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Frankfurt historisch: Fechenheim: Vor 100 Jahren belieferte Mayfarth ganz Europa mit Maschinen

Bis zum Ersten Weltkrieg war die Landmaschinenfabrik Mayfarth ein erfolgreiches Unternehmen. Dann begann der Niedergang. Vor 50 Jahren schloss mit der Gießerei der letzte Teil des Betriebs.
Das Mayfarth-Werk in Fechenheim vor 100 Jahren: Rechts ist die noch stehende Produktionshalle zu sehen, hinten links die Gießerei und im Vordergrund die zahlreichen Werkstätten. Foto: Institut für Stadtgeschichte Das Mayfarth-Werk in Fechenheim vor 100 Jahren: Rechts ist die noch stehende Produktionshalle zu sehen, hinten links die Gießerei und im Vordergrund die zahlreichen Werkstätten.
Fechenheim. 

Manchmal liegen Aufstieg und Niedergang dicht nebeneinander. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 baute Samuel Moser die Landmaschinenfabrik Mayfarth in Fechenheim auf ein Werk mit mehr als 1400 Mitarbeitern aus – mit einem Zweigwerk in Wien und Filialen in London, Paris, Moskau und Mailand. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann der Niedergang: Mosers Sohn Leo musste mit ansehen, wie sein Unternehmen 1936 zwangsarisiert wurde. Er selbst wurde 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, das Unternehmen wurde zerschlagen.

Doch noch bis 1968 produzierte die im Zweiten Weltkrieg kaum beschädigte Gießerei weiter, unter anderem wurden Original Glöckner-Mercedes-Buchdruckmaschinen hergestellt. Als einziges Gebäude der Fabrik blieb nur das vier Stockwerke hohe verklinkerte Produktionsgebäude in der Orberstraße 4a übrig. Seit acht Jahren residiert hier die Klassikstadt, ein Zentrum für Oldtimer- und Sportwagenfreunde.

Als Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft erforschte Ulf Ludßuweit die Geschichte der Landmaschinenfabrik Mayfarth. Vor mehr als zehn Jahren entdeckte er das leerstehende Fabrikgebäude bei einem Spaziergang. „Es war abgesperrt, aber keine Ruine“, erinnert er sich. Als Zugezogener habe er Frankfurt bis dahin vor allem als Bankenstadt wahrgenommen. „Es macht neugierig, wenn etwas wie dieses Bauwerk in dieses Schema nicht zu passen scheint.“ Er besuchte das Institut für Stadtgeschichte, das Wirtschaftsarchiv in Darmstadt, das deutsche Museum in München, ja sogar Wien und London auf der Suche nach Spuren der einst europaweit tätigen Fabrik.

Mit Importen begonnen

Gegründet hatten die Ph. Mayfarth & Co Handelsgesellschaft am 4. April 1872 Philipp Mayfarth und Samuel Moser. Im Baumweg 7 ansässig, importierten sie Landmaschinen, die sie in der eigenen Werkstatt reparierten. Seinen Namen behielt das Unternehmen auch, als Mayfarth zum 1. Februar 1875 aus der Firma ausschied und Samuel Moser alleiniger Inhaber wurde.

Ulf Ludßuweit in der heutigen Klassikstadt. Bild-Zoom
Ulf Ludßuweit in der heutigen Klassikstadt.

Moser erschloss neue Absatzmärkte und gründete Verkaufsbüros. An der Hanauer Landstraße, östlich des Ostbahnhofs, baute er 1881 die erste eigene Produktionsstätte auf. Um möglichst alle Teile selbst zu fertigen, entstand ab 1885 in der Höchster Straße 1 (heutige Kleyerstraße) eine eigene Gießerei. Mayfarth fertigte nun eigene Häcksel- und Dreschmaschinen, ab 1896 auch in Wien. „Der Name Mayfarth als Inbegriff für qualitativ hochwertige Landmaschinen und -geräte wurde immer wieder in zahlreichen Wettbewerben unter Beweis gestellt“, sagt Ludßuweit. „Dass die Produktion im Osten, die Gießerei im Westen der Stadt lag, war ungünstig.“

Daher entstand 1910 auf 100 000 Quadratmetern das neue Werk nahe der Mainkur mit dem großen Produktionsgebäude, einer neuen Gießerei, aber auch mit Schmiede, Schlosserei, Tischlerei und großem Lager. Doch schon der Erste Weltkrieg brachte Probleme, weil Abnehmer wegbrachen. Zwar gewann Leo Moser, der das Unternehmen mit dem Tod seines Vaters im Mai 1917 übernahm, in Südamerika neue Absatzmärkte.

Spur verloren

Darstellung einer Dreschmaschine aus Ludßuweits Sammlung. Bild-Zoom Foto: Business Graphics Datentechnik GmbH
Darstellung einer Dreschmaschine aus Ludßuweits Sammlung.

Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten machte es Moser als Juden immer schwerer, die Firma erfolgreich zu leiten. Weil das Unternehmen Schulden hatte, betrieben die Gläubigerbanken 1936 die Arisierung: Die vormals Ph. Mayfarth & Co. GmbH entstand, die 1938 die Frankfurter Maschinenbau AG, vormals Pokorny & Wittekind, kaufte. Diese veräußerte die Landmaschinenproduktion an andere Firmen und fertigte in Fechenheim Kompressoren und Druckluftwerkzeuge. Das große Produktionsgebäude – die heutige Klassikstadt – ging an die Wehrmacht, nach dem Zweiten Weltkrieg hatte unter anderem der Zoll eine Kleiderkammer. Die Gießerei übernahm 1955 mit dem Kauf der Maschinenbau AG die DEMAG, die sie bis 1968 weiter betrieb.

Leo Moser, der 1938 deportiert wurde, kam bald wegen seines schlechten Gesundheitszustands frei. 1941 gelang ihm die Flucht nach Kuba, 1943 erreichte er New York. Dort verliert sich seine Spur.

Noch hat Ludßuweit nicht alle Informationen, die er benötigt, um die Geschichte der Landmaschinenfabrik Mayfarth in Buchform zu publizieren. „Ich weiß noch nicht, was 1938 mit allen Teilen der landwirtschaftlichen Produktion geschah. Und die Geschichte der Familie Moser weist noch Lücken auf.“ Die Forschung geht weiter.

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