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Interview: Feuerwehrchef Reinhard Ries: "Neuer Goetheturm aus Holz ist okay"

Weltkriegsbombe, Goetheturm, merkwürdige Brandserien: 2017 war ein buchstäblich feuriges Jahr. Grund genug, Frankfurts bald in den Ruhestand gehenden Branddirektor nach seiner Bilanz zu befragen. Mit Professor Reinhard Ries sprach Redakteur Christian Scheh.
Auch im Jahr 2017 hatten der Frankfurter Branddirektor Reinhard Ries und seine Feuerwehrleute eine Menge zu tun. Es war das letzte vollständige Kalenderjahr mit Ries an der Spitze der Branddirektion. Foto: Salome Roessler Auch im Jahr 2017 hatten der Frankfurter Branddirektor Reinhard Ries und seine Feuerwehrleute eine Menge zu tun. Es war das letzte vollständige Kalenderjahr mit Ries an der Spitze der Branddirektion.

Herr Professor Ries, im März gehen Sie in den Ruhestand. 2017 war also Ihr letztes vollständiges Jahr als Frankfurter Branddirektor. Was war für Sie das herausragende Ereignis des Jahres?

REINHARD RIES: Das war ganz klar die Evakuierungsaktion anlässlich der Bombenentschärfung im Westend. Dabei konnten wir unter Beweis stellen, wie gut wir aufgestellt sind und was wir können. Die Evakuierung eines Gebiets, in dem sich normalerweise 60 000 Menschen aufhalten, war eine logistische Meisterleistung – zumal außer den Frankfurter Einsatzkräften auch sehr viele auswärtige zu koordinieren waren.

Die Analyse des Großeinsatzes dauerte viele Wochen. Zu welchem Ergebnis sind Sie am Ende gelangt?

RIES: Unter dem Strich ist alles sehr gut gelaufen. Wir haben aber auch kleinere Fehler identifiziert. Zum Beispiel waren manche Bereitstellungsräume zu langgezogen. Wenn wir Einheiten in den Einsatz rufen wollten, dauerte es deshalb mitunter zu lange.

Bei einigen Einsatzkräften entstand der Eindruck, dass es Koordinationsprobleme gab. Selbst in der heißen Phase der Evakuierung hätten Einsatzkräfte nichts zu tun gehabt und auf Aufträge gewartet...

RIES: Viele Einheiten waren nur in Bereitstellung – für den Fall, dass bei der Entschärfung etwas schiefgeht und die Bombe detoniert. Es gab einen ausgefeilten Plan B. Ich verstehe das Murren der Einheiten, die nicht zum Einsatz kamen. Bei einer Detonation wäre aber sofort ein enormer Schaden und auch ein enormer Bedarf nach Kräften entstanden, die zum Beispiel zum Löschen der vermutlich zahlreich auftretenden Brände hätten eingesetzt werden müssen. Die Bereitstellung zusätzlicher Einheiten war somit richtig und wichtig.

Hätten Sie den Einheiten, die sich hinterher beschwerten, vorher noch klarer sagen müssen, dass sie nur in Bereitstellung für den Fall einer Detonation sind?

RIES: Wir haben das den Einheitsführern schon klar gesagt. Aber wie das so ist mit der stillen Post: Manchmal kommt die Botschaft nicht richtig an. Vielleicht kam ein Teil der Frustration auch aus dem starken Drang, etwas zu tun, dann aber nicht dabei gewesen zu sein. Wir werden die Kommunikation bei Einsätzen in der Zukunft noch weiter verbessern.

Ein Problem, für das die Branddirektion nichts konnte, waren die Evakuierungsverweigerer, also die Menschen, die die Sperrzone nicht fristgerecht verließen. Ihr Fernsehstatement am späten Vormittag wirkte wie ein richtiger Zornesausbruch...

RIES: Ich bin so deutlich geworden, weil ich den Ernst der Lage unterstreichen wollte. Das Signal an die Zögerer sollte sein, dass jetzt Schluss mit lustig ist. Ich habe ganz bewusst einen scharfen Ton gewählt – nicht im Affekt.

Das Ordnungsamt hat immerhin gegen vier Evakuierungsverweigerer ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Was sagen Sie dazu?

RIES: Ich hoffe, dass das abschreckende Wirkung hat, damit wir es bei Evakuierungen in Zukunft nicht mehr mit so vielen Querulanten zu tun haben.

2017 wird auch als das Jahr in die Frankfurter Geschichte eingehen, in dem der Goetheturm niederbrannte. Mal unabhängig von der Symbolkraft des Bauwerks – war der Einsatz für die Feuerwehrleute ein besonderer oder einfach nur Routine?

RIES: Der Einsatzleiter hatte eine bittere Entscheidung zu treffen – nämlich die, den Goetheturm nicht mehr zu löschen, sondern kontrolliert abbrennen zu lassen. Eine Alternative dazu gab es nicht, weil der Turm beim Eintreffen der Feuerwehrleute schon im Vollbrand stand. Löscharbeiten hätten nichts mehr gebracht, es wären lediglich größere verkohlte Reste übriggeblieben. Der Rückzug vom Turm war die richtige Entscheidung. Die Brandstelle wurde gesichert, und die Umgebung mit Wasser gekühlt, so dass das Feuer und die Hitze außer dem Turm selbst nichts mehr beschädigen konnten.

Der Goetheturm soll aus Holz wiederaufgebaut werden. Ist das im Hinblick auf mögliche Brandstiftungen in der Zukunft nicht grob fahrlässig?

RIES: Das ist nicht grob fahrlässig. Schon im Mittelalter hat man mit Holz gebaut. Auf diesen Baustoff zu verzichten, nur weil er brennt, ist aus meiner Sicht nicht nötig. Der Goetheturm muss mit einem sehr großen Aufwand entzündet worden sein. So einfach geht das gar nicht.

Würden Sie wegen der Prominenz des Bauwerks nicht für besondere Schutzmaßnahmen plädieren?

RIES: Die Branddirektion wird die Arbeiten für einen neuen Turm gern mit ihrer Expertise begleiten. Man sollte schon dafür sorgen, dass Brandstiftungen möglichst unterbunden werden. Man könnte den Turm für die Nacht sichern, zum Beispiel mit einem Zaun. Und man könnte das Holz auf den unteren fünf Metern mit einem nicht entzündlichen Material verkleiden. Derartige Maßnahmen wären möglich, ohne dass der neue Goetheturm seinen Charakter verliert.

Ein Grund dafür, dass der Turm so schnell brannte, soll ja auch der Anstrich mit Leinöl gewesen sein. . .

RIES: Ein solches Öl kann dazu führen, dass ein Holzbauwerk besser brennt. Wir werden den neuen Turm sicher anders imprägnieren. Welches Mittel sich dafür am besten eignet, müssen Fachleute entscheiden.

Haben Sie eine Theorie darüber, wie der Goetheturm angesteckt wurde?

RIES: Nein, ich habe keine Theorie. Es muss aber wirksame Hilfsmittel gegeben haben. Nach einem Höllenfeuer – wie im Fall des Goetheturms – ist von denen aber natürlich nichts mehr festzustellen.

Goetheturm, China-Pavillon, Koreanischer Pavillon, Kindertagesstätten: Das Jahr 2017 war geprägt von einer Brandserie bei Holzbauten, hinter der möglicherweise sogar ein Serientäter steckt. Spielt es für die Feuerwehr eigentlich eine Rolle, ob ein Objekt angezündet wurde oder anders in Brand geraten ist?

RIES: Nein, das spielt keine Rolle. Unsere Aufgabe ist es, das Feuer zu löschen. Die Ermittlung der Brandursache ist dann Sache der Kriminalpolizei.

Gab es 2017 auch besonders viel Brandeinsätze?

RIES: Die Zahlen sind leicht gestiegen. Damit setzt sich der Trend aus den vergangenen Jahren fort. Bis Mitte Dezember 2017 hatten wir in Frankfurt etwa 6 380 Brandeinsätze, im kompletten Vorjahr waren es 6 130 gewesen. Ich gehe davon aus, dass es bis zum Jahresende etwa 6 500 Brandeinsätze waren, die genaue Zahl muss aber noch erhoben werden.

Woher kommt das Plus bei den Brandeinsätzen?

RIES: Das liegt an der stetig wachsenden Stadt: mehr Menschen, mehr Gebäude. Und die daraus resultierende steigende Anzahl von automatischen Brandmeldeanlagen hat logischerweise auch mehr Einsätze für die Feuerwehr zur Folge.

Was haben Sie sich für die letzten Wochen als Branddirektor vorgenommen?

RIES: Mein Büro aufräumen (lacht). Spaß beiseite: Ich werde bis zum Schluss beschäftigt sein. Ich muss zum Beispiel noch Prüfungen an den Landesfeuerwehrschulen abnehmen. Es gibt aber auch noch organisatorische Prozesse, die ich weiterbegleiten muss, um sie dann meinem Nachfolger zu übergeben.

Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass Sie und der Feuerwehrdezernent sich Karl-Heinz Frank als Ihren Nachfolger wünschen. . .

RIES: Zu meinem Nachfolger kann ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht äußern. Die Gespräche diesbezüglich laufen.

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