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"Endlich einmal durchschlafen"

Demonstrieren im Schlafen – das klingt verrückt, war aber sehr ernst gemeint: Fluglärmgegner übernachteten öffentlich auf dem Flughafens, weil ihnen die Flieger zu Hause den Schlaf rauben. Unser Mitarbeiter Moritz Eisenach hat die Nacht mit ihnen geteilt.
Schlaflos zu Hause: 20 Fluglärmgegner richteten sich im Terminal 1 ihr Lager ein, um für die Einhaltung des Nachtflugverbots zu kämpfen. Bilder > Schlaflos zu Hause: 20 Fluglärmgegner richteten sich im Terminal 1 ihr Lager ein, um für die Einhaltung des Nachtflugverbots zu kämpfen.
Frankfurt. 

Wir trafen uns um kurz vor 20 Uhr. Terminal 1, gegenüber von den Check-In-Schaltern. Trotz des Gewusels der unzähligen Reisenden konnten wir uns nicht verfehlen. Zelte, Plakate, Schlafsäcke und Luftmatrazen verrieten: Hier ist das Treffen der Fluglärmgegner.

Eine ganz neue Art des Demonstrierens sollte stattfinden: Protest im Schlaf. Das Bündnis der Bürgerinitiativen im Rhein-Main-Gebiet hatte zum "Sleep-In" mitten auf dem Frankfurter Flughafen aufgerufen, um auf die wachsende nächtliche Belastung durch Fluglärm aufmerksam zu machen. Diese Art von Demo ist augenscheinlich nicht jedermanns Sache: Ganze 20 Betroffene fanden sich zusammen. Ich mittendrin, mit Block und Kuli, Isomatte und Schlafsack.

19.56 Uhr – Mit-Organisator Berthold Fuld hält eine kleine Ansprache. "Wir sind hier, weil wir endlich wieder einmal acht Stunden durchschlafen wollen", sagt er. Seine Mitstreiter haben da schon ihre Schlafsachen ausgepackt, geben lautstark ihre Zustimmung kund. Fuld wird lauter, Empörung ist unüberhörbar: "Trotz des Nachtflugverbots starten und landen bis zu 50 Flüge pro Nacht mit Ausnahmegenehmigung. Es kann nicht sein, dass hier systematisch das Recht gebeugt wird!"

Fraport-Sicherheitsmitarbeiter hatten eigentlich den Auftrag, Fluggäste und Passanten umzuleiten – die Schlaf-Demo sollte möglichst wenig auffallen. Einige Neugierige kamen trotzdem. "Ich finde es gut, den Protest mitten ins Herz des Flughafens zu verlagern", sagt ein junger Mann. Ein Fluggast fragt verdutzt, ob es in den Wohnungen der Menschen tatsächlich lauter sei als hier im Terminal: "Das hält doch kein Mensch aus!"

21.45 Uhr – Unruhe kommt auf. Die Demo-Organisatoren hätten ihr Schlaflager eigentlich an einem anderen Ort aufschlagen müssen – so war‘s vereinbart. Ein Polizeibeamter kommt, sein Name ist Clemens Lahr, er sagt: "Die Schlafsäcke müssen definitiv um 22 Uhr verschwinden."

So etwas lässt sich kein Demonstrant gerne sagen, allerdings macht auch das Gerücht die Runde, wenn man jetzt nicht den Anweisungen gehorche, könne das Konsequenzen für die Montagsdemos haben. "Die Ordnungsbehörde sucht ein Haar in der Suppe", regt sich Ingrid Kopp auf. Die Bündnissprecherin der Bürgerinitiativen sagt auch: "Wenn Verbindungen zwischen dem Sleep-In und unseren Montagsdemos konstruiert werden, gehen wir gerichtlich dagegen vor." Genaueres weiß allerdings keiner so richtig.

Umzug mit Protestlied

22.07 Uhr – Die Demonstranten folgen Fulds Aufruf (allerdings nur widerwillig) und ziehen ein paar hundert Meter weiter, um ein Paar Ecken, zum vorgesehenen Schlafplatz. Quer durch den Terminal ziehen sie mit Gepäck und Transparenten, sie skandieren lauthals: "Ene, mene, miste – gegen eure Piste! Ene, mene, meck – der Krach muss weg!"

22.17 Uhr – das Ziel ist erreicht, die Zelte werden aufgeschlagen, Schlafmatten ausgelegt, Transparente in Position gebracht. Langsam kehrt Ruhe und wohl auch Müdigkeit ein. Zeit zum Plaudern.

Gabriele und Klaus-Dieter Franz aus Kelkheim haben es sich auf ihren Camping-Stühlen bequem gemacht. "Wir sind weniger stark betroffen. Aber wir wissen, wie schlecht es den Menschen geht, die in den direkten Anfluggebieten leben", sagt Gabriele Franz. "Die Leute bekommen keine Ruhe, also sollen sie auch keine Ruhe geben."

Ihr Mann habe sich mit den politischen Entwicklungen zum Fluglärm auf EU-Ebene beschäftigt: "Es wurde eine Verordnung dazu vorgeschlagen. Erst im Anhang wird deutlich, wo die Prioritäten liegen: Bei den wirtschaftlichen Interessen", sagt er.

Andrea und Kai Bettermann aus Niederrad liegen in ihrer Strandmuschel. "Wir haben Kinder und Hunde", sagt sie. Die seien zwar auch manchmal laut, "aber erstens weiß man bei denen, dass es vorbei geht. Zweitens ist die eigene Bewertung ausschlaggebend." Man warte ja fast auf die Starts der Flieger, "nur damit man sich darüber ärgern kann", beschreibt sie den zermürbenden Dauerfrust mit dem Fluglärm.

Letzte Worte überdröhnt

Silke Alves-Christe, Pfarrerin aus Sachsenhausen, geht es ähnlich. "Ich lebe in einem Unrechtsstaat, der die Geldgier der Fraport höher achtet als mein Recht auf körperliche Unversehrtheit", steht auf ihrem Schild. Die Situation sei unwürdig, sagt sie: "Wenn die Angehörigen eines Verstorbenen am Grab die letzten Segensworte nicht verstehen können, weil ein Flugzeug darüber dröhnt, wird mir die schlimme Lage am deutlichsten bewusst", klagt die Pfarrerin.

0.23 Uhr – die Schlafdemonstranten beschimpfen scherzhaft die Putzkolonne wegen ihres lärmenden Fahrzeugs.

0.46 Uhr – das Deckenlicht wird heruntergedimmt, das freut die Demonstranten. "Das ist ja richtig aufmerksam von der Fraport", sagt Volker Marx vom Netzwerk für Umwelt und Klima in Rhein-Main, der im violetten Pyjama einzuschlafen versucht.

2.52 Uhr – das Licht wird wieder eingeschaltet. Die Gespräche sind merklich leiser geworden, die ersten schlafens schon.

3.00 Uhr – bin ich der letzte, der noch wach ist? Ich drehe mich im Schlafsack um: Endlich Augen zu – angenehme Ruh!

Es ist 6.08 Uhr, als uns Künstler Obelix vom Donnersberg mit einem Jagdhorn weckt. Wir frühstücken gemeinsam, dann geht‘s heim.

6.48 Uhr – ich sitze im Auto, will nach Hause fahren. Da höre ich ein Flugzeug starten . . .

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