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Kapsel voller Geschichte: Fidele Nassauer öffnen 70 Jahre alte Messingdose

Von Handgemalte Urkunden und Dokumente, fein säuberlich verpackt in Wachspapier, verstaut und gut verschlossen in einer Dose aus Messing – 1971 wurde die Zeitkapsel bei Umbauarbeiten entdeckt, vergraben wurde sie 1948 mit dem Grundstein des Clubhauses der Fidelen Nassauer. Jetzt wurde sie geöffnet.
Millimeter für Millimeter arbeitet sich Jörg Haft mit der Metallsäge durch die Messing-Zeitkapsel. Wolfgang Krichbaum, der sie 1971 fand, schaut ihm dabei prüfend über die Schulter. Foto: Heike Lyding Millimeter für Millimeter arbeitet sich Jörg Haft mit der Metallsäge durch die Messing-Zeitkapsel. Wolfgang Krichbaum, der sie 1971 fand, schaut ihm dabei prüfend über die Schulter.
Heddernheim. 

Jörg Haft stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Millimeter für Millimeter arbeitet er sich mit der Metallsäge voran, immer wieder legt er sie auf die 25 Zentimeter lange und fünf Zentimeter dicke, 70 Jahre alte Zeitkapsel aus Messing und sägt und sägt und sägt. „Club Fidele Nassauer“ und „8.8.1948“ ist auf dem Boden der Zeitkapsel eingestanzt. Das Datum der Grundsteinlegung für das Clubhaus im Wenzelweg vor 70 Jahren.

15 Minuten lang gibt Jörg Haft nun schon alles, goldfarbener Staub sammelt sich auf dem weißen Tischtuch und weht durch die Luft. Die Spannung steigt. „Wir wollen endlich wissen, was in der Kapsel drin ist, nun säg’ doch bitte schneller!“, „Du musst anders ansetzen!“, „Ich hätte das Ding schon längst auf!“ – haben die Männer um ihn herum allerlei gute Tipps auf Lager. Doch Jörg Haft lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, er bleibt vorsichtig. Er will den Inhalt der Kapsel nicht zerstören. Schließlich handle es sich dabei um ein Stück Zeitgeschichte.

Legende von Unglück

Wolfgang Krichbaum entdeckte die Zeitkapsel 1971, als der damalige Vorsitzende zusammen mit dem Nachwuchs des Fastnacht-Clubs den Anbau, das Alois-Riedel-Haus, baute. „Wir brauchten einen Anschluss an den Kanal, also habe ich mich durch den Boden gegraben“, erinnert er sich. Plötzlich sei er auf etwas Metallisches gestoßen, unterhalb des Eckpfeilers des Clubhauses. „Kling, kling, klong“, habe es gemacht. Überrascht war er, als er die Zeitkapsel in den Händen hielt.

Dieses Gedicht wurde in der Zeitkapsel gefunden. Bild-Zoom
Dieses Gedicht wurde in der Zeitkapsel gefunden.

Aber auch wenn es ihm „in den Fingern juckte“, auf der nächsten Vorstandssitzung wurde beschlossen, sie nicht zu öffnen. „Es gibt wohl Legenden, dass das Öffnen einer Zeitkapsel Unglück bringt. Die Mehrheit war dagegen“, erklärt Krichbaum. Und so schlummert das Messingrohr fast 50 Jahre lang im Archiv der Fidelen Nassauer, im vergangenen Jahr war es im Fastnachtsmuseum im Heddernheimer Schloss ausgestellt.

Vor dem Durchbruch

Doch jetzt wurde die Zeitkapsel endlich geöffnet. Auf den Tag genau 70 Jahre, nachdem sie vergraben worden war. Jörg Haft steht kurz vor dem Durchbruch. „Schaut mal, sie wackelt schon“, ruft einer der Zuschauer. 20 Minuten, einige Schweißperlen und einen präzisen Schnitt später ist es vollbracht: Die Kapsel ist auf.

Zum Vorschein kommt eine rote Rolle. „Das sieht ja aus wie eine Dynamitstange!“, wird gerufen. Haft gibt jedoch schnell Entwarnung. Es ist weiches, rotes Wachspapier, das die darin eingewickelten Dokumente schützt. Entsprechend gut sind die Dokumente erhalten, es ist alles lesbar – auch die vier Vierzeiler des damaligen Vorsitzenden Andras Stöcker – und die Farben sind kaum verblasst.

Eifrig werden die Papiere umhergereicht, die Clubmitglieder sind beeindruckt, jeder möchte einmal das 70 Jahre alte Papier in den Händen halten, die Geschichte spüren und riechen. „Es ist toll, aus der damaligen Zeit handgemalte und mit der Schreibmaschine getippte Dokumente in der Hand zu halten“, sagt Jörg Haft und rollt die Papiere vorsichtig zusammen.

Der Fund der Zeitkapsel aus dem 19. Jahrhundert unter dem Heddernheimer Mahnmal vor zwei Jahren habe letztlich den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, die Kapsel zu öffnen. Entgegen aller Unkenrufe. „Solche Dokumente müssen sichtbar gemacht werden“, sagt Jörg Haft. Nachdem der Vorstand die Dokumente digitalisiert hat, soll die geöffnete Zeitkapsel samt Inhalt wieder ins Fastnachtsmuseum zurückkehren. „Das ist ein würdiger Platz, so haben alle Fastnachter etwas davon“, sagt Finder Wolfgang Krichbaum.

Jörg Haft ist derweil glücklich, dass er die Kapsel ohne Beschädigungen öffnen konnte und dafür die Säge reichte. Dabei war er auf Schlimmeres vorbereitet. „Ich hätte auch die Flex ausgepackt“, sagt er, lacht und setzt sich seine Brille wieder auf. Dann wischt er mit der Hand erst den Messingstaub vom Tisch, dann den letzten Schweiß von seiner Stirn.

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