Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Flüchtlinge in Frankfurt: Einsamkeit ist der Feind des Flüchtlings

Von Für Abdulrahman Bitar (22) ist klar: „Ich will Arzt werden!“ Sechs Semester hat er bereits studiert – in seiner Heimatstadt Damaskus. Dann musste er fliehen.
Abdulrahman Bitar blättert auf dem Campus Bockenheim in dem Buch, das ihn und seine Freunde zeigt. Foto: Leonhard Hamerski Abdulrahman Bitar blättert auf dem Campus Bockenheim in dem Buch, das ihn und seine Freunde zeigt.
Frankfurt. 

Abdulrahman Bitar (Name geändert) ist ein schlanker junger Mann. Seit September 2015 lebt der Syrer in Frankfurt. In eineinhalb Jahren hat er Deutsch gelernt, und zwar perfekt. Er hat einen leichten Akzent, doch er kann sich besser verständigen, als mancher Einheimische. „Der größte Feind eines Flüchtlings“, so sagt er nachdenklich, „ist die Einsamkeit.“ Zuhause in Syrien waren immer Freunde und Familie um ihn herum. Inzwischen sind sie in die halbe Welt zerstreut, geflohen vor dem Bürgerkrieg. Er ist alleine – in Deutschland.

Eltern nicht gefährden

Bitars Eltern leben noch in Damaskus. Bitar will deshalb nur von hinten fotografiert werden. „Wer weiß, was meinen Eltern passiert, wenn ich Ihnen sage, dass Assad ein Willkürregime errichtet hat, bei dem jeder junge Mann an jeder Armeekontrollstelle befürchten muss, zur Armee eingezogen zu werden.“ Ob er will oder nicht.

Academic Welcome Program

Die Auftaktveranstaltung des vierten Semesters „Academic Welcome Program“ (AWP) für studierwillige Flüchtlinge beginnt heute um 18 Uhr im Casino des Campus Westend.

clearing

Alle jungen Männer aus seiner Familie sind deshalb geflohen. Ein Cousin lebt in der Türkei. Er hat Abdulrahman bei der Flucht geholfen. Abdulrahman Bitar kam als einer der ersten der großen Welle.

„Dass ich in Frankfurt bin, ist Zufall. Aber ich habe hier viele Freunde gefunden, fühle mich hier zuhause.“ Ermöglicht hat dies eine deutsche Lehrerin, die fünf junge Flüchtlinge in der Unterkunft Sportcampus Ginnheim „adoptiert“ hat, darunter Abdulrahman. „Ihr verdanke ich alles!“ sagt dieser dankbar. „Ihr und dem Academic Welcome Program“ (AWP).

Dieses Programm wurde im Oktober 2015 aufgelegt, und Bitar war von Anfang an dabei. Es war gut – gut gegen die Einsamkeit. „Ich habe meine ganzen Freunde bei den Sprachkursen getroffen. Wir haben alle unsere Familien verloren, wir sind jetzt füreinander Familie.“ Das AWP machte es möglich.

Bitar hat Deutsch gelernt. Sein Abitur ist anerkannt (Schnitt: 1,1). Auch drei der sechs in Damaskus absolvierten Studiensemester Medizin werden anerkannt. Bitar ist traurig, weil er den Eingangstest für das Propädeutikum (Vorbereitung für die Eingangsprüfung zum Medizinstudium) nicht geschafft hat. „Es waren zu viele Bewerber.“

Das Praktikum beginnt

Er ist noch im AWP, auch wenn er keine Sprachkurse mehr belegt. Bitar ist als Flüchtling anerkannt und lebt in einem Zimmer zur Untermiete in der Moselstraße. „Im Sommer“, sagt er und seine Augen strahlen, „beginne ich ein dreimonatiges Praktikum zur Krankenpflege in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik.“ Den Traum, Arzt zu werden, hat er nicht aufgegeben. „In Damaskus war ich schon so weit mit dem Studium...“

Abdulrahman Bitar möchte Frankfurt nicht verlassen. Alle seine Freunde leben hier. „Aber ich will Medizin studieren, und wenn sie mich in Frankfurt nicht nehmen, dann muss ich es woanders probieren“, sagt er achselzuckend. Er hat seine Unterlagen zur Uni Göttingen geschickt. Jetzt hofft er, dass es klappt. Später möchte er als Arzt an der Universität von Damaskus unterrichten. Wenn in seinem Land endlich wieder Friede herrscht.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse