Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen

Stadt bringt Flüchtlinge auf dem Messegelände unter: Flüchtlinge ziehen in Wohnwagen

Schlafplatz, Sitzecke und Küche auf knapp 15 Quadratmetern: In 50 Wohnwagen auf dem Frankfurter Messegelände ziehen Flüchtlinge ein. Die Caritas hilft bei der Integration. Vielen kann es damit nicht schnell genug gehen.
<span></span> Bilder > Foto: Alexander Heinl (dpa)
Rebstock. 

Für Osama Babelli ist sein neues Zuhause noch sehr gewöhnungsbedürftig. Der 60 Jahre alte Syrer lebt seit kurzem zusammen mit seiner Frau und den beiden Töchtern in einem Wohnwagenpark auf einem Stellplatz der Frankfurter Messe. Das Ehepaar teilt sich einen Wohnwagen, die beiden Töchter (20 und 21 Jahre) einen anderen. Weil bezahlbarer Wohnraum im ständig wachsenden Frankfurt knapp ist, setzt die fünfgrößte Stadt Deutschlands bei der Unterbringung von Flüchtlingen auch auf das Wohnwagenprojekt der Caritas. „Wir brauchen viele bunte Lösungen“, sagt die Sprecherin des Sozialdezernats, Manuela Skotnik.

Auf dem Gelände „Park & Sleep“, wo sonst Aussteller campieren, stehen 50 Wohnwagen für die Asylsuchenden. Bis zu 120 Menschen können darin unterkommen, darunter bis zu 20 Kinder. Die teils neuen, teils gebrauchten Wohnwagen sind mit zwei oder vier Betten ausgestattet – alle haben ein Vorzelt. Die Messe hat der Stadt – ihrem Miteigentümer - das Gelände zwei Jahre kostenlos überlassen.

Gleich am Eingang des eingezäunten Geländes finden sich die beiden Wohnwagen der Caritas, die das Projekt aus der Taufe gehoben hat. Der Verband arbeitet noch an der Infrastruktur für die Bewohner, die nach und nach einziehen: WLAN, Gemeinschaftsräume und ein Fernseher, aber auch Deutschkurse und Kinderbetreuung werden organisiert. Wie gefällt den Flüchtlingen die Unterkunft? „Die meisten reagieren erst irritiert“, sagt Skotnik. „Wenn sie dann da sind, fühlen sie sich aber doch wohl.“

Privatsphäre gewünscht

Projektleiter Ulrich Schäferbarthold vom Caritasverband berichtet: „Die Menschen die hierher kommen, lechzen nach Privatsphäre.“ So sei eine Flüchtlingsfamilie zuvor in acht verschiedenen Hallen gewesen. „Im Wohnwagen können sie wieder Familie sein.“ Schäferbarthold - selbst begeisterter Camper und seit vielen Jahren Chef eines Wohnwagenprojekts für Obdachlose – ist überzeugt: „Im Sommer wird das hier richtig idyllisch.“ Die aktuelle Stimmung beschreibt er so: „Die Leute sind zufrieden, dankbar, lachen und strahlen.“

Kinder tollen lachend zwischen den Wohnwagen herum. Divora (5) aus Eritrea flitzt mit einem kleinen Rad umher und schnappt begierig deutsche Wörter auf: „Schule für mich?“, ruft sie immer wieder hoffnungsvoll. Das Wohnwagen-Projekt sei ideal für kleine Familien, Geschwister, Paare und gute Freunde, sagt Schäferbarthold. Wie lange bleiben die Camper? „Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren so viele Wohnmöglichkeiten geschaffen haben, dass das Projekt überflüssig ist.“

Durchweg positive Erfahrungen mit einem ähnlichen Projekt hat Jörg Steimer gemacht. Auf seinem Campingplatz in Eppstein-Niederjosbach im Taunus leben schon seit gut einem Jahr Flüchtlinge in Wohnwagen. Derzeit sind es mehr als 70, die meisten aus Syrien. Fast alle seien Männer zwischen 25 und 45 Jahren. „Familien mit Kindern, Frauen, Ältere und Kranke sind besser in festen Gebäuden untergebracht“, meint Steimer.

Andrea Heymann ist eine der Sozialarbeiterinnen der Caritas, die die Flüchtlinge bei ihren Fragen, Behördengängen und Problemen unterstützt – und den Kontakt engagierter Bewohner aus dem Stadtteil zu den Schutzsuchenden fördert. „Sie ist sehr nett und versucht alles zu machen“, sagt Babelli dankbar. Der 60-Jährige hat noch nie in einem Wohnwagen gelebt. Der Gang über den Platz zum Duschhaus sei in seinem Alter recht weit, übersetzt ein arabisch sprechender Wachmann.

Vor allem aber sind dem Mann aus Aleppo Langeweile und Ungeduld deutlich anzumerken – wie auch seinem Nachbarn Golabshah Rostami. Der 27 Jahre alte afghanische Sprachlehrer lebt mit seinem kleinen Bruder (15) ebenfalls in einem der Wohnwagen. Er kann es – wie die Babellis - kaum abwarten, endlich Deutsch zu lernen und richtig Fuß zu fassen.

Deutsch lernen

So bedauert Rostami, dass sein Deutschkurs erst in einigen Wochen beginnt. Sein Bruder wartet auf die medizinische Untersuchung, die Voraussetzung dafür ist, dass er eine Schule besuchen kann. Zwar unterrichtet im Wohnwagenpark die pensionierte Lehrerin Ulla Haverkamp (75) mit viel Engagement ehrenamtlich Deutsch, doch das ist Rostami zu wenig. Der 27-Jährige macht sich zudem Sorgen. Was, wenn die Bundesregierung Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt?, fragt er mit bangem Blick auf Englisch. „Afghanistan ist kein sicheres Land“, sagt er und erinnert an die jüngsten Anschläge.

„Dass die Flüchtlinge ungeduldig werden, kann man ihnen nicht verübeln“, sagt Schäferbarthold. „Das müssen sie aber aushalten.“ Die Menschen müssten verstehen, „dass wir in Deutschland nicht auf einen Schlag Zehntausende von Wohnungen und die Hunderttausende von Arbeitsplätzen schaffen können, die wir brauchen“.

Babelli hofft, dass es bald Radio, Internet und ein TV-Gerät gibt, um schneller Deutsch zu lernen. In Syrien habe er in einem medizinischen Labor gearbeitet, jetzt fehle ihm eine Aufgabe, sagt der Wachmann. Babellis Töchter haben verschiedene Ingenieurstudiengänge an der Uni absolviert und wissen genauso wenig, wie es beruflich weiter geht, wie Babellis Frau, eine Energie-Ingenieurin. Vor allem fehle der Familie der 19 Jahre alte, noch in einer Halle untergebrachte Sohn. Babelli hofft, dass seine Familie bald vereint in einer Wohnung leben kann. In Syrien sieht er keine Zukunft. „Seine Wohnung ist komplett zerstört, und keiner weiß, wann es besser wird“, übersetzt der Wachmann. „In Deutschland gibt es alles, vor allem Freiheit.“

Bilderstrecke Flüchtlinge ziehen in Wohnwagen auf der Messe ein
Die Stadt Frankfurt bringt derzeit bis zu 120 registrierte Flüchtlinge in Wohnwagen am Rebstockpark auf dem Messegelände unter. Unsere Bilderstrecke zeigt Impressionen.<br><br>Foto: Neugierig blickt ein Flüchtlingsjunge zwischen zwei Wohnwagen hervor.Zwei Flüchtlingsjungen......spielen Fußball.
Zur Startseite Mehr aus Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse