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Neue Altstadt: Frankfurt hat ein neues Herz

Von Die Frankfurter Bürger lieben ihre Neue Altstadt. Zur dreitägigen Eröffnungsfeier liefen Hunderttausende durch die Gassen und ließen sich von dem Ort bezaubern. Kritische Stimmen gab es nicht zu hören.
Es gab einen großen Andrang in den Gassen der Altstadt. Foto: Holger Menzel (Holger Menzel) Es gab einen großen Andrang in den Gassen der Altstadt.
Eröffnungsfest. 

Viele Menschen drängeln sich durch die Gassen der Neuen Altstadt und sie tun es sichtbar gerne. An manchen Stellen ist es ein wenig wie auf einem Popkonzert direkt vor der Bühne. Ein Flanieren ist dort an den drei Tagen des Festes zur Altstadteröffnung kaum möglich. Das aber stört keinen der zahlreichen Besucher, die mit Begeisterung die Atmosphäre des Ortes aufnehmen – sei es mit den Augen oder mit dem Blick durch Fotokamera oder Handy, mit denen sie die Besonderheiten der Architektur und des Augenblicks einzufangen versuchen.

Steffen und Stefanie Fries grillen unter der „Schirn“. Bild-Zoom Foto: Holger Menzel (Holger Menzel)
Steffen und Stefanie Fries grillen unter der „Schirn“.

Zu diesen besonderen Momenten zählt der Auftritt von Schauspieler Michael Quast als Friedrich Stoltze (1816-1891), Frankfurts bekanntestem Mundartdichter. Quast, Gründer und Leiter der Fliegenden Volksbühne, sowie Darsteller des Ensembles stellen zum Altstadtfest den Krönungsweg zwischen Dom und Römer nach – der „Kaiser und sein Gefolge“ sind unterwegs und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich.

Michael Quast als Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze. Der Schauspieler und Leiter der Fliegenden Volksbühne tauscht zum Eröffnungsfest der Altstadt die Bühne mit dem Stoltze-Brunnen am Hühnermarkt und lädt die Besucher zu einer Reise in die Zeit des Mundartdichters ein. Bild-Zoom Foto: Holger Menzel (Holger Menzel)
Michael Quast als Frankfurter Mundartdichter Friedrich Stoltze. Der Schauspieler und Leiter der Fliegenden Volksbühne tauscht zum Eröffnungsfest der Altstadt die Bühne mit dem Stoltze-Brunnen am Hühnermarkt und lädt die Besucher zu einer Reise in die Zeit des Mundartdichters ein.

Spektakel am Krönungsweg

Stoltze und die Altstadt, das gehört zusammen, denn der Dichter wurde ebendort 1816 geboren. Das gleichnamige Museum wird schon bald seine Türen für Besucher im neuen Domizil am Markt 7 eröffnen. Er war ein Kritiker der Monarchie und setzte sich ein für die Demokratie, dafür, dass die Repräsentanten vom Volk und nur für eine bestimmte Zeit gewählt werden sollten. Quast, der für seine Rolle auf dem nach Friedrich Stoltze benannten Brunnen am Hühnermarkt, dem zentralen Platz der Neuen Altstadt, steht, plädiert ganz im Sinne des Mundartdichters für dessen einstiges Ansinnen.

Doch der „Kaiser und sein Gefolge“ lassen sich auf so etwas erst gar nicht ein. „Macht Platz für den Kaiser“, rufen sie und tatsächlich, die Menge der Besucher in den Gassen teilt sich und gibt den Weg frei. Vielleicht, so kommt es einem in diesem Moment in den Sinn, war es zu den Kaiserkrönungen ganz ähnlich. Denn auch damals lockte das die Massen auf die Gassen.

Der „Kaiser und sein Gefolge“ laufen den Krönungsweg entlang. Bild-Zoom Foto: Holger Menzel (Holger Menzel)
Der „Kaiser und sein Gefolge“ laufen den Krönungsweg entlang.

Es fühlt sich an, als hätten viele Menschen nur darauf gewartet, dass Frankfurt ihre Altstadt zurückbekommt. Dabei geht es Besuchern nicht nur bloß um die Architektur, das Ensemble an Gebäuden, das in den vergangenen Jahren auf dem rund 7000 Quadratmeter großen Areal zwischen Dom und Römer entstanden ist. So mancher Frankfurter, selbst jene, die dem Projekt zunächst kritisch gegenüber standen, empfindet, dass mit der Neuen Altstadt eine große Lücke geschlossen und Frankfurt vervollständigt wird. So fühlt auch Ute Ullrich. Sie lebt seit 1957 in der Stadt, kam als 14-jähriges Mädchen in die Mainmetropole und sagt: „Ich fühle mich in Frankfurt zuhause.“ Sie entstamme einer Generation, für die das Alte negativ besetzt gewesen sei. Als darüber diskutiert wurde, wieder eine Altstadt zu schaffen und in Teilen zu rekonstruieren, habe sie zu denjenigen gezählt, die gegen ein solches Projekt waren. „Jetzt, wo alles fertig ist, muss ich mich revidieren. Die Neue Altstadt ist das Herz, das Frankfurt gefehlt hat“, beschreibt es Ullrich.

Positives hören auch Stefanie und Steffen Fries von der Metzgerei Dey, die im Erdgeschoss des Roten Hauses am Markt 15 voraussichtlich im November ihr Geschäft eröffnen werden. Dort gab es bereits bis 1877 eine Metzgerei. Zum Eröffnungsfest grillt das Ehepaar mit Mitarbeitern Würstchen unter der Schirn. So nannte man früher einmal den Bereich im Erdgeschoss des Nachbargebäudes, dem Neuen Roten Haus am Markt 17.

Erst skeptisch, jetzt glücklich: die  Frankfurterin Ute Ullrich. Bild-Zoom Foto: Holger Menzel (Holger Menzel)
Erst skeptisch, jetzt glücklich: die Frankfurterin Ute Ullrich.

Erinnerungen an alte Zeiten

Statt umschlossener Räume befindet sich dort ein Durchgang, der überdacht ist, die sogenannte Schirn. Hier wurden bereits in früheren Jahrhunderten frische Wurstwaren feil geboten. „Eine Frankfurterin erzählte mir, dass sie im Alter von neun Jahren schon hier war und Wurst gekauft hat“, sagt Stefanie Fries. „Sie hat sich so gefreut, dass es wieder möglich ist.“

Mit frisch gegrillter Bratwurst in der Hand haben es sich Thomas Lauer und Nenad Micic auf einem Fenstersims unweit des Stoltze-Brunnens gemütlich gemacht. Den beiden gefällt die Neue Altstadt sehr. Auch sie seien am Anfang skeptisch gewesen und freuen sich jetzt sehr über das Ergebnis. Beide hoffen, dass die Diskussionen und die negativen Stimmen jetzt ein Ende haben werden. Sonja Thiemann, die vor 30 Jahren von Hamburg nach Frankfurt kam, fügt hinzu: „Es ist gerade die Kombination aus Tradition und Moderne, die diese Stadt ausmacht.“

Wenige Monate nachdem die Bauzäune im Mai gefallen sind, zeichnet sich ab, dass die Neue Altstadt bereits heute ein identitätsstiftender Ort für die Frankfurter ist.

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