E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 20°C

Eltern fürchten um Betreuung

Das geplante Kinderförderungsgesetz von CDU und FDP ist heiß umstritten: Eltern protestieren, Wohlfahrtsverbände machen mobil, die Opposition ruft zur Rücknahme auf. Doch welche Auswirkungen hat das geplante Gesetz überhaupt für die Frankfurter Kinderbetreuung?
Kindgerechte Betreuung mit 16 Kindern in einer Gruppe? Unmöglich, finden die Teilnehmer der Kundegbung in der Kita Sternenwelt am Samstag.	Foto: Roessler Kindgerechte Betreuung mit 16 Kindern in einer Gruppe? Unmöglich, finden die Teilnehmer der Kundegbung in der Kita Sternenwelt am Samstag. Foto: Roessler
Frankfurt. 

Vergrößerung der Kita-Gruppen, fachfremdes Personal im Kindergarten und gekürzte Öffnungszeiten von Betreuungsstätten: Das droht hessischen Familien mit dem neuen Kinderförderungsgesetz (Kifög). Der Gesetzentwurf von CDU und FDP stößt auf heftige Kritik - vor allem, weil die neuen Vorgaben weit unter den Standards liegen, die in Frankfurt bereits herrschen. Knackpunkte sind der Personalschlüssel, der bis zu 20 Prozent fachfremdes Personal erlaubt, sowie die Tatsache, dass sich die Zahl der Betreuer zukünftig pro Kind und nicht mehr pro Gruppe richtet. Die Folge: Ein Anwachsen der Gruppengröße in der Betreuung der Unter-Dreijährigen (U3).

"Das geplante Gesetz reibt uns auf", sagt Birgit Wess, Leiterin der Kindertagesstätte (Kita) Sternenwelt in Bergen-Enkheim. Deshalb rief sie zum Protest auf. Am Samstag kamen zur Kundgebung rund 60 Teilnehmer in die Sternenwelt. Wess freut sich über die positive Resonanz: "Eltern, Betreuer, aber auch Mitarbeiter von städtischen Einrichtungen waren da." Auch Großeltern, die in der Betreuung ihrer Enkel mitreden wollen, nahmen teil. Der von CDU und FDP hervorgebrachte Gesetzentwurf beschäftigt - und wirft dabei viele Fragen auf.

Größere Gruppen

Eine davon ist, was sich an der Gruppengröße in Kindertagesstätten ändern wird. "Derzeit arbeitet Frankfurt in der U3-Betreuung mit einer Gruppengröße von zehn, maximal zwölf Kindern", erklärt Elke Voitl, die im Bildungsdezernat für die Kinderbetreuung zuständig ist. Das neue Kifög sieht Gruppen von bis zu 16 Kindern vor, gestaffelt nach dem Alter der Kleinen.

"Da können die Kinder mit zwei Erziehern gerade noch versorgt werden", kritisiert Sabine Drexler-Wagner vom Beratungs- und Verwaltungszentrum (BVZ). "Aber die Komponente der Bildung fällt komplett heraus." Voitl versucht, zu beruhigen: "Nach Eintritt des Kifög wird sich die Gruppengröße nicht ändern." Auch im Kindergarten bleibt alles beim Alten: Hier ist weiterhin eine Gruppengröße von 25 Kindern vorgesehen, dies entspricht der Gegenwart in Frankfurter Kitas. Problematisch ist laut Voitl jedoch die Tatsache, dass die Gruppengröße nicht mehr reduziert wird, wenn behinderte Kinder mitbetreut werden. "Für die Inklusion ist das sehr problematisch", kritisiert sie.

680 Kindertagesstätten gibt es in Frankfurt. 140 davon sind kommunal betrieben, rund 12000 Kinder kommen hier unter. Die herrschenden Standards liegen dabei bereits höher als jene, die das Gesetz vorsieht. Daher ist die Sternenwelt nicht die einzige Einrichtung, die das Gesetz kritisch sieht. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege Hessen macht mit der Kampagne "Kifög - So nicht!" mobil. "Unser Aktionsbündnis wirbt für kleinere Kita-Gruppen, qualifiziertes Fachpersonal und die Inklusion von Kindern mit Behinderung", erklärt Thomas Domnick von der Liga.

Ganztagsangebot bleibt

Auch die Öffnungszeiten sind ein Punkt, der auf Kritik stößt. Das Land will zukünftig nur noch 42,5Stunden pro Woche bezuschussen. "Alleine bei den Kindergärten haben wir zu 68Prozent ein Ganztagsangebot", erklärt Voitl. Familien, in denen beide Eltern arbeiten, werden zunehmend häufiger. "Wir werden als Kommune natürlich die Differenz übernehmen, keine Kita wird zukünftig früher schließen."

Trotzdem sieht Marek Körner vom Paritätischen Landesverband in Frankfurt das geplante Gesetz "kritisch". "Besonders kleine Träger mit relativ geringer Nachfrage haben unter dem Kifög zu leiden", erklärt er. Dabei sei es gleich, ob die Institution von der Kommune oder von einem Wohlfahrtsverband unterhalten wird.

Die Stadt Frankfurt will von der Angst etwas nehmen: "Wir sind davon überzeugt, dass unsere Standards erhalten werden sollen", betont Voitl. "Wir werden nichts ändern, was unter der Betreuungs-Qualität liegt, die wir in Frankfurt bereits haben." Seit Jahren ist die Kinderbetreuung ein bedeutendes Thema. "Seit 2003 haben wir fast 10000 Plätze ausgebaut", sagt Voitl. "Wir werden auch weiterhin mit Hochdruck am Ausbau arbeiten." Ab August haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihre Kleinsten. Im Kindergarten ist bereits eine Abdeckung von 96 Prozent erreicht, in der U3-Betreuung hingegen liegt die Versorgungsquote bei nur 39 Prozent. "Ob Eltern jedoch tatsächlich klagen werden, ist schwer einzuschätzen. Auch wenn es zur Klage kommt, gibt es keine Präzedenzfälle."

In vielen Kritikpunkten stimmt Voitl den Eltern zu. "Die 20-prozentige Öffnung für fachfremdes Personal sehen wir hoch problematisch." Der Personalschlüssel für Kitas wird vom Stadtverordnetenbeschluss geregelt. Dieser sieht vor, dass fachfremdes Personal ergänzend in die Kita kommen kann, jedoch nicht als Erzieher. "Daran wird sich in Zukunft nichts ändern."

In der Verantwortung aller

Die Zusagen gelten laut Voitl für alle Frankfurter Kitas - ganz gleich, ob kommunaler oder freier Träger. "Als Bildungsdezernat stehen wir in der Verantwortung aller." Sternenwelt-Leiterin Wess bleibt trotzdem kritisch. Träger der Kindertagesstätte in Bergen-Enkheim ist die Evangelische Kirchengemeinde. "Wir sind kein Profitunternehmen, wir sind auf Zuschüsse von Land und Stadt angewiesen." Dass für die Bezuschussung zwar Versprechen gemacht werden, aber es keine gesetzliche Grundlage gibt, sieht sie deswegen problematisch.

SPD, Grüne und Linkspartei stimmen in die Kritik ein. Sie haben die Regierungsfraktion bereits aufgefordert, den Entwurf zurückzuziehen. Eltern und Erzieher in Frankfurt bleiben deshalb zunächst guter Dinge. "Wir sind guter Hoffnung, dass der Entwurf noch überdacht wird", sagt Wess. Gespannt wartet sie den 7.März ab - dann ist die nächste Lesung des Entwurfs im Landtag angesetzt.

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen