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Afghanistan als sicheres Herkunftsland?: Evangelische Kirche in Frankfurt kritisiert Bundesregierung: "Abschiebepraxis führt zu Radikalisierung"

Menschen aus Afghanistan stellen die Mehrheit unter den Geflüchteten, die in Frankfurt leben. Viele davon leben in Unterkünften der Evangelische Kirche. Deren Vorstand spricht sich nun deutlich für eine humanere Asylpolitik gegenüber afghanischen Flüchtlingen aus.
Abgelehnte Asylbewerber steigen in ein Flugzeug. Foto: Patrick Seeger/Archiv Abgelehnte Asylbewerber steigen in ein Flugzeug. Foto: Patrick Seeger/Archiv
Frankfurt. 

18 Unterkünfte für Wohnungslose und Flüchtlinge betreibt der Evangelische Verein für Wohnraumhilfe in Frankfurt. Rund 750 geflüchtete Menschen leben dort. Die Evangelische Kirche zählt somit zu den größten Flüchtlingshelfern in der Mainmetropole, wo insgesamt rund 4400 geflüchtete Menschen leben. Afghanen stellen die Mehrheit. Die Mitarbeiter der Evangelischen Kirche bekommen somit aus erster Hand mit, wie der nach wie vor unsichere Flüchtlingsstatus für Menschen aus Afghanistan Geflüchtete aus jenem Herkunftsland belastet und die Integration in Deutschland erschwert.

Einzelschicksale

Vorstandsmitglieder der Evangelischen Kirche in Frankfurt warnten eindringlich vor gravierenden Folgen für das Zusammenleben in Deutschland, sollten die hiesigen Asylverfahren sich künftig nicht stärker an Einzelschicksalen orientieren und humaner werden. Wie Pfarrer Michael Frase erklärt, der für die Frankfurter Diakonie die Flüchtlingshilfe leitet, sorgt der unsichere Aufenthaltsstatus für große psychologische Probleme bei betroffenen Geflüchteten. „Sie leben mit der ständigen Angst, nach Afghanistan zurückkehren zu müssen.“ Zudem, so der Pfarrer, verhindere der unsichere Status die Integration, weil Geflüchtete ohne Aufenthaltstatus Integrationsangebote wie Deutschkurse verwehrt würden, ebenso der Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. „Das dämpft die Motivation der Menschen“, macht Stadtdekan Achim Knecht klar, der sich dafür ausspricht, dass das in vielen Regionen umkämpfte Afghanistan nicht als sicheres Herkunftsland eingestuft werden sollte. Es gibt drei Personengruppen: Familien, die einen Großteil der 320 Bewohner der vom Evangelischen Verein betriebenen Flüchtlingsunterkunft in Bonames ausmachen, so genannte Unbegleitete minderjährigen Flüchtlingen und aus Afghanistan geflüchtete Frauen, die ihre Heimat oft aus Angst vor Zwangsheiraten und aufgrund von Gewalterfahrungen verlassen haben.

Jahrelange Flucht

Im Fall von Familien leiden Kinder oft am meisten unter einer Abschiebung. „Manche der Familien haben jahrelange Fluchtgeschichten hinter sich“, berichtet Frase. Dies führe dazu, dass viele afghanische Kinder die Heimat ihrer Eltern oft nur aus Erzählungen kennen würden. Weil Kinder in der Regel zudem schneller Deutsch lernten als Eltern und sich auch ansonsten schneller integrierten, mache ihnen eine Abschiebung am meisten zu schaffen. Knecht appelliert an die Politik, Familien aus Afghanistan rechtliche Bleibeperspektiven und Duldungen zu bieten. „Afghanistan kann nicht als sicheres Herkunftsland gesehen werden“, betont der Stadtdekan. Noch deutlicher wird Knecht im Fall von alleinerziehenden afghanischen Frauen und Afghaninnen, die Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht haben. Diesen sei in jeden Fall Abschiebeschutz zu gewähren.

Dies fordert Knecht auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Dies könne im Bestfall auch den Aufbau Afghanistans fördern, weil in Deutschland ausgebildete junge Flüchtlinge ihre Fähigkeiten vielleicht einmal zum Wohle ihres Heimatlandes einsetzen. Die derzeitige Abschiebepraxis hingegen, macht Knecht klar, könne im schlimmsten Fall zu einer Radikalisierung von jungen Afghanen führen.

(bki)
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