Frankfurter Neue Presse, Frankfurt
Er lässt die Muskeln spielen
von Mirco Overländer
Wolfgang Müller weiht Interessierte beim TVN in Geheimnisse der Kampfkünste ein
Durch das Engagement des Kampfsport-Experten Wolfgang Müller will der Turnverein Niederrad neue Mitglieder gewinnen. Zu Müllers sechs neuen Kursen zählen auch philippinischer Stockkampf und Kali-Silat. Wir haben den Nahkampf-Profi nach dem Reiz der fernöstlichen Kampfsportarten gefragt.
Niederrad. 

Kampfsport ist ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Teil im Leben von Wolfgang Müller (55). Der neue Kampfsport-Trainer des Turnvereins Niederrad bietet seit kurzem wöchentliche Trainingseinheiten zu sechs verschiedene Kampfsportstilen an. "Wir wollen mit diesen neuen Angeboten eine Mitgliederlücke schließen", sagt TV-Sportwart Christian Heidrich. Denn rund die Hälfte der 900 Vereinsmitglieder sind Jugendliche. Bei den erwachsenen Mitgliedern mangelt es indes an jungen Männern. Dieser Mangel soll durch die just angelaufene "Kampfsportoffensive" behoben werden.

Auch wenn Wolfgang Müller auf den ersten Blick nicht furchteinflößend aussieht, sollte man ihm besser nicht mit feindseliger Absicht auf der Straße begegnen. Seit seinem 15. Lebensjahr praktiziert Müller Ji Jutsu, Karate, Judo, Kickboxen und fast alle populären Kampfsportarten. 1987 entdeckte er während eines dreimonatigen Aufenthalts auf den Philippinen den auch als Eskrima bezeichneten philippinischen Stockkampf für sich.

"Im Laufe der Zeit hat sich eins zum anderen gefügt", sagt Müller über das Hobby, das sein Leben dominiert. Sein Engagement beim TV Niederrad fädelte Christian Heidrich ein: Er war Müllers einstiger Stockkampf-Schüler und bot dem Kampfsportler in der geräumigen Turnhalle des Vereins eigene Trainingsräume an. Ein Angebot, das Müller nicht ausschlagen konnte.

Erschwingliches Kursangebot

Neben dem exotischen Stockkampf gibt Müller in Niederrad künftig auch Stunden in Kickboxen, Jeet Kune Do, Flexibel Combat Fight System, Selbstverteidigung gegen Messerattacken, Kali-Silat und Grappling. Wer einen dieser Kurse belegen möchte, zahlt neben der monatlichen Mitgliedsgebühr von elf Euro eine Kursgebühr von fünf Euro. Die Trainingseinheiten sind sowohl für Fortgeschrittene als auch für Anfänger geeignet. Natürlich sind auch Frauen stets willkommen.

Menschen, die hoffen, sich durch fleißiges Training in wahre Kampfmaschinen zu verwandeln, haben bei Wolfgang Müller allerdings keine Chance. "Wenn jemand eine gewisse Grundaggressivität mitbringt, schaue ich mir das eine Weile an und schicke ihn nach Hause, wenn er sich nicht in die Gruppe einfügt", sagt der weit gereiste Kampfsportexperte. Während seiner Lehrzeit auf den Philippinen und in den USA erlangte Müller nicht nur geistige Läuterung, sondern auch Respekt vor dem Trainingspartner: "Auf den Philippinen sind die Leute nicht sehr zimperlich. Aber wer seinen Partner beim Training verletzt, der schadet sich selbst."

Wolfgang Müller ist ohne Frage ein Kampfsportnarr. "Wenn man das Buch einmal aufschlägt, begleitet es einen das ganze Leben", sagt er. Erfahrene Kampfsportler wie er wissen, dass die vollkommene Perfektion des eigenen Kampfstils ein gradueller Prozess ist, dessen Ende nie erreicht ist.

"Mich faszinieren Bewegung, Genauigkeit und Effektivität an diesem Kampfstil", sagt Müller über den philippinischen Stockkampf. Die Wurzeln dieser fernöstlichen Kampftechnik liegen im Dunkeln, da die traditionelle Kultur der Philippinos während der Kolonialzeit fast völlig vernichtet wurde. Der Stockkampf mit seinen etwa 300 verschiedenen Stilrichtungen ist ein martialisches Überbleibsel der Kultur des äußerst kampferprobten Inselvolks. Gekämpft wird traditionell mit 80 bis 190 Zentimeter langen Rattanstöcken. Optional wird auch mit Messer und Stock gekämpft.

Komplexe Bewegungsabläufe

"Beim philippinischen Stockkampf wird zwischen den drei Grund-Distanzen lang, mittel und kurz unterschieden", erläutert Müller. Während die Lang-Distanz Schläge auf die Hand ermöglicht oder verteidigt, geht es bei der mittleren Distanz um Kopftreffer, die Nahdistanz umfasst sowohl Kopf- als auch Körpertreffer. Eskrima oder auch Kali-Silat sind anders als Judo keine Kampfsportarten, die nur auf Selbstverteidigung abzielen. Doch das reguläre Training ist vielmehr eine eingeübte Choreographie als wildes "Drauflosschlagen".

Bevor ich einem meiner Schüler erlaube, sich zu einem Wettkampf anzumelden, vergehen mindestens zwei Jahre", sagt Wolfgang Müller. Der Kampfkunst-Meister erlitt selbst etliche Finger- und Rippenbrüche. Er warnt daher eindringlich davor, sich zu früh an übergroßen Herausforderungen zu messen.

Wer Interesse an einem kostenlosen Schnuppertraining bei Wolfgang Müller hat, findet die Trainingszeiten auf der Website www.tv-niederrad.de im Internet.

Artikel vom 03.11.2012, 02:50 Uhr (letzte Änderung 13.04.2013, 12:43 Uhr)
Artikel: http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Er-laesst-die-Muskeln-spielen;art675,235876