammt aus der irakischen Stadt Dyala, hat dort Schauspiel studiert. Dann wollte man ihn in den Krieg gegen die Terroristen des Islamischen Staats zwingen, ohne vorherige Ausbildung, ohne große Chance auf Überleben. Loay floh, kam über die sogenannte Balkanroute nach Deutschland. Er hat genau wie sein Freund Alaa Mahmoud Yousef (28) all das, was nun im Stück thematisiert wird, am eigenen Leib erfahren. Und er muss es aushalten, seine Familie noch immer im Irak zu wissen, weit weg und mitten in den Gefahren des dortigen Krieges. Umso glücklicher ist Loay, dass er wieder Theater spielen kann. Auch Alaa blüht auf der Bühne auf, dass er dieses Ensemble gefunden hat, gibt ihm neuen Mut: „Jetzt habe ich eine große Familie.“

Ähnlich ergeht es Edrees Heravi. Der 30-Jährige ist Afghane, hat in seinem Heimatland und in Indien Musik studiert, bevor er nun in Deutschland noch einmal ganz von vorne beginnen muss. Er hofft, dass möglichst viele Menschen das Stück sehen und gibt seine Kritik schon vor der Premiere ab: „We made Hänsel and Gretel greater“ (Wir haben Hänsel und Gretel größer gemacht).

 

Premiere: Dienstag, 1. März, 20 Uhr, Antagon-Halle, Orber Straße 57. Und 2. März, 20 Uhr; 3. März, 10 + 12 Uhr (für Schulen), 4. + 5. März, 17.30 und 20 Uhr. Karten (12/8 Euro) können per Tel. (0 69) 90 43 58 50 bestellt werden.

 

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