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Erzieher verzweifelt gesucht

Frankfurts Kitas suchen händeringend nach Erziehern. Pädagogische Fachkräfte haben die freie Auswahl - und entscheiden sich oft für die gut ausgebauten Einrichtungen für Unter-Dreijährige. Das sorgt bei Kindergärten für Drei- bis Sechsjährige zusätzlich für Personalmangel.
Diese Knirpse haben Glück: Für sie ist ein Erzieher da. Zum 1. August wird der Bedarf an pädagogischem Fachpersonal jedoch ansteigen - dann gilt der Rechtsanspruch auf einen U3-Betreuungsplatz.	Foto: dpa Foto: Bernd Wüstneck (dpa-Zentralbild) Diese Knirpse haben Glück: Für sie ist ein Erzieher da. Zum 1. August wird der Bedarf an pädagogischem Fachpersonal jedoch ansteigen - dann gilt der Rechtsanspruch auf einen U3-Betreuungsplatz. Foto: dpa
Frankfurt. 

Der 1. August bereitet den Kitaleitern Kopfschmerzen. Von diesem Tag an haben Eltern Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für ihre Kinder, die jünger als drei Jahre sind. Zwar bestätigte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) gestern, dass im anstehenden Kitajahr insgesamt 813 093 Plätze zur Verfügung stehen; das seien rund 30 000 mehr als der errechnete Bedarf. SPD und Grüne aber halten dagegen, dass in den Städten und Ballungsräumen die Nachfrage nicht zu decken sei - und auch nicht die benötigte Anzahl an Erziehern.

Wie viele pädagogische Fachkräfte in Frankfurt zukünftig genau gebraucht werden, steht noch nicht fest. „Das werden wir sehen, wenn der Stichtag verstrichen ist und die Eltern ihre Kinder wirklich angemeldet haben“, heißt es aus dem Hessischen Sozialministerium. Die Studie „Fachkräftebedarf in Kindertageseinrichtungen in Hessen“ von Dezember 2011 rechnete mit 1262 fehlenden Erziehern in Frankfurt.

 

BZV: 300 Erzieher bis März

 

„Der Fachkräftemangel stellt uns vor ein riesengroßes Problem“, sagt Michael Burbach. Er ist Geschäftsführer des Beratungs- und Verwaltungszentrums (BVZ), einem Zusammenschluss freier Kitaträger in der Stadt. Insgesamt 157 Einrichtungen mit rund 5500 Kinderbetreuungsplätzen finden sich unter dem Dach des Vereins zusammen. In den Häusern sind etwa 1100 Fachkräfte im Einsatz, 70 Stellen sind unbesetzt.

Aber das, sagt Michael Burbach und lacht grimmig auf, sei die normale Fluktuation. „Richtig schlimm wird es in der zweiten Jahreshälfte. Bis März eröffnen wir 24 neue Einrichtungen, um den Rechtsanspruch abzudecken - wir stauen uns fast mit den Eröffnungen. Für alle diese Häuser brauchen wir 300 neue Erzieher. Es kann passieren, dass Plätze auf den Markt kommen, die gar nicht besetzt werden können, weil uns schlicht die Betreuer fehlen. Wir annoncieren mittlerweile Stellenanzeigen im Umkreis von 300 Kilometern.“

Nicht ganz so drastisch sieht es beim städtischen Träger „Kita Frankfurt“ aus, der 140 Einrichtungen betreut. „Bei Kita Frankfurt sind im sozialpädagogischen Bereich derzeit 66 von 1443 Stellen unbesetzt“, informiert Doris Santifaller von der Abteilung Pädagogische Leitung. Man bemühe sich, auch mit Hinblick auf den 1. August, geeignete Mitarbeiter zu finden. „Insgesamt ist das Angebot auf dem Arbeitsmarkt allerdings als unzureichend zu bezeichnen.“

 

Arbeitsmarkt leergefegt

 

Und das ist noch nett formuliert. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt,überall werden Erzieher händeringend gesucht. Viele Einrichtungen locken mit Extras wie Jobticket, Hilfe bei der Wohnungssuche oder einem kostenlosen Betreuungsplatz für das eigene Kind.

Vor allem die Kitas, die Mädchen und Jungen zwischen drei und sechs Jahren aufnehmen, kämpfen um Personal. Angelika Stettler leitet eine davon - den Kindergarten der Bethaniengemeinde am Frankfurter Berg. „Die U3-Einrichtungen sind sehr attraktiv“, berichtet sie. „Die Häuser sind meistens neu, auf die Erzieher wartet ein oft junges Team.“ Das reize Erzieher, sich mit den Allerkleinsten zu beschäftigen, anstatt mit der älteren Klientel im Kindergarten.

Stettler klingt angespannt, wenn sie über die Situation in ihrer Einrichtung spricht: „Unsere Lage ab 1. August ist katastrophal. Uns fehlen drei Vollzeitstellen, wahrscheinlich wird im September noch eine wegfallen. Momentan haben wir fünf Fachkräfte für 83 Kinder. Zwar helfen pädagogische Mitarbeiter aus, aber die haben nicht die gleiche fundierte, fünfjährige Ausbildung und können nur stundenweise arbeiten.“

Der Erziehermangel treibt in der Bethaniengemeinde so krasse Blüten, dass die Eltern bei Aushang gebeten werden, ihre Kinder, soweit möglich, früher abzuholen und selbst zu beaufsichtigen. Einem behinderten Kind musste sogar vorzeitig der Platz gekündigt werden, weil eine Eins-zu-eins-Betreuung nicht mehr möglich war. „Das tat uns im Herzen weh. Zum Glück ist es trotzdem noch gut untergekommen“, sagt Stettler.

Früher, berichtet sie, hatte sie viele Bewerbungen auf dem Schreibtisch liegen, vor allem, wenn das Ausbildungsjahr in den Fachschulen zu Ende ging. „Dieses Jahr bewarb sich nur eine Kandidatin auf das verpflichtende Anerkennungsjahr nach der Ausbildung. Das zwingt uns, auf weniger gut geschulte Aushilfskräfte auszuweichen.“ Und Guido Firle, Kirchenvorstandsvorsitzender der Bethaniengemeinde, prognostiziert düster: „Wahrscheinlich können wir im neuen Jahr sieben oder acht Kitaplätze aus Personalmangel nicht mehr anbieten.“

 

Ausbildung aufgestockt

 

Dabei sind Stadt und Land nicht tatenlos. Neben Werbe- und Imagekampagnen wurden laut hessischem Sozialministerium parallel Ausbildungsplätze an den hessischen Fachschulen ausgebaut.

Auch an der Berta-Jourdan-Schule in Frankfurt, die verschiedene Wege zum Beruf Erzieher anbietet, wurden die Plätze seit 2010 von 187 auf 320 erhöht. Die Nachfrage ist da, berichtet Michael Baumeister, Abteilungsleiter der Fachschule für Sozialpädagogik: „Wir haben dieses Jahr rund 800 Bewerbungen erhalten. Das zeigt, dass sich das Bild vom Erzieher gewandelt hat - weg von der ,Basteltante‘, hin zu einem anspruchsvollen und abwechslungsreichem Tätigkeitsfeld.“ Dennoch hinke man dem Bedarf noch hinterher.

Einen gewissen Trend zur U3-Betreuung hat auch Baumeister beobachtet. „Die Wahlen des Schwerpunkts in der Ausbildung laufen noch, aber man kann schon sagen, dass sich viele für den Umgang mit Unter-Dreijährigen interessieren.“

Dabei handele sich bei dieser Altersklasse um ein besonders schwieriges Arbeitsfeld, weil mit dem Kleinkind keine klare Interaktion möglich wäre. „Man muss interpretieren und genau beobachten. Aber da die Erziehungswissenschaftler weit gekommen sind in den vergangenen Jahren, können wir unseren Auszubildenden neue Vorgehensweisen an die Hand geben. Das macht U3 für viele ebenfalls sehr attraktiv.“

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