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Erfahrung: Ex-Häftling: "Im Knast sagen sie, du musst Gangster werden"

Pietr hat Tankstellen überfallen, saß dafür jahrelang im Gefängnis. Seit ein paar Monaten ist er draußen, lebt in Frankfurt. Und sucht nach einem Weg zurück in die Normalität.
Foto: Christophe Braun Foto: Christophe Braun
Frankfurt. 

Als er seinen ersten Überfall begeht, ist Pietr knapp 32 Jahre alt. „Ich bin irgendwie ausgetickt“, sagt er.

1. Ein Ende

Pietr heißt in Wirklichkeit anders. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der seinen Platz in der Welt nicht findet. Als junger Mann jobbt er in Großküchen und schuftet auf Baustellen, macht ein Praktikum im Altersheim und hilft in einer Schreinerei aus. „Meistens war ich nach ein paar Wochen wieder weg.“ Rückblickend ist zu diesem Zeitpunkt nur eines von Dauer: seine Beziehung zu Sylvia.

Als Pietr und Sylvia sich kennenlernen, sind sie noch keine 20. „Wir haben uns gleich am ersten Tag geküsst“, erzählt er. Sylvia zieht bei Pietr ein, wird schwanger, bald kommt das zweite Kind. „Wir waren zu jung“, sagt Pietr. Mit Mitte 20 haben sie zwei Kinder, kaum Geld, keine Zeit füreinander.

Pietr hangelt sich von Job zu Job, Sylvia bleibt zuhause. Wenn das Geld nicht bis zum Monatsende reicht, gehen sie zum Amt. An den Wochenenden zieht Pietr mit Freunden durch die Stadt, betrinkt sich. „Ich wollte nicht zuhause sein“, sagt er.

Irgendwann will Sylvia nicht mehr. Sie trennt sich von Pietr, zieht mit den Kindern aus. Bald lernt sie einen neuen Mann kennen. Pietr ist Ende 20, als seine Frau und seine Kinder ihn verlassen.

„Ich habe nichts mehr gearbeitet, mit niemandem mehr geredet“, sagt er. „Ich habe nur noch getrunken.“ Wodka, Bier, Wein, jeden Tag, bis der Schlaf kommt. Nach ein paar Monaten hat er kein Geld mehr. Er setzt sich in den Bus, fährt tagelang ziellos durch die Stadt.

Irgendwann bemerkt er, dass in vielen Tankstellen nachts nur ein Kassierer arbeitet.

Und fasst einen Entschluss.

2. Messer und Strumpfmaske

Wenn Pietr von den Überfällen erzählt, lacht er. Es ist ein bitteres Lachen. „Lächerlich“, sagt er, immer wieder: „Lächerlich-lächerlich-lächerlich.“ Und: „Ich weiß bis heute nicht, warum ich es getan habe.“

Er besorgt sich ein Messer und eine Strumpfmaske. Wartet bis zur Nacht. Dann betritt er die Tankstellen. „Ich war immer höflich“, sagt er. „Ich habe gefragt: Haben Sie vielleicht ein bisschen Geld für mich?“

Innerhalb von zehn Tagen überfällt er fünf Tankstellen. Immer nachts, immer mit Strumpfmaske und Messer, immer betrunken. „Sonst hätte ich es nicht geschafft“, sagt er.

Der letzte Überfall misslingt. Die Kassiererin erkennt ihn, alarmiert die Polizei. Pietr flüchtet, wird nach wenigen Minuten gestellt, festgenommen, angeklagt. Nach ein paar Monaten fällt das Urteil: Fünf Jahre und elf Monate Haft ohne Bewährung.

„Erst, als ich das gehört habe, habe ich wirklich verstanden, was ich getan hatte“, sagt er.

3. In der Zelle

Am ersten Tag im Gefängnis hat er eine Panikattacke. „Die Tür fällt hinter Dir ins Schloss, Du bist allein in Deiner Zelle, und Du realisierst, dass Du hier nicht rauskommst“, erzählt er. „Das ist ein furchtbarer Moment. Du begreifst: Für die nächsten sechs Jahre bist Du weggesperrt.“

Er liegt auf seinem Bett, starrt an die Wand. Aber der Schlaf kommt nicht. Stattdessen halluziniert er. Er sieht seine Kinder vorbeilaufen. Sie bemerken ihn nicht. Auch dann nicht, wenn er aus Leibeskräften brüllt.

Es dauert eine Weile, ehe er mit anderen Gefangenen spricht. „Im Knast gibt es Gruppen“, erzählt er. „Die Russen, die Deutschen, die Araber. Ich war bei den Russen. Wir waren eine bratwa – eine Bruderschaft.“ Hin und wieder organisiert die bratwa Alkohol, dann trinken sie.

Pietr entwickelt sich zu einem unauffälligen Häftling. Spielt Fußball, besucht den Schachclub. „Wenn man aufpasst, was man sagt, wenn man keine Schulden macht, dann wird man in Ruhe gelassen“, erzählt er.

Nach einem Jahr darf er sich um einen Ausbildungspatz bewerben – und ist erfolgreich. Fortan arbeitet er tagsüber in der gefängniseigenen Autowerkstatt. Es ist anstrengend, aber es gefällt ihm. „Im Gefängnis ist es gut, wenn Du etwas zu tun hast“, sagt er. "Viele Leute im Knast erzählen Dir: Uns braucht keiner, wir müssen Gangster sein, wir ficken alle. Aber das habe ich nie geglaubt."

Abends, wenn er in seiner Zelle ist, denkt er an seine Kinder.

4. "Das war der Wendepunkt"

Irgendwann nimmt einer aus der bratwa ihn mit zur russischsprachigen Bibelgruppe. Dort lernt er Pastor Vitali kennen. „Das war der Wendepunkt“, sagt Pietr. „Ohne den Pastor wäre ich längst wieder im Knast.“

Der Pastor erzählt ihnen, dass niemand verloren ist. Dass sie sich bekehren, dass sie neue Menschen werden können. „Er hat uns Hoffnung gegeben auf bessere Zeiten“, sagt Pietr. „Das hat uns gerettet. In der Bibelgruppe sind wir neue Menschen geworden.“

Pietr beschließt, sein Leben zu ändern. Nicht zum ersten Mal – aber radikaler als zuvor. Er betet, arbeitet, schläft. Er hält sich an strenge Regeln, übt sich im Verzicht. Keine schlechten Handlungen, keine schlechten Worte, keine schlechten Gedanken.

Er wird zum Eremiten innerhalb des Gefängnisses; zu einem, der sich zurückzieht in seinen Glauben. Er beendet seine Ausbildung und stellt Antrag auf frühzeitige Haftentlassung. Dem wird stattgegeben; seine Haftstrafe wird um elf Monate gekürzt.

Fünf Jahre, nachdem die Zellentür hinter ihm ins Schloss gefallen ist, darf Pietr das Gefängnis verlassen.

5. "Ab hier gehst Du alleine"

„Der Moment, wenn Du dann draußen bist, ist ganz anders, als ich immer gedacht hatte. Einer der Beamten ist noch ein paar hundert Meter mit mir gelaufen. Dann hat er gesagt: Ab hier gehst Du alleine, da hinten geht’s zum Bahnhof. Ich habe es zuerst nicht verstanden und nochmal gefragt: Bin ich jetzt wirklich frei?“

Der Beamte nickt, macht kehrt und geht zurück.

Pietr nimmt den Zug nach Frankfurt. In der Großstadt will er den Neuanfang wagen. Die Haftentlassenenhilfe vermittelt ihm eine Wohnung am Stadtrand. Nachdem er die Schlüssel abgeholt hat, fährt er ins Bahnhofsviertel. „Ich dachte, jetzt hole ich mir eine Nutte“, erzählt er und lacht wieder sein bitteres Lachen. „Es ging nicht. Es geht nicht mehr. Ich will nicht mehr.“

Er fährt nach Hause, betet, schläft. Ein paar Tage später besucht er erstmals seine neue Gemeinde.

Und schreibt Sylvia.

6. Ein Anfang

In den Monaten nach seiner Entlassung beginnt Pietr, sein Leben wieder zusammenzusetzen; so, wie man eine zerbrochene Vase wieder zusammenfügt, Scherbe für Scherbe, Splitter für Splitter.

Über eine Zeitarbeitsfirma kommt er an kleine Jobs. Er meldet sich regelmäßig bei seinem Bewährungshelfer, trinkt keinen Alkohol. Die Mitarbeiter der Haftentlassenenhilfe zeigen ihm, wie er eine Bewerbung aufsetzen muss. Nach ein paar Wochen findet er eine Stelle in einer Autowerkstatt.

Der Job ist hart, der Chef ist streng. Nicht selten ist Pietr zwölf oder dreizehn Stunden am Stück in der Werkstatt. Aber er hält durch. Als er seine erste Gehaltsabrechnung bekommt, muss er lachen. 1.800 Euro brutto – das ist mehr, als er bei seinen Überfälle erbeutet hat.

Samstags schläft Pietr, und manchmal geht er spazieren. Sonntags besucht Pietr seine Gemeinde in Frankfurt, er begleitet die Kirchenlieder auf einer alten Gitarre. Er liest viel, vor allem religiöse Literatur.

Mit dem Pastor und mit den Leuten von der Haftentlassenenhilfe spricht er über seine Kinder. Er will sie wiedersehen, irgendwann. Aber Sylvia verweigert den Kontakt, die Kinder antworten nicht. Er hofft, dass sich das ändern wird.

Dass er seinen Kindern irgendwann erklären kann, was passiert ist - obwohl er es selbst noch nicht versteht.

"Bis dahin", sagt er, "ist es noch verdammt weit."

Video: So kämpfen Junkies in Frankfurt gegen die Sucht:

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