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Martin Hunscher, Stadtplanungsamtsleiter: „Es geht nicht nur um Wohnungsbau“

Seit wenigen Wochen steht Martin Hunscher an der Spitze des Stadtplanungsamtes. Das Wachstum der Stadt und der Bedarf an Wohnungen wird ihn besonders beschäftigen. Aber der 53-Jährige sieht auch andere Herausforderungen, wie er im Gespräch mit Günter Murr und Hermann Wygoda erläuterte.
„Was Frankfurt dringend bräuchte, ist eine Landesverordnung, mit der die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen unter Genehmigungsvorbehalt gestellt werden könnte“: Planungsamtsleiter Martin Hunscher. „Was Frankfurt dringend bräuchte, ist eine Landesverordnung, mit der die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen unter Genehmigungsvorbehalt gestellt werden könnte“: Planungsamtsleiter Martin Hunscher.
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Sie sind seit 1991 bei der Stadt Frankfurt beschäftigt. Was hat sich in dieser Zeit in der Stadt verändert?

MARTIN HUNSCHER: Die Veränderungen sind am ehesten in der Innenstadt zu bemerken. Wir haben neue Quartiere und neue hervorragende Gebäude erhalten – denken Sie etwa an den Mainuferraum. Aber man darf den Blick nach außen nicht vergessen. Dort sind neue Wohngebiete wie etwa am Riedberg entstanden. Das war die Voraussetzung dafür, dass Frankfurt sich überhaupt als Wohn- und Arbeitsort weiter entwickeln konnte.

Was ist aus Ihrer Sicht besonders gelungen?

HUNSCHER: Ich möchte kein einzelnes Bauvorhaben in besonderer Weise hervorheben, sondern eher strategisch antworten. Wir haben uns von dem Gedanken verabschiedet, die Stadt immer weiter an ihrem Rand zu bebauen, und haben stattdessen bestehende Quartiere weiterentwickelt. Das Europaviertel zum Beispiel knüpft an die Strukturen im Gallusviertel an.

Gibt es Fehlentwicklungen, die man korrigieren muss?

HUNSCHER: Zum Glück gibt es keine gravierenden Fehlentwicklungen. In den großen Siedlungen gibt es kaum Auffälligkeiten, die Indikator dafür sein könnten, dass diese Quartiere nicht funktionieren. Heute verfolgt das Stadtplanungsamt ganz andere Ziele. Wir sind aber neben der Entwicklung neuer Quartiere dennoch dabei im Siedlungsbestand nachzubessern: zum Beispiel in der Nordweststadt, im Mainfeld in Niederrad, in der Siedlung Engelsruhe oder in der Bürostadt Niederrad.

Was ist die neue Herausforderung als Amtsleiter?

Zur Person: Aus dem Ruhrpott nach Frankfurt

Martin Hunscher wurde 1961 in Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet geboren. An der Technischen Universität Dortmund studierte er Raumplanung und Städtebau.

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HUNSCHER: Nach so langer Zeit sicherlich ein gewisser Spagat zwischen Kontinuität und Veränderung. Wir müssen deutlich machen, dass wir nicht nur neue Wohnungen in der Stadt bauen müssen, sondern, dass Stadtentwicklung mehr ist. Es geht zum Beispiel auch um Perspektiven für das Gewerbe oder um Flächen für neue Schulen. Zunehmende Bedeutung erlangen auch die Themen Ökologie und Klimawandel im Städtebau. All das müssen wir zu einem Gesamtkonzept zusammenführen.

Egal, um welche Nutzung es geht: Sie brauchen Flächen. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

HUNSCHER: Die Stadt hat sich auf die Fahnen geschrieben, qualifiziert nach innen zu wachsen. Die Potenziale, die durch die Konversion großer Flächen entstanden sind, zum Beispiel am Main oder im Europaviertel, sind aber weitgehend ausgeschöpft. Deshalb müssen wir nach kreativen neuen Wegen suchen. Mit unserer Stadtentwicklungsinitiative haben wir vor drei Jahren erstmals quergedacht und das Stadtgebiet nach weiteren Flächen durchforstet, die sich mobilisieren lassen. In Ginnheim könnten wir zum Beispiel durch einen Rückbau der Rosa-Luxemburg-Straße neue städtebauliche Qualitäten erzeugen und Flächen gewinnen. Auch Konzepte wie das Ernst-May-Viertel, das durch eine Überdeckelung der Autobahn 661 entstehen könnte, entstammen dieser Überlegung. Zudem müssen wir den Blick auf die gewerbliche Entwicklung richten und uns mit der Zukunft altindustrialisierter Gebiete wie in Seckbach oder in Fechenheim befassen, die heute deutliche Defizite aufweisen.

Aber setzt sich Frankfurt nicht selbst Grenzen, zum Beispiel mit dem Grüngürtel?

HUNSCHER: Der Grüngürtel ist eine bewusst gesetzte Grenze mit besonderer Bedeutung für die Stadt. Er begrenzt natürlich das Siedlungswachstum. Aber die Qualität dieser Freiflächen ist entscheidend für die Wohn- und Lebensqualität der Stadt. Den Schutz des Grüngürtels halte ich daher für wichtiger als die Sicherung peripherer Ackerflächen. Dennoch prüfen wir gemeinsam mit dem Umweltamt, ob die Abgrenzung des Grüngürtels zum Siedlungsgebiet an allen Stellen richtig gewählt ist.

Wäre es denn sinnvoll, Ackerflächen für die Bebauung in Betracht zu ziehen?

HUNSCHER: Auch das werden wir meiner Meinung nach prüfen müssen. Damit ist nicht nur der vielzitierte Pfingstberg zwischen Nieder-Erlenbach und Nieder-Eschbach gemeint. Diesen Standort hat das Stadtplanungsamt schon vor Jahrzehnten geprüft. Wir müssen den Fokus erweitern um andere mögliche Standorte – und zwar nicht nur für den Wohnungsbau, sondern auch für gewerbliche Entwicklungen. Es gibt viele kleine Gewerbegebiete in der Stadt, die sich wegen der räumlichen Enge und ihrer Emissionen langfristig nicht weiter entwickeln können. Vielleicht können wir diese für den Wohnungsbau freibekommen, wenn den Betrieben Standortalternativen angeboten werden können.

Ein Problem für innenstädtischen Wohnungsbau sind häufig die Nachbarn, die sich um ihre Freiflächen sorgen. Wie können Sie da mehr Akzeptanz erreichen?

HUNSCHER: Die Alternative zur Nachverdichtung von Quartieren ist das Stadtwachstum in der Fläche, mit allen ökologisch und ökonomisch negativen Konsequenzen. Aber es ist im Einzelfall schwer zu vermitteln, dass es heute bereits einen planungsrechtlichen Anspruch auf eine Baugenehmigung gibt.

Es gibt aber auch Widerstände gegen neue Bebauungspläne.

HUNSCHER: Im Prinzip geht es auch da um Bedenken gegen neue Strukturen und die Sorge um Freiräume. Hier gilt es zu vermitteln, dass die Menschen nicht nur gewohnte Strukturen verlieren, sondern gleichzeitig auch neue Qualitäten bekommen. So etwa neue Einkaufsmöglichkeiten, neue Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen, Wohnungen für die nachwachsende oder aber die alternde Generation. Mit dem Neubaugebiet „Am Eschbachtal“ in Bonames soll zum Beispiel auch der alte Ortskern durch eine Umgehungsstraße entlastet werden.

Abgelehnt wird häufig der verdichtete Geschosswohnungsbau.

HUNSCHER: Da müssen wir erst einmal Dichte definieren. Reden wir von der baulichen Dichte oder von der sozialen Dichte? Bleiben wir bei dem Beispiel Bonames: Dort planen wir eine Mischung aus Geschosswohnungsbau und Einfamilienhäusern. Diese Baustrukturen sind natürlich in Respekt zum Siedlungsbestand zu organisieren.

Wie stark kann Frankfurt noch wachsen? Wo ist die Grenze erreicht?

HUNSCHER: Die Grenze ist zum einen mit dem Grüngürtel, zum anderen mit der Stadtgrenze erreicht. An den Stadtgrenzen gilt es aber zu prüfen, ob wir nicht in Kooperation mit den Nachbargemeinden gemeinsam neue Quartiere entwickeln können. Ich halte es zum Beispiel für einen intelligenten Ansatz, verstärkt mit Offenbach zusammenzuarbeiten, etwa im Bereich Kaiserlei oder entlang der südlichen Stadtgrenze.

Immobilienentwickler vermissen ein neues architektonisches Highlight bei den Bürogebäuden. Irgendwie scheint da die Luft raus zu sein.

HUNSCHER: Das würde ich nicht unterschreiben. In der jüngeren Vergangenheit haben wir eine Reihe von sehr guten Gebäuden bekommen. Dazu zählen der Opernturm oder der Taunusturm. Ich bin mir sicher, dass wir weitere Gebäude dieser Qualität bekommen werden. Meine Sorge ist eher die, dass wir im Wohnungsbau eine zunehmende Standardisierung bekommen. Das ist nur zum Teil in den technischen Vorschriften wie etwa zur Energieeinsparung begründet. Fatal ist aber der Verlust an simplen Gestaltqualitäten wie etwa im Eingangs- oder im Sockelbereich.

Wie kann man das ändern?

HUNSCHER: Theoretisch könnte die Stadt Frankfurt Gestaltungssatzungen erlassen. Aber wir haben in Frankfurt keine einheitliche Bautradition, an die wir sinnvollerweise anknüpfen könnten. Wichtiger ist, dass man über konkurrierende Architektenentwürfe die Qualitäten stärker herausarbeitet. Das passiert bereits an vielen Stellen in der Stadt: im Europaviertel, auf dem Riedberg und für andere, auch kleinere Quartiersentwicklungen.

Andererseits sollen die Wohnungen auch nicht zu teuer werden.

HUNSCHER: Gestaltungsqualität heißt nicht zwangsläufig, dass ein Gebäude auch teurer werden muss. Das Problem ist, dass ein Großteil der Bauherren und Wohnungsbauinvestoren auf bewährte Lösungen zurückgreifen möchte.

An der Friedberger Landstraße ist ein sogenanntes Innovationsquartier geplant. Könnte man da mal was Neues ausprobieren?

HUNSCHER: Ja, beispielsweise. An dieser Stelle sollen nicht nur ökologische Innovationen verwirklicht werden. Gestaltungsfragen oder auch innovative Mobilitätskonzepte gehören ebenfalls dazu. Wir wollen darüber hinaus prüfen, wie wir dort zu anderen Möglichkeiten des kostengünstigen Bauens kommen.

Mit Milieuschutzsatzungen sollen Luxussanierungen in bestimmten Stadtteilen verhindert werden. Kommen die Satzungen nicht zu spät? Ist das Milieu, das geschützt werden soll, nicht längst im Verschwinden begriffen?

HUNSCHER: Die Frage kann man immer stellen. Aber ich sage: Lieber später als gar nicht. Bei den aktuellen Untersuchungen in Bockenheim haben wir festgestellt, dass dort zwar keine lokal homogenen Milieus mehr identifiziert werden können. Aber es gibt eine starke soziale Durchmischung, die es als besondere Struktur zu bewahren gilt. Ich persönlich erwarte ähnliche Erkenntnisse auch für die anderen innerstädtischen Quartiere, für die wir die Aufstellung von Milieuschutzsatzungen vorbereitet haben.

Macht das die Anwendung einer Milieuschutzsatzung nicht sehr schwierig?

HUNSCHER: Nein. Denn wir wollen weg von der alten Typologie der Milieuschutzsatzung, wie es sie zum Beispiel für das Westend gibt. Die neuen Satzungen sollen sich in ihrer Anwendung auf Ausstattungskriterien für Wohnungen beziehen, die relativ leicht zu handhaben sind. Wichtig ist deren präventive Wirkung: Wir setzen darauf, dass die Spitze des Eisbergs gekappt wird und Bauherrn sich für verträgliche Sanierungen entscheiden. Was Frankfurt aber dringend zusätzlich bräuchte, ist eine Landesverordnung, mit der die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen unter Genehmigungsvorbehalt gestellt werden könnte.

Bürgerbeteiligung ist mittlerweile Standard in der Stadtplanung. Nach Abschluss der oft aufwendigen Verfahren bleibt doch häufig Enttäuschung bei den Teilnehmern zurück. Wie lässt sich das vermeiden?

HUNSCHER: Wichtig ist, dass man den Bürgerinnen und Bürgern zu Beginn offen legt, worin der Entscheidungs- oder Beratungsspielraum besteht. Es dürfen keine falschen Erwartungen geweckt werden. Beim Kulturcampus Bockenheim etwa ist das Verfahren sehr gut verlaufen: Wir konnten gemeinsam einen Konsensplan entwickeln. Was aber im Anschluss nicht hinreichend vermittelbar werden konnte, war die Übersetzung in einen abstrakten Bebauungsplan, der letztlich nur von der Stadtverordnetenversammlung verabschiedet werden kann. Dennoch halte ich auch diesen Beteiligungsprozess für außerordentlich wichtig und positiv, da er letztlich zu einem enormen Engagement der Bürgerinnen und Bürger für ihren Stadtteil geführt hat.

Muss man an den Beteiligungsverfahren etwas ändern oder haben die sich bewährt?

HUNSCHER: Wir müssen uns dort immer weiter entwickeln. Es gibt keine abschließende Weisheit darüber, wie man ein Verfahren zur Bürgerbeteiligung richtig macht. Jedes Projekt erfordert seinen individuellen Ansatz.

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