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Schlechte Luft im Passivhaus: Eltern beklagen sich: Lüftungsanlagen an Schulen nicht ausreichend

Von Der energiesparende Passivhausstandard, der in Frankfurt seit 2004 vorgeschrieben ist, bleibt umstritten. Beschwerden gibt es vor allem wegen schlechter Luft in den Klassenzimmern. Die Stadt hält trotz Kritik an der Bauweise fest.
(Symbolbild Schule) (Symbolbild Schule)
Frankfurt. 

In der jüngsten Sitzung des Stadtparlaments wurde wieder einmal heftig gestritten über den Passivhausstandard an Schulen. Vor allem die FDP hält die energiesparende Bauweise für ökologisch unsinnig und viel zu teuer. Doch Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) hält es für richtig, die neuen Schulen besonders gut zu isolieren. „Etwas Besseres als den Passivhausstandard kriegen sie nicht“, sagte sie. „Wenn es Probleme gibt, liegt das nicht an der Technik, sonder daran, dass die Technik nicht richtig bedient wird.“

Thomas J. Schmidt
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Tatsächlich zeigen Untersuchungen: Bei Schulen und Kindergärten kann die Investition in den Passivhausstandard unter Umständen sinnvoll sein – auch wenn durch Wärmedämmung und Lüftungsanlagen 15 Prozent Mehrkosten entstehen. Dies gilt auch, wenn man berücksichtigt, dass durch das häufige Öffnen der Türen bei jeder Pause im Winter viel kalte Luft ins Gebäude kommt. Das Passivhaus-Institut hat dies bei der Grundschule Riedberg gemessen, der ersten Schule in Europa, die 2004 in Passivhaus-Bauweise errichtet wurde. Demnach, schätzen die Gutachter, verliert die Schule durch das Öffnen der Türen zum Schulhof jährlich eine halbe Kilowattstunde pro Quadratmeter an Wärme. Als Passivhaus gilt ein Gebäude, wenn es pro Quadratmeter und Jahr nicht mehr als 15 Kilowattstunden verbraucht. Normal sind 100 bis 200 Kilowattstunden.

160 Schulen gibt es in Frankfurt. Davon sind sieben als Passivhäuser errichtet, weitere 29 haben Gebäudeteile als Passivhaus gebaut oder ertüchtigt. Bei den Kitas sind die Zahlen noch besser. 30 Kitas wurden als Passivhaus gebaut, insgesamt gibt es 73.

Nur offene Fenster helfen

Auch das Gymnasium Riedberg ist ein Passivhaus. Schulleiter Helmut Kühnberger ist im allgemeinen zufrieden damit. „Nur bei der Luftqualität gibt es Beschwerden bei Schülern und Eltern.“ Im Winter könne die erwärmte Frischluft zu trocken sein. „Wenn man die Fenster öffnet, geht die Wärme verloren“, so Kühnberger.

Das Institut Fresenius jedoch empfahl nach einer Untersuchung der Passivhausschule Preungesheim genau dies: Gut lüften. Prof. Ursel Heudorf vom Stadtgesundheitsamt bilanziert: „In der Praxis zeigte sich, dass eine gute Luftqualität in Klassenräumen auch in den Passivhausschulen nur bei guter Fensterlüftung in den Pausen zu erreichen war.“ Die Lüftungsanlagen reichen also nicht aus, oder sie werden falsch bedient.

Philipp Schaller, Elternbeiratsvorsitzender am Gymnasium Riedberg, ist genau deshalb sauer: „Priorität eins bei einer Schule muss die Luft sein. Doch die Luft ist nicht gut. Das Stadtschulamt selbst empfiehlt, bis zu drei Mal pro Stunde zu lüften.“ Die Bemühungen zur Energieeinsparung werde dadurch konterkariert. „Der Passivhaus-Standard ist für Schulgebäude nicht geeignet“, bilanziert Schaller.

Dabei sei weniger der Winter als der Sommer problematisch. Die Lüftung wird automatisch gedrosselt, wenn es draußen zu warm wird, und die Fenster müssen geöffnet werden. Dann kommt die Hitze herein. „Das ist nicht zu Ende gedacht“, so Schaller.

Dass die Erfahrungen mit Passivschulen nicht nur positiv sind, bestätigt Alix Puhl, Vorsitzende des Stadtelternbeirats: „Es ist bei Passivhaus-Schulen ganz wichtig, dass die Leute gut geschult sind. Beim jetzigen Mangel in der Schulverwaltung und dem Personalwechsel ist das nicht ganz einfach. Wenn der Hausmeister mal Urlaub hat, geht nichts mehr.“ Passivhäuser funktionierten nur, wenn man weiß, wie man sie bedient. Schulungen seien nötig.

Spareffekt ist messbar

Real gemessen gibt es tatsächlich einen Spareffekt. So lag der Stromverbrauch bei den Passivhaus-Schulen (im Jahr 2012) im Schnitt 22 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr, der Heizenergieverbrauch bei 32.

Das ist zwar mehr als jene 15 Kilowattstunden, die das private Passivhaus-Institut als Richtwert ausgibt, es ist aber noch immer weniger, als in einer normalen Schule benötigt würde. Der größere Heizbedarf ist auch dem Umstand geschuldet, dass in den Klassenzimmern oft wärmer geheizt wird, als in den Berechnungen vorgesehen.

Peter Paul Thoma, Obermeister der Heizungsbau-Innung in Frankfurt, ist auch Geschäftsführer des Bundesverbands für Wohnungslüftung. Er stellt fest: „Die Häuser werden heute so dicht gebaut, dass man immer an eine ausreichend dimensionierte Lüftung denken muss.“ Pro Kind rechnet Thoma mit 20 Kubikmetern pro Stunde. Bei 30 Kindern pro Klassenzimmer sind dies zehn Kubikmeter Frischluft pro Minute. „Man muss es schon in der Planung berücksichtigen. Sonst wird man nachher die Kohlendioxid-Ampeln aufstellen.“

Genau das hat Sylvia Weber jetzt für die sieben Passivhaus-Schulen veranlasst. 37 000 Euro gibt die Stadt dafür aus. 175 Räume werden mit Geräten ausgestattet, die anzeigen, wenn der Sauerstoffgehalt unter einen kritischen Wert sinkt. Die Bildungsdezernentin hofft: „Vielleicht bessert sich dadurch das Lüftungsverhalten.“

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