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Einwanderer-Hauptstadt Frankfurt

Sieben von zehn Kindern in Frankfurt haben Eltern oder Großeltern, die nicht aus Deutschland stammen. Das geht aus neuem statistischen Material hervor. Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) sieht unter anderem Handlungsbedarf bei den Sprachkenntnissen von Kindern.
Sieben von zehn Kindern in Frankfurt haben einen Migrationshintergrund. Foto: dpa Sieben von zehn Kindern in Frankfurt haben einen Migrationshintergrund. Foto: dpa
Frankfurt. 

Die Daten sind eindeutig: Frankfurt ist Deutschlands Einwanderer-Hauptstadt. 43 Prozent der Einwohner haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Das heißt: Sie sind selbst eingewandert bzw. haben Eltern oder Großeltern, die nicht aus Deutschland stammen. Demgegenüber liegt der Ausländeranteil, also die Quote der Einwohner ohne deutsche Staatsangehörigkeit nur bei 24 Prozent. Bei den Kindern unter sechs Jahren liegt die Migranten-Quote sogar bei fast 70 Prozent. Das ist ein Spitzenwert in Deutschland. Berlin kommt auf 59 Prozent, Hamburg auf 43 Prozent (siehe Grafik).

Diese Zahlen konnten jetzt erstmals auf der Basis des Mikrozensus, der "kleinen Volkszählung", ermittelt werden. Bisher wurden offiziell deutlich niedrigere Migranten-Zahl genannt, weil der familiäre Hintergrund nicht bekannt war. Die neuen Zahlen sind zusammen mit anderen Daten in das erste "Integrations- und Diversitätsmonitoring" der Stadt eingeflossen, das Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) gestern vorgelegt hat. Der Bericht mit 80 Statistiken ist nach Ansicht der Dezernentin ein "Maßstab für Integration und Ungleichheit" und soll eine Entscheidungsgrundlage für künftige politische Maßnahmen sein. "Ich werde nicht zulassen, dass wir einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Eskandari-Grünberg. Sie wolle strukturelle Veränderungen, um Chancengleichheit für Migranten herzustellen.

Problem bei Sprachkenntnis

"Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht", betonte die Dezernentin. "Menschen mit Migrationshintergrund schneiden in vielen Bereichen schlechter ab als andere." Sie wolle jetzt mit anderen Dezernenten und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) über Konsequenzen diskutieren. "Wir müssen schauen, wo unsere Angebote funktionieren und wo wir nachbessern müssen."

Zum Beispiel bei den Sprachkenntnissen von Schulkindern. Bei der Einschulungsuntersuchung sei der Anteil der Kinder mit Sprachproblemen bei Migranten doppelt so hoch wie bei den übrigen. Es sei sogar eine Verschlechterung in den vergangenen Jahren festzustellen, sagte Patrick Schupp vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten, der Autor des Berichts. Eskandari-Grünberg schließt daraus: "Wir müssen unsere Elternarbeit verbessern." Bei den Sprachkursen sei aber auch die Hilfe von Bund und Land nötig. Auch bei den Schulabschlüssen schneiden Migranten immer noch schlechter ab als ihre deutschstämmigen Altersgenossen. Überdurchschnittlich viele verlassen die Schule ohne Abschluss, haben Probleme bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Anders als bei den Sprachkenntnissen ist hier allerdings ein positiver Trend erkennbar.

Geringere Erwerbsquote

Ein anderes Thema: Bei Frankfurtern mit Migrationshintergrund ist der Anteil der Erwerbstätigen deutlich geringer als bei der übrigen Bevölkerung. Besonders deutlich ist der Unterschied bei den Frauen. "Das hatte ich so nicht erwartet", sagte Eskandari-Grünberg. "Hier gibt es Handlungsbedarf."

Kaum Unterschiede sind bei der Höhe der bezahlten Wohnungsmieten festzustellen. Allerdings haben Migranten weniger Wohnfläche pro Kopf zur Verfügung. Das liegt wohl an den größeren Familien. "Wir müssen prüfen, ob sich beengte Wohnverhältnisse auch negativ auf die Bildungschancen auswirken", sagte die Integrationsdezernentin.

Was unter einem Migrationshintergrund zu verstehen ist, definiert immer noch jede Behörde anders. Die Kinder- und Jugendhilfe zum Beispiel stellt auf die Familiensprache ab und kommt deshalb auf einen geringeren Migrantenanteil bei Schülern. Dennoch lassen sich aus dem Bericht Tendenzen ablesen. "An diesen Zahlen müssen wir uns messen lassen", sagte Eskandari-Grünberg. Mit dem Bericht will sie die häufig sehr emotional geführte Integrationsdebatte versachlichen. Es sei bewusst darauf verzichtet worden, die Statistiken nach Herkunftsländern aufzuschlüsseln, um eine Stigmatisierung bestimmter ethnischer Gruppen zu vermeiden. Künftig soll alle drei Jahre ein aktualisiertes Zahlenwerk vorgelegt werden. mu

(Günter Murr)
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