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Zufluchtsort Frauenhaus: Endlich sicher – vor ihrem Mann

Von Jede vierte Frau in Deutschland ist Opfer häuslicher Gewalt. Der Verein „Frauen helfen Frauen“ leistet Hilfe und Unterstützung. Er betreibt auch ein eigenes Frauenhaus. Allein im vergangenen Jahr suchten 73 Frauen mit 68 Kindern dort Zuflucht.
Pinar* (24) hat Zuflucht im Frankfurter Frauenhaus gefunden. Jahrelang hat sie ihr Ehemann verprügelt und misshandelt, zwei Mal hat er sie so zugerichtet, dass sie zur Behandlung ins Krankenhaus musste. Nun möchte sich die junge Mutter mit ihren zwei Kindern eine neue Existenz aufbauen. Bilder > Foto: Salome Roessler Pinar* (24) hat Zuflucht im Frankfurter Frauenhaus gefunden. Jahrelang hat sie ihr Ehemann verprügelt und misshandelt, zwei Mal hat er sie so zugerichtet, dass sie zur Behandlung ins Krankenhaus musste. Nun möchte sich die junge Mutter mit ihren zwei Kindern eine neue Existenz aufbauen.
Frankfurt. 

Madeleine Baumeister (35) hat schon viel gesehen. Geschlagene, geprügelte, vergewaltigte Frauen, missbrauchte Kinder, gebrochene Seelen. Seit zwölf Jahren arbeitet die Sozialpädagogin im Frankfurter Frauenhaus des Vereins „Frauen helfen Frauen“. 73 Frauen mit 68 Kindern suchten dort im vergangenen Jahr Schutz. Jede hat ihre eigene Geschichte, doch alle ähneln sie sich.

„Die Gewalt beginnt nie einfach so, sie kündigt sich an“, weiß die Sozialpädagogin. „Es fängt vielleicht damit an, dass der Mann eifersüchtig ist. Er beginnt, die Frau sozial zu isolieren, kontrolliert sie: ,Wo bist du gewesen?‘ Er gibt ihr das Gefühl, dass sie nichts richtig machen kann. Dann kommt die Gewalt“, schildert Baumeister den typischen Verlauf. Es fängt mit Schubsen an oder mit Haare ziehen, mit einer Ohrfeige – bis die Gewalt irgendwann ihren Höhepunkt erreicht. „Dann zeigt der Täter vermeintlich Reue, entschuldigt sich. Und so dreht sich das immer weiter.“ So war es auch bei Pinar (siehe Beitext).

Gemütliche Sitzecke für schwere Themen
Mit ihm kroch die Angst zur Tür herein

Pinars* neues Leben beginnt an dem Tag, als ihr Neffe stirbt. Mehr als 3000 Kilometer entfernt, im kurdischen Teil der Türkei, öffnet das Schicksal eine neue Tür. Eine Tür zu entkommen.

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Tief in den Tätern drin

Wer einmal zuschlägt, davon ist Baumeister überzeugt, schlägt wieder zu, wenn er sich keine professionelle Hilfe holt. „Häusliche Gewalt fußt auf etwas. Da geht es um die traditionellen Geschlechterrollen. Das ist tief in den Tätern drin.“

Wobei Gewalt nicht immer körperlich sein muss. Viele Frauen sind auch Opfer massiver psychischer Gewalt. Baumeister erzählt von einer Bewohnerin, deren Mann sich jeden Abend in einen Sessel setzte, damit sie ihm die Schuhe auszog. „Aber vorher musste sie die Sohlen ablecken.“ Der Mann einer anderen Frau habe jede Nacht seine Axt mit ins Bett genommen, um sie einzuschüchtern.

Zwei von drei Bewohnerinnen sind Migrantinnen, mehr als die Hälfte der Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit hat türkische Wurzeln. Aber, das betont Baumeister: „Häusliche Gewalt ist kein Migrantenproblem.“ Es gibt sie in allen Schichten. „Wir hatten schon gut situierte Klientinnen hier, die Frau eines Botschaftsangehörigen, eine Ärztin. . .“ Jede vierte Deutsche und jede dritte Frau weltweit wird Opfer häuslicher Gewalt.

Info: Beratungsangebote

Der Verein „Frauen helfen Frauen“ betreibt eine Beratungsstelle in der Berger Straße 40-42. Dort trifft sich zwei Mal im Monat, immer dienstags von 17 bis 18 Uhr, eine Selbsthilfegruppe.

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Besonders gefährdet sind laut Baumeister Frauen, die in traditionellen Beziehungen leben. Die Frauen, die Zuflucht im Frauenhaus suchten, seien in der Regel aber jene, die besonders abhängig von ihrem Mann sind. Alle anderen konsultierten eher die Beratungsstelle.

Ins Frauenhaus führen viele Wege: Die meisten Frauen werden über die Polizei vermittelt (18 Prozent), manche kommen aus anderen Frauenhäusern (15 Prozent), wieder andere finden den Weg über die Jugend- und Sozialämter. Auch Rechtsanwälte, Krankenhäuser und Beratungsstellen vermitteln.

Drei von fünf Bewohnerinnen haben Kinder. Für sie sei es besonders wichtig, der Gewalt zu entkommen. Laut Baumeister macht es keinen Unterschied, ob ein Kind selbst Gewalt erfährt oder „nur“ erlebt, wie der Mutter Gewalt angetan wird. „Beides ist für die geistige und körperliche Entwicklung des Kindes gleich schlimm“, erklärt sie. Das Ganze hat noch eine zusätzliche Dimension: „Häusliche Gewalt wird weitergegeben. Die Jungs, die sie erleben, werden eher Täter, die Mädchen eher Opfer.“

Ein Mietvertrag im Frauenhaus läuft neun Monate. Bei Bedarf können die Frauen länger bleiben. Aber, das betont Baumeister: „Wir sind eine Kriseneinrichtung. Unser Ziel ist es, die Frauen zu befähigen, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Pro Tag zahlen die Bewohnerinnen 14 Euro Miete. Können sie diesen Betrag nicht selbst bestreiten, springt das Jobcenter ein. Die Mieteinnahmen allein aber reichen bei Weitem nicht, um die Kosten zu decken. Der Verein ist auf staatliche Unterstützung, auf Spenden, Buß- und Stiftungsgelder angewiesen.

„Ich bin kein Hund mehr“

Trotz der schlimmen Schicksale, die sie erlebt, macht Baumeister die Arbeit im Frauenhaus Freude. „Mein Vorteil ist, dass ich hier arbeiten darf, wo die Frauen in Sicherheit sind.“ Was sie begeistere sei, wie stark die Bewohnerinnen sind, sagt sie und erzählt von einer Frau, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist. Als die Dame ins Frauenhaus einzog, war sie völlig verstört und verunsichert. Doch sie kämpfte sich zurück ins Leben, fand eine Wohnung, einen Job, einen neuen Partner. Sie zog aus mit den Worten: „Ich weiß jetzt, dass ich kein Hund mehr bin.“

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