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Ex-Stadtschreiber kehrt gern zurück

Von Von 2010 bis 2011 war Thomas Rosenlöcher Stadtschreiber von Bergen. Jetzt war er wieder einmal da, für wenige Stunden nur, um in der Schule am Ried zu lesen und etwas von der Kunst der Dichtung zu erzählen. Im Stadtteil, verrät er dabei, fühlt er sich noch immer zuhause.
Der ehemalige Stadtschreiber Thomas Rosenlöcher erläuterte  die Kunst der Dichtung.	Foto: Hamerski Der ehemalige Stadtschreiber Thomas Rosenlöcher erläuterte die Kunst der Dichtung. Foto: Hamerski
Bergen-Enkheim. 

Für Thomas Rosenlöcher ist Bergen-Enkheim noch immer, auch dreieinhalb Jahre nachdem er Stadtschreiber wurde, ein Zuhause. Vieles, erzählt er, sei ihm noch vertraut aus seinem Jahr im Stadtteil. Nur für eine Lesung an der Schule am Ried hatte die Zeit damals irgendwie nicht gereicht. „Heute bin ich zum ersten Mal hier. Ich habe die Schule immer nur von außen gesehen, wenn ich zum Riedbad ging, in die Sauna oder zum Schwimmen“, gesteht er den Elftklässlern, vor denen er seine Gedichte liest und denen er etwas über seine Kunst erzählt.

Meist stehe am Anfang eines Gedichts ein ganz kleines Erlebnis, erklärt Rosenlöcher, oft auch eine „komische Melancholie“. Keine großen, weltbewegenden Themen, sondern eher der Alltag, den man sonst oft übersehe. Wie in „An die Klopapierrolle“. „Ich hatte mich gerade gestritten“, erinnert er sich an jene Situation auf dem stillen Örtchen, die der Aufhänger für den damals 22-Jährigen zum Gedicht war.

Rosenlöcher analysiert sein eigenes Gedicht, erklärt, dass „Acharon“ einer der Flüsse der griechischen Unterwelt ist, dass er ihn „einfach so verwendete, um einen gelehrten Eindruck zu vermitteln“. Damals, Anfang 20, habe er die Ilias und Odyssee gelesen, „tausende von Versen. Und manchmal fing ich an, in Hexametern zu sprechen, ja sogar zu träumen.“

Doch wichtiger als die Analyse eines Gedichts, etwa im Deutschunterricht, sagt Rosenlöcher, sei es, es zu erspüren. Ein Gedicht sei nicht spannend wie ein Roman, bei dem man voll Erwartung warte: Wie geht es aus?

Interpretationssache

Ein Gedanke, den Leonie (18) sofort aufgreift: „Ich habe das Gefühl: Oft interpretieren wir etwas hinein, was gar nicht so ist. Sind Sie dann beleidigt?“ Nein, beleidigt sei er dann nicht, erwidert Rosenlöcher. Oft denke er an gar nichts, wenn er ein Gedicht schreibe. „Ich habe dann das Gefühl, dass ich etwas gefunden habe, was so noch nicht geschrieben wurde – und ich weiß gar nicht so genau: Ist das etwas für ein Gedicht?“ Ähnlich sei es beim Gedichte lesen. „Wenn man dabei etwas spürt, ist das schon eine Interpretation.“

Und doch würde er ihnen als Lehrer auch zumuten, Gedichte zu interpretieren, sagt Rosenlöcher. „Was soll die Schule machen? Man muss abstrahieren, es gehört zu uns.“ Nur zu fühlen sei schwierig. „Aber ich würde Euch wohl zehn Gedichte als Auswahl geben. So dass jeder sich eins aussucht, das ihm gefällt.“

Ein Gedicht nicht sofort zu verstehen sei keine Schande und nicht schlimm“, sagt Rosenlöcher und trägt ein weiteres vor, erklärt, was er sich dabei dachte und fühlte, wie es entstand – um es, mit diesem Wissen im Hinterkopf der Schüler, noch einmal zu lesen. „Schneebier“ etwa, in das eine holländische Zeitung einst hinein interpretierte, die winterliche Kälte sei die politische Lage in der DDR, die man nur mit Alkohol ertrage. „Heute würde das niemand mehr schreiben, man würde nur einen Mann sehen, der im Schnee Bier trinkt – und das finde ich besser.“

„In Schulen wird man selten eingeladen. Ich bin immer froh, wenn ich mal in einer bin. Dann kann man mal etwas für Gedichte tun, die sind ja gar nicht mehr in der Wahrnehmung des Literaturbetriebs“, verrät Rosenlöcher im Anschluss an die Veranstaltung. Als amtierender Stadtschreiber habe er mehrfach in Schulen der Umgebung gelesen. Noch heute kenne er sich hier gut aus, sei ihm vieles vertraut. „Es gibt einen Spruch: Einmal Stadtschreiber, immer Stadtschreiber. Das sagt schon alles.“

Apfelwein-Fan

Er habe ja viel Zeit, fast das ganze Jahr, in Bergen-Enkheim verbracht, sagt der Dichter. „Mit dem Fahrrad bin ich viel herumgefahren.“ In den Streuobstwiesen sei er spazieren gegangen. „Die ganze Apfelweinkultur ist toll, ich muss schnell noch einen trinken gehen. In Dresden schmeckt er nicht, das ist ganz kurios.“ Allein das sei ein Grund, mal wieder ein Jahr hier zu verbringen.

In der Stadtmitte von Frankfurt sei er „nie gewesen“, habe in Bergen-Enkheim am Rand gelebt, so wie daheim in Sachsen immer am Rande von Dresden, erklärt Rosenlöcher. „Es war eine persönliche Umbruchzeit, als ich hier lebte.“ Er versuchte, einen Roman zu schreiben, doch er steckte fest. „Ich habe dann wieder umgesattelt und etwas anderes gemacht.“ Er habe wieder Gedichte geschrieben, das lief besser.

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