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Feuerwehrchef Reinhard Ries im Interview: "Fassaden können wie Fackeln brennen!"

Nach dem verheerenden Fassadenbrand in Frankfurt im Mai 2012 erklärt Frankfurts Feuerwehrchef Reinhard Ries im Interview, welche Konsequenzen Feuerwehren und Politik daraus gezogen haben.
Frankfurts Feuerwehrchef Reinhard Ries sieht in den massenhaft verbauten Dämmstoffen bei Bränden eine große Gefahr für das Leben der Bewohner.	Fotos: Wygoda Frankfurts Feuerwehrchef Reinhard Ries sieht in den massenhaft verbauten Dämmstoffen bei Bränden eine große Gefahr für das Leben der Bewohner. Fotos: Wygoda
Frankfurt. 

Nach dem verheerenden Fassadenbrand in Frankfurt vom 29. Mai 2012 hatte die Bauministerkonferenz eine Überprüfung der Zulassungskriterien für die Verwendung des Dämmstoffes Polystyrol an Hausfassaden veranlasst. Eineinhalb Jahre später sprach Hermann Wygoda mit dem Leiter der Frankfurter Feuerwehr, Professor Reinhard Ries, als Vertreter aller Berufsfeuerwehren der Bundesrepublik über die Ergebnisse dieser Versuche und die Folgerungen, die die Politik daraus gezogen hat.

Herr Ries, nachdem bei den jüngsten Versuchen zur Brennbarkeit des Dämmstoffs Polystyrol auf Druck der Hessischen Landesregierung auch die Feuerwehren mit einem Beobachter beteiligt waren – sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

REINHARD RIES: Wir sind mit dem Ergebnis grundsätzlich zufrieden, soweit es die Brandversuche betrifft. Die Bundesbauministerkonferenz hat das Thema ernst genommen und die Versuche durchführen lassen, an denen wir durch einen Kollegen aus München beteiligt waren. Bei diesen Versuchen wurde eindeutig bewiesen, dass der Brand in Frankfurt kein Zufall war, dass es auch nicht daran lag, dass eine nicht fertiggestellt Fassade in Brand geraten war. Es hat sich viel mehr herausgestellt, dass auch fertiggestellte Fassaden wie eine Fackel abbrennen und ein solcher Brand durch die Feuerwehren kaum noch beherrschbar ist. Jeder, der bisher davon überzeugt war, dass nichts verändert werden müsste, war nach diesen Ergebnissen überzeugt, dass sogar dringender Handlungsbedarf besteht.

Die Schlussfolgerungen, die die Politik aus diesen Versuchen gezogen hat, sind jedoch andere?

RIES: In der Arbeitsgruppe wurde in der Tat erkannt, dass im Bereich der Erdgeschosse, wo größere Brandlasten bestehen können – etwa durch die Mülltonnen, die in den meisten Fällen direkt an der Hauswand stehen, oder durch Pkws – eine potenzielle Brandgefahr besteht, die die ganze Fassade in Brand stecken kann. Das hat auch dazu geführt, dass unsere Forderung erfüllt werden wird, dass im Erdgeschoss zwei zusätzliche Brandriegel eingebaut werden müssen. Das ist ein positives Ergebnis dieser Beratungen.

Wurde denn auch gesagt, wie groß und aus welchem Material diese Brandriegel sein müssen?

RIES: Das ist eine berechtigte Frage. Wir vermissen eine genaue Beschreibung dieser Brandriegel. Wir als Feuerwehren bedauern sehr, dass in dem Papier nicht gesagt wird, dass diese Brandriegel gedübelt sein müssen und wir vermissen auch die Vorgabe, dass die Häuserkanten mit einer Armierungsschiene zu versehen sind, weil sich herausgestellt hat, dass dann, wenn diese Kanten sich durch das Feuer öffnen, das Feuer sehr schnell an der ganzen Fassade nach oben läuft. Was uns aber auch verwundert, ist, dass in dem Papier festgestellt wird, dass der Bestand, also die vielen Tausend Häuser, die bereits mit Polystyrol gedämmt wurden, nicht angetastet werden müssen. Wir als Berufsfeuerwehren in der gesamten Bundesrepublik sehen diesen Punkt als sehr kritisch an. Es ist ja bewiesen, dass die Fassaden sehr schnell abbrennen können. Immerhin wurden bereits mehr als 900 Millionen Quadratmeter Hausflächen mit Polystyrol beklebt. Das ist eine riesige Fläche und da ist es, wie leicht nachvollziehbar ist, nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert. In dem Papier der Arbeitsgruppe beruft man sich auf den Bestandsschutz und vergleicht das mit einem hölzernen Treppenraum in einem Gebäude. Aus fachlicher Sicht ist das aber nicht vergleichbar, denn ein Treppenraum liegt bekanntermaßen in einem Gebäude hinter einer verschlossenen Tür. Damit besteht für die Bewohner ein gewisser Schutz. Dennoch bessern wir auch jetzt schon bei solchen Gebäuden nach.

Während zwei der Brände, bei denen Polystyrol als Beschleuniger wirkte, in Frankfurt wahrscheinlich vorsätzlich gelegt wurden, indem Sperrmüll angesteckt wurde, scheint der dritte Brand in der Adickesallee wohl eher durch eine weggeworfene Zigarettenkippe auf der Baustelle ausgelöst worden zu sein?

RIES: In der Tat hat uns der Brand in Frankfurt ein Szenario vorgeführt, das man als Feuerwehrmann nicht erleben möchte. Denn hier ist nur deshalb niemand zu Schaden gekommen, weil das Gebäude noch leer war. Wir können aber auf allen Baustellen einen sorglosen Umgang mit dem Dämmmaterial beobachten, denn die Masse der Dämmarbeiten geschieht an bewohnten Gebäuden. Die riesigen Stapel an Dämmplatten werden direkt an den Hauswänden oder auf den Gerüsten gelagert. Sie steigern im Brandfall die Wucht des Feuers gewaltig, wie wir es in Frankfurt erleben mussten. Alle Fenster im Bereich des Feuers platzen und in allen betroffenen Etagen zündet das Feuer gleichzeitig in den dahinterliegenden Räumen. Ein Szenario, das die eintreffende Feuerwehr an ihre Leistungsgrenze bringt.

Im Papier der Bauministerkonferenz wird darauf hingewiesen, dass alle bisherigen Brände mit Polystyrol gedämmter Fassaden durch Straftaten entstanden seien.

RIES: Diese Brände sind definitiv nicht durch Straftaten entstanden. In den meisten Fällen waren es Fahrlässigkeit oder technische Defekte. Meistens sind es unachtsam weggeworfene Streichhölzer oder Zigarettenkippen. Aber es ist auch unerheblich, ob ein Brand durch eine Straftat verursacht wird oder nicht. Wenn ein Brand ausbricht, dann müssen Menschen von der Feuerwehr gerettet werden. Der Bevölkerung muss klar gesagt werden, dass hier eine Gefahr existiert. In einem Gebäude mit fünf bis acht Stockwerken kann die Feuerwehr einen solchen Brand kaum beherrschen, weil er so schnell abläuft und über die Fenster in die Wohnungen eindringt.

Wenn jetzt die Brandriegel ab dem Erdgeschoss für Neubauten gefordert werden, warum wird dann der Bestandsschutz nicht berücksichtigt? Die Gefährdung ist, wie Sie deutlich gemacht haben, in einem bereits gedämmten Gebäude genauso hoch wie in einem neuen Gebäude, das erst nach dem Inkrafttreten dieser Vorschrift gedämmt wurde.

RIES: Das steht außer Frage, dass die Gefährdung die gleiche ist. Deshalb empfehlen wir eine Nachbesserung für alle Gebäude im Bestand. Kein Mensch fordert, dass die gesamte Fassade aufgerissen wird. Aber in den Bereichen, in denen Fahrzeuge oder Mülltonnen stehen, in diesem Bereich muss nachgebessert werden. Wo eine grüne Wiese ist oder ein Gelände eingezäunt ist, also dort, wo die Gefährdung als gering eingestuft werden kann, dort muss man nicht nachbessern. Die Nachrüstung wäre keine große und teure Angelegenheit. Denn es muss in den Erdgeschossen kein teures Gerüst aufgestellt werden. Ich möchte auf einen weiteren Sachverhalt hinweisen: Alle Tests wurden an Fassaden durchgeführt, die mit bis zu 30 Zentimeter starken Platten beklebt waren. Bei dieser Plattenstärke funktionieren die Brandriegel also. Daraus folgt jedoch, dass Fassaden, die mit 40 oder gar 50 Zentimeter starker Dämmung versehen wurden, keine Zulassung mehr haben, denn erst durch weitere Versuche muss überprüft werden, ob solche Stärken zulassungsfähig sind.

Heißt das nicht, dass gegen jeden Bauherrn, der derzeit stärkere Platten als 30 Zentimeter verbaut, sofort ein Verbot ausgesprochen werden müsste?

RIES: Ich gehe davon aus, dass das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBT) diese Hinweise hoffentlich schnell gibt. Die Industrie, mit der wir ein sehr gutes Einvernehmen haben, wartet dringend auf diese Hinweise, denn niemand will fahrlässig Menschenleben aufs Spiel setzen.

Die Fachkommission hat in ihrem Vorschlag an die Bauminister aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Straftaten in der Baunutzungsverordnung nicht vorgesehen sind. Ist das nicht weltfremd?

RIES: Es ist ganz einfach: Den Menschen in einem Haus, die ihr Leben in Sicherheit bringen müssen, ist es ziemlich gleichgültig, ob das Feuer durch eine Straftat ausgelöst wurde, oder durch eine Fahrlässigkeit. Bewiesen ist jetzt, dass die Bewohner in höchster Lebensgefahr sind, wenn die Fassade Feuer gefangen hat. Dem Betreiber eines Wohnhauses lediglich ein Merkblatt zuzusenden, halte ich auch juristisch für fragwürdig. Dieser Verantwortung kann kein Hausbetreiber gerecht werden. Jeder weiß doch auch, dass in den Städten kaum genug Platz für die Mülltonnen ist, sie dann an der nächsten Fassade stehen. Damit ist eine Abstandsregelung nicht erfüllbar.

Wie glauben Sie denn, Ihre Kritik, die Sie an dem Beschluss der Bauministerkonferenz dargelegt haben, durchsetzen zu können?

RIES: Wir warten ab, wie das DIBT seine Hausaufgabe erfüllt, denn sie haben den Brand hier in Frankfurt untersucht und waren erschrocken, was mit einer fast fertigen Fassade passieren kann. Sie haben dann aber dennoch Entwarnung gegeben, weil das, was in Frankfurt passiert ist, nur Zufall gewesen sei. Diese Aussagen des DIBT wurden jetzt durch die Fakten widerlegt. Sie müssen ihre bisherigen Zulassungen für die Polystyrol-Dämmung widerrufen.

Also liegt der Handlungsbedarf jetzt bei der Politik?

RIES: Ja, das ist richtig. Die Politik will, dass gehandelt wird, das bedeutet, dass die Zulassungen überprüft und die Brandriegel eingebaut werden müssen. Nur darf jetzt nicht jahrelang an den Vorschriften gebastelt werden, der Handlungsbedarf ist auch zeitlich dringend.

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