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Schulung am Flughafen: Eis-Abwehr auch im Sommer

Von Mit Wasser und Glykol enteisen 400 Mitarbeiter am Flughafen Flieger. Geübt wird im Sommer, ernst wird es im Winter.
Ein See von Wasser breitet sich auf dem Betonboden aus, wenn Patrick Schwab aus luftiger Höhe Wasser auf die Tragflächen der BAe 146 spritzt. Bilder > Ein See von Wasser breitet sich auf dem Betonboden aus, wenn Patrick Schwab aus luftiger Höhe Wasser auf die Tragflächen der BAe 146 spritzt.
Frankfurt. 

4000 Liter Wasser passen in den Bauch des Tankwagens, dazu 4000 Liter Glykol. 2000 Liter „Typ I“, 2000 Liter „Typ IV“. Patrick Schwab, der Fahrer des Fahrzeugs, sitzt in der Kabine. Sie fährt auf zehn und mehr Meter hoch. Mit dem Joystick steuert der 42-jährige Schwab den Wasserstrahl, mit dem kleinen Steuerrad kann er sogar den Lastwagen lenken.

Heute scheint die Sonne. Es ist Ende August und endlich mal wieder T-Shirt-Wetter. Trotzdem: „Für uns Enteiser gibt es keine Sommerpause“, sagt Schwab. Mit gleichmäßigen Bewegungen steuert er den Wasserstrahl über die linke Tragfläche der BAe 146. Der Jet ist 30 Jahre alt und nicht mehr flugfähig. Er steht am Südrand des Flughafengeländes und dient den Enteisern als Schulungsflugzeug.

392 Mitarbeiter der Fraport, meist von den Bodendiensten, schon im Besitz einer Fahrberechtiung auf dem Vorfeld, werden im Herbst zu Enteisern. „Wir haben 58 Fahrzeuge, und in einer Schicht arbeiten wetterabhängig bis zu 120 Mann“, sagt Daniel Wagenknecht. Er leitet den operativen Betrieb bei der Nice GmbH. Nice ist ein Tochterunternehmen der Fraport und verantwortlich für die Flugzeugenteisung.

 

14 000 Schulungsstunden

 

„Die Kernmannschaft bei uns besteht aus lediglich 38 Mitarbeitern“, erklärt Wagenknecht. Damit kommt man im Winter nicht weit. Deswegen werden bei Bedarf Mitarbeiter der Bodendienste entliehen. Und weil das Enteisen eines Flugzeugs sicherheitsrelevant ist, müssen die Mitarbeiter der Bodendienste geschult werden – im Sommer. Schwab, aber auch Michael Brase, die zur Stammbelegschaft gehören, erledigen dies. 14 000 Schulungsstunden pro Jahr, das ist die Bilanz ihrer Arbeit im Sommer.

Brase ist seit elf Jahren bei den Enteisern, seit drei Jahren fest. „Vorher war ich auch nur im Winter da. Aber es hat Spaß gemacht.“ Sein schlimmster Winter bislang? Der vor vier, fünf Jahren. „Da hatten wir wirklich viel zu tun.“

Daniel Wagenknecht und Friedericke Freund, seine Vorgesetzte, sagen es nicht ohne Stolz: „Die Arbeit bei Nice hat auf dem Flughafen hohes Renommee.“ Denn Enteiser müssen hohe Standarts erfüllen und tragen viel Verantwortung.

„Jeder Mitarbeiter wird jährlich an zwei Tagen in Theorie und Praxis geschult, auch wenn er schon jahrelang dabei ist“, sagt Friedericke Freund. Damit alle 392 Aushilfskräfte geschult sind, wenn der erste Schnee fällt, enteisen sie das Schulungsflugzeug auch im Sommer, wenn auch nur mit Wasser.

Das Prozedere ist immer gleich: Mindestens zwei, öfter vier, manchmal gar sechs Fahrzeuge fahren an das Flugzeug auf seiner „Position“, seinem Warteplatz. Bis zu einer Stunde kann die Enteisung dauern – wenn es kalt ist, wenn das Flugzeug über Nacht gestanden hat, wenn das Kerosin in den Flügeltanks kalt ist. „Wir sprühen immer von außen nach innen“, so Freund. Zwei Fahrzeuge, eines an jeder Tragfläche, arbeiten sich zum Rumpf vor. Dabei kommen Wasser und Glykol zum Einsatz, die im Fahrzeug gemischt und auf bis zu 80 Grad erhitzt auf die Tragflächen gespritzt werden.

Das Fluid Typ I, in Rot eingefärbt, hat keine Verdickerstoffe. Höchstens 30 Minuten kann es das Flugzeug eisfrei halten. Dagegen schafft Typ IV es, bis zu zwölf Stunden Schnee und Eis von den Tragflächen und den Rudern fernzuhalten. Das ist wichtig, wenn ein Pilot nicht sofort nach dem Enteisen starten kann. Eis und Schnee auf der Tragfläche beeinflussen die Luft. Diese muss laminar um die Fläche strömen können. Nur so wird Auftrieb erzeugt.

Bilderstrecke Wintertraining: Flugzeug-Enteiser proben den Ernstfall
Üben für den Winter: Für die Flugzeug-Enteiser des Frankfurter Flughafens ist gerade Haupttrainingszeit. Rund 400 Mitarbeiter müssen jedes Jahr mit Spezialfahrzeugen den richtigen Arbeitsablauf üben. Fotos: ChristesEis im Sommer? Eher nicht. Doch für die Flugzeug-Enteiser des Frankfurter Flughafens ist gerade Haupttrainingszeit.und 400 Mitarbeiter müssen jedes Jahr mit ihren Spezialfahrzeugen den richtigen Arbeitsablauf üben, damit die Enteisung an harten Wintertagen reibungslos funktioniert.

„Wir machen nur, was der Pilot will“, sagt Wagenknecht. Will er lediglich die „rote“ Reinigung, bekommt er auch nur diese. Will er den „grünen“ Frostschutz mit Typ IV, bekommt er ihn – zu einem höheren Preis. „Wir rechnen litergenau mit den Airlines ab“, sagt Friedericke Freund.

Bei einem Schneetag läuft bei Nice alles wie im Sommer einstudiert: Die Fahrzeuge fahren zu den Positionen und enteisen Flugzeuge, wenn es gewünscht wird. „Wir haben auch drei eigene Pads am Flughafen“, sagt Wagenknecht. Eine am Beginn der Startbahn West, eine im Süden des Flughafens und eine im Norden. Die Pads sind abgegrenzte Felder, zu denen die Flugzeuge rollen und dann von den vier im Pad wartenden Enteisungsmaschinen flugfähig gemacht werden.

 

Der Job beginnt um vier

 

„Unser Job beginnt morgens um vier Uhr und endet um 14 Uhr, die zweite Schicht arbeitet von 14 bis 23 Uhr“, sagt Wagenknecht. An einem Schneetag könnten schon mal 400 bis 500 Flugzeuge enteist werden. Das ist zwar viel weniger als die etwa 1300 Starts und Landungen täglich. Aber, so Friedericke Freund: „Bei Schnee und Eis gibt es ja auch viel weniger Flugverkehr, es fallen viele Verbindungen aus.“ So gesehen reicht die vorgehaltene Kapazität von 58 Fahrzeugen und etwa 430 Mitarbeitern aus.

Dass das Glykol mal ausgeht, davor hat man bei Nice keine Angst. Die Lagerkapazität beträgt rund eine Million Liter, das reicht für etwa 1000 Flugzeuge. Was verbraucht ist und durch die Kanalisation rinnt, verlässt die Kläranlage der Fraport als sauberes Wasser.

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