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Erst der Krach, jetzt der Ärger

Von 150 Millionen Euro! Mit so viel Geld, so versprachen das Land Hessen und die Fraport vor gut einem Jahr, sollte die Not der Menschen gelindert werden, die unter der neuen Landebahn zu leiden haben. Passiver Lärmschutz lautete das Zauberwort. Heute überwiegt bei vielen Betroffenen die Enttäuschung.
Frankfurt. 

Das Wohnzimmer von Christopher und Franca Koch wird dominiert von einer meterlangen Fensterfront. Sie eröffnet einen herrlichen Blick auf einen großen Garten. Doch zugleich hat der Fluglärm leichtes Spiel, in die Wohnung einzudringen.

Christopher Koch deutet nach draußen: "Da hinten", sagt er und weist auf die Hecke am Ende des Rasens, "da hinten fängt die Tagschutzzone 1 an." Wer dort wohnt, den hat die Bürokratie zum Haupt-Lärmopfer ernannt, der kriegt offiziell das meiste Geld für passive Schallschutzmaßnahmen.

Familie Koch wohnt sozusagen auf der Grenze zur Tagschutzzone 1, und das heißt für die Bürokratie: Sie lebt außerhalb von Zone 1. "Für uns ist das schlecht", sagt Koch. "Obwohl es bei uns keinen Deut leiser ist, haben wir hier kein Anrecht auf Schallschutzfenster." Allenfalls für die Dämmung der Schlafräume könne er mit einem Zuschuss rechnen. Doch auch das scheint nicht einfach zu sein:

Der Jurist stellte vor fast einem Jahr beim Regierungspräsidium in Darmstadt einen Antrag auf Kostenerstattung. Bisher erhielt er nur einen kurzen Zwischenbescheid – mehr nicht.

Jurist Koch hat jetzt eine Untätigkeitsklage eingereicht. Die Familie hat bereits 12 000 Euro in neue Fenster investiert. "Wir haben die Räume im ersten Stock vermietet, da mussten wir dringend was machen." Die Familie wird aller Voraussicht nach auf ihren Kosten sitzenbleiben.

Nur 20 Prozent Zuschuss

Erst der Krach, jetzt der Ärger. So ergeht es vielen Familien in Frankfurt. Die Millionensummen, die vom Land und von Fraport wie Heilsversprechen vollmundig verkündet wurden – sie haben bei den Betroffenen die Enttäuschung nur noch vergrößert. Weil das Geld, wenn überhaupt, nur tröpfelt, und weil es auch nicht wirklich hilft.

Prof. Christian Conrad und seine Frau Nicole wohnen mit drei Kindern im Lerchesbergring. Vor einem Jahr stellten sie einen Antrag auf Kostenübernahme. Vor drei Wochen, am 4. September, bekamen sie einen Zuschuss in Höhe von 4396 Euro in Aussicht gestellt. Eine Summe, die lächerlich wirkt angesichts der Kosten, die eine wirksame Schallschutzmaßnahme verlangt. Prof. Dr. Conrad: "Unser Haus wurde extra hell gebaut, hat viele Fenster. Wir haben 35 Quadratmeter Fensterfläche ausgetauscht – das kostete bereits 19 200 Euro."

Trotz Schallschutz lärmt es

Doch trotz dieser Investition (Nicole Conrad: "Was machen eigentlich Leute, die das Geld nicht haben?") dringt weiterhin dröhnender Lärm durch die großzügigen Fensterfronten in die Wohnung. "Unser Problem ist", sagt Nicole Conrad, "dass unsere Rollladenkästen nicht komplett isoliert werden können. Eine Alternative wären dickere Fenster gewesen, aber die passen nicht in die bisherigen Rahmen."

Trauriges Fazit: Viel Geld ausgegeben – recht wenig Schutz vorm Lärm bekommen, und so gut wie keine Hilfe von der öffentlichen Hand. Zwar halten die neuen Fensterfronten gut 41 Dezibel vorm Eindringen ins Gebäude ab, doch die Flugzeuge donnern mit mehr als 80 Dezibel übers Haus, bleiben also mehr als 40 Dezibel dröhnender Lärm in der Wohnung. Christian Conrad überlegt, gegen den kargen Zuschuss Widerspruch einzulegen. Doch die Hoffnung, sagt er, sei nicht groß.

Auch abseits des Lerchesbergs donnern seit Oktober 2011 die Flugzeuge im Minutentakt über Sachsenhausen. Für die Stadtverordnete Ursula auf der Heide (Grüne), die im Grethenweg wohnt, war das Maß irgendwann voll. "Jeden Morgen um fünf Uhr aus dem Schlaf gerissen zu werden, das macht einen fertig", sagt sie. Sie ließ für rund 5500 Euro eine Lüftungsanlage in ihr Schlafzimmer einbauen und die Fenster im Wohnzimmer austauschen.

Im Juli stellte Ursula auf der Heide Antrag auf Kostenübernahme. Diesmal ging‘s ganz schnell: Schon am nächsten Tag wurde der Antrag abgelehnt. Begründung: Ihre Wohnung liegt nicht im Lärmschutzbereich.

"Ich habe meinen Antrag auf passiven Schallschutz trotzdem gestellt, um zu erfahren, wie differenziert die Antwort ausfällt", sagt die Stadtverordnete. Bei ihr wurden bis zu 76 Dezibel gemessen; Ursula auf der Heide fordert, dass die Schallschutzzonen an reale Messwerte angepasst und folglich ausgeweitet werden müssen. "Auch die topographische Lage muss berücksichtigt werden", sagt sie.

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