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Autor und Poet Jan Cönig im Portrait: Erwachsenwerden ist auch nur eine Meinung

Der Frankfurter Poetry Slammer Jan Cönig hat ein Buch geschrieben. Darin reitet er nackt auf einem Esel, rauscht in einer brennenden Seifenkiste gen Gartenteich und jagt seine WG in die Luft. Ist das nur kindischer Quatsch?
Porträt von  Jan Cönig im Café Karin. Großer Hirschgraben 28, Innenstadt, Frankfurt. Aufgenommen am 13.11.2017. Foto: Leonhard Hamerski Porträt von Jan Cönig im Café Karin. Großer Hirschgraben 28, Innenstadt, Frankfurt. Aufgenommen am 13.11.2017.
Frankfurt. 

Das Café Karin an der Hauptwache, ein verregneter Tag im November: Bedienungen huschen von Tisch zu Tisch, zwei junge Frauen klagen einander lautstark ihre Männerprobleme, Anzugträger treffen sich zum Lunch. In einer Ecke wartet über ein Buch gebeugt Jan Cönig, 35, breite Schultern, Rauschebart, in den stoppelkurzen Haaren glänzt das erste Grau.

Cönig kommt gern zum Schreiben hierher. Dann beobachtet er, wie alles um ihn herum lebt, bewaffnet mit Stift und Block, im Glas eine „Frische Minze“. Heute schlürft er einen  Cappuccino. Ausnahmsweise. Er ist müde. Die Premiere seines Erstlingswerkes  „Küss die Taube!“ steht kurz bevor.

Drei Jahre hat Cönig an seinem Buch gewerkelt. Es erscheint im kleinen Wetterauer Reimheim-Verlag. Er erzählt darin aus dem aberwitzigen Leben seiner fiktiven WG. Insgesamt 45 Geschichten über die furzende Koma-Taube Taubias, über Hubschraubermenschen im Supermarkt oder über das Sternzeichen Feuertornado hat er sich ausgedacht. Dass das im ersten Moment alles wie Blödsinn klingt, gibt der Autor unumwunden zu. Hinter seinen Erzählungen steckt aber ein Konzept.

Antriebslose Biertrinker und Poetry-Slam

Cönig, der selbst nie in einer WG gelebt hat, lässt den antriebslosen Biertrinker Müller, den Frotteeschlafanzugträger Nils und den stets neutralen Jan einen Stellvertreterkrieg der Lebensansichten führen. Sie diskutieren, streiten, lachen und saufen. Und manchmal ist der Sinn, dass es keinen Sinn gibt. „Je ernster es wird, desto abstruser muss es werden, damit man nie den Spaß verliert“, sagt Cönig. An der Ernsthaftigkeit des Lebens dürfe man nicht verzweifeln.

In der Vergangenheit gab es Tage, an denen verzweifelte Jan Cönig  an sich selbst. Weil er zwanzig Semester Germanistik studiert hatte, ohne einen Abschluss zu machen. Weil er sich immer nur von Nebenjob zu Nebenjob hangelte. Weil ihn links und rechts Jüngere und Ehrgeizigere überholten. Und weil er auch mit über 30 Jahren keinen Plan hatte, was er aus seinem Leben machen sollte. Cönig fühlte sich damals manchmal, als liefe ihm die Zeit zum Erwachsenwerden davon. Aber dann entdeckte er Poetry Slam.

Vor vier Jahren zerrte ihn sein Bruder auf eine Offenbacher Kleinkunstbühne. Bis dahin hatte Cönig immer nur für sich selbst geschrieben, als Jugendlicher Tagebuch, später Gedichte und Kurzgeschichten. Man habe ihn quasi dazu zwingen müssen, vor Publikum aufzutreten, sagt er heute. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der modernen Poeten-Szene, war Cönig aber schnell angefixt. Ein Bewertungsbogen aus den Anfangstagen hängt noch heute an seinem Kühlschrank, jemand hat „Sprachlich grandios!“ auf die Rückseite gekritzelt.

Rund 380 Auftritte hat Cönig in seiner kurzen Karriere schon absolviert, mal allein, mal im Duo „Team me up, Scottie“. Wenn es gut läuft, so wie im Moment, steht er alle drei Tage vor Publikum, reist nach Salzburg oder Wien, immer in seiner „Mission Poetry Slam“. Im kultigen „HoRsT“ in Frankfurt hat er mittlerweile seinen eigenen Dichterwettstreit ins Leben gerufen.

Vor wenigen Monaten folgte schließlich der vorläufige Höhepunkt: Die Endrunde der Deutschen Slam-Meisterschaften. Eigentlich hatte Cönig das Zugticket für die Rückreise am Finaltag schon gebucht. Am Ende fehlten nur 0,8 Wertungspunkte zum Treppchen.

Albern ist nicht gleich albern

Der gebürtige Frankfurter Cönig schreibt pointiert und schnell, wenig Lyrik, viel Dialog, noch viel mehr Witz. Beim Publikum kommt das meist super an. Manch Veranstalter träumt aber davon, nur noch Hochliteratur präsentieren zu können. Cönig hingegen kündigt sich schon mal mit den Worten „Achtung, jetzt kommt Quatsch!“ an – auch wenn er weiß, dass das nicht stimmt.

In seinen „albernen“ Texten stecken ebenso viele Stunden nächtlicher Schreibarbeit und Wort-Puzzelei wie in jedem hochtrabenden Gedicht. Aber mit lustigen Geschichten könne eben jeder etwas anfangen, sagt er. Und das ist Cönig wichtig.

Der Geist seiner Poetry Slams spukt auch zwischen den Buchseiten von „Küss die Taube!“. Wenn Cönig über seinen Antrieb im Leben sinniert, ist das Ergebnis nicht Liebe, sondern Raketentreibstoff. Wer Kapitalismus in Frage stellt, muss auch Kartoffelbrei zur Debatte freigeben. Und wenn die weiße Friedenstaube nicht hilft, dann vielleicht die tiefschwarze Krawalltaube.

Kein richtig oder falsch, kein moralisches Urteil, Texte wie eine gemischte Tüte Süßigkeiten. „Ich will einfach keine Barrieren zwischen den Menschen“, sagt Cönig. Das klingt nicht umsonst nach Sozialarbeiter-Slang. 

Bar-Keeper, Security-Mann, Sonnenschutzanlagen-Installateur – Cönig hat sich an vielem versucht, während er zehn Jahre lang eigentlich versuchte, irgendwie Germanistik fertig zu studieren. Nebenbei betreute er ein Radio-Projekt für Jugendliche, spielte für sie Reiseleiter und schulte andere Freizeitbetreuer.

Am Ende alles Bachelor

Inzwischen schreibt er im Studienfach Soziale Arbeit seine Bachelor-Thesis, Titel: „Leg doch mal das Handy weg.“ Danach will er Menschen beraten, die eine schwere Lebensphase durchmachen. Er sagt: „Ich glaube, viele brauchen es, dass man ihnen sagt: ‚Beruhig dich. Du bist gut, wie du bist. Du bist nicht kaputt. Wir bekommen das wieder hin.‘“

An manchen stellen kann man aus seinen Texten herauszulesen, dass er diese Grundhaltung auch selbst erst lernen musste. „Enttarnend“, sagt Cönig dazu, mit einem milden Lächeln. Sein abgeschlossenes Studium bezeichnet er heute als „kleines Scheitern“ , jeder Job sei eine wichtige Erfahrung gewesen, bei der er tolle Menschen kennengelernt habe.

Aber der Mittdreißiger hat nicht vergessen, dass er früher manchmal Promis googlete, die nicht mit 18 Jahren schon alles erreicht hatten. Spätstarter, die eben länger gebraucht haben, um ihrem Leben eine Richtung zu geben. Seine Mutmacher. Cönigs Buch ist deshalb mehr als eine Aneinanderreihung kumulierten Wahnsinns geworden. Es ist ein Buch über das Erwachsen werden. Aber Erwachsenwerden ist letztlich auch  nur eine Meinung.

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