Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 25°C

Bildungsstätte Anne Frank: Es sind noch zu viele Fragen offen

Von Die Namen der Täter sind bekannt, die Opfer hingegen erhalten wenig Aufmerksamkeit – außerdem sind noch viele Fragen offen: Ab morgen beschäftigt sich eine Ausstellung der Bildungsstätte Anne Frank mit der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).
Am Mittwoch eröffnet die Schau, die sich mit dem NSU und seinen Opfern befasst, im Bildungszentrum. Bilder > Foto: Heike Lyding Am Mittwoch eröffnet die Schau, die sich mit dem NSU und seinen Opfern befasst, im Bildungszentrum.
Frankfurt. 

Am 6. April jährt sich zum zehnten Mal der Todestag von Halit Yozgat. Er wurde in seinem Kasseler Internet-Café erschossen. Dieselbe Waffe streckte in den Jahren zuvor auch Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und die Polizistin Michele Kiesewetter nieder. Seitdem klar ist, dass die Opfer keine Kriminellen waren, es keine „Döner-Morde“ gab, wie von der Polizei zunächst behauptet, sondern eine Mordserie von Neonazis das Land erschütterte, fokussiert sich die Öffentlichkeit auf die Namen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU): Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe.

Dieser Entwicklung stellt die Bildungsstätte Anne Frank ab morgen eine Ausstellung entgegen, die den gesamten NSU-Komplex beleuchtet, aber das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen in den Mittelpunkt stellt: Den Namen werden Gesichter und persönliche Geschichten beigestellt; Videos, Fotos, Grafiken und Texte verbinden all das in kompakter Form, was bislang bekannt ist. Weil sich trotz des Einsatzes von sieben politischen Untersuchungsausschüssen und vieler journalistischer und ehrenamtlicher Initiativen aber noch immer kein schlüssiges Bild der Ausmaße und Beteiligungen Dritter ergibt, heißt die Ausstellung „Es sind noch zu viele Fragen offen…“.

„Einen solchen Aufklärungsaufwand hat es hierzulande noch nicht gegeben, dennoch herrscht eine große Kluft zwischen Aufwand und tatsächlicher Aufklärung“, erklärt Margret Krannich von der Heinrich Böll-Stiftung Hessen. Diese hatte sich schon früher mit dem NSU-Komplex beschäftigt, nun trägt die Bildungsstätte Anne Frank deren Ergebnisse sowie Informationen des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung und des NSU-Watch Hessen zusammen. Letzteres ist eine Initiative freiwilliger Beobachter des NSU-Untersuchungsausschusses im hessischen Landtag, die den Prozess protokolliert und per Twitter im öffentlichen Diskurs hält.

Zu erfahren und zu verknüpfen gibt es demnach sehr vieles, auch wenn die Ausstellung nur 35 Quadratmeter Raum erhält. Zeittafeln stellen den Verlauf der Mordserie heraus, die mit einem Raubüberfall 1998 begann und 2011 durch einen vermeintlichen Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt endete. Gleichsam werden der Umfang der öffentlichen Aufarbeitung und das Versagen des Polizeiapparats ersichtlich, der offenbar selbst mit rechtsradikalen Strömungen in seinem Inneren zu kämpfen hat. „Wir erheben alles andere als einen Anspruch auf Vollständigkeit“, betont allerdings Eva Berendsen, Sprecherin der Bildungsstätte Anne Frank. Vielmehr sollten eben, wie es der Ausstellungstitel schon sagt, offene Fragen herausgearbeitet werden.

Davon nämlich gibt es sehr viele: Welche Rolle spielte Andreas Temme, Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz Hessen, der bei der Ermordung Halit Yozgats anwesend war? Wie war der Verfassungsschutz insgesamt involviert? Welche Unterstützung erhielt der NSU durch sein rechtsradikales Netzwerk? All diese Fragen erscheinen nicht nur angesichts der merkwürdigen Todesumstände von fünf Menschen brisant, die als Zeugen fungierten oder anderweitig im Umfeld der NSU-Morde auftauchten. Denn Margret Krannich warnt auch vor fremdenfeindlichen Tendenzen der Gegenwart, die noch fatalere Folgen haben könnten als Brandanschläge auf Flüchtlingsheime: „Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe radikalisierten sich zu Anfang der 1990er Jahre, als viele Flüchtlinge aus Jugoslawien nach Deutschland kamen. Die Aufarbeitung ist so wichtig, weil wir es jetzt wieder mit einer Radikalisierungswelle zu tun haben“.

Eröffnet wird die Ausstellung am Mittwoch, 6. April, um 20 Uhr in der Bildungsstätte Anne Frank an der Hansaallee 150. Informationen zu thematisch verknüpften Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen, Lesungen, Schauspiel- und Filmvorführungen sowie einem Besuch des Untersuchungsausschusses in Wiesbaden finden sich im Internet unter www.bs-anne-frank.de/nsu.

 

Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse