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Über 8000 Menschen warten auf eine Niere: Frankfurter Mutter kämpft für Organspenden

Mehr als 8000 schwerkranke Menschen in der Bundesrepublik hoffen auf eine Spenderniere. Das sind vier Mal so viele wie die Zahl der Nieren, die jährlich in Deutschland transplantiert werden. Einen besonders kleinen Patienten betreut derzeit das Clementine Kinderhospital. Seit seinem zehnten Lebenstag hängt Niklas (3 Monate) an der Dialyse.
Jasmin Kollar und ihr drei Monate alter Sohn Niklas im Clementine Kinderhospital – das Baby hängt bereits seit seinem zehnten Lebenstag an der Dialyse. Er benötigt dringend eine Spenderniere. Foto: Michael Faust Jasmin Kollar und ihr drei Monate alter Sohn Niklas im Clementine Kinderhospital – das Baby hängt bereits seit seinem zehnten Lebenstag an der Dialyse. Er benötigt dringend eine Spenderniere.
Frankfurt. 

Auf den ersten Blick ist Niklas ein normales Baby. Mit großen Augen beobachtet er die Welt um ihn herum, versucht, sie zu greifen. Über dem Bettchen baumelt ein Mobile, daneben ein Plastikbeutel, aus dem sich Tröpfchen für Tröpfchen den Weg durch einen langen Schlauch bis in den Bauch des Säuglings bahnt. 16 Stunden am Tag hängt Niklas an der Dialyse (siehe Beistück) – seit seinem zehnten Lebenstag.

Am 5. April kommt der Junge im Frankfurter Universitätsklinikum zur Welt. Kerngesund, so scheint es. Doch kurz nach der Geburt wirkt das Baby aufgedunsen, atmet plötzlich schwer. Was die Ärzte zunächst für eine Anpassungsstörung halten, stellt sich als lebensbedrohliche Erkrankung heraus: Niklas hat statt zweien nur eine und noch dazu winzig kleine Niere.

Diagnose war ein Schock

Er wird ins Clementine Kinderhospital verlegt, das sich auf kindliche Nierenerkrankungen spezialisiert hat. Zunächst gelingt es dem Team um Chefarzt Dr. Kay Latta, die kleine Niere wieder zum Laufen zu bringen, doch dann versagt sie den Dienst. Ab da ist klar: Niklas ist auf eine Spenderniere angewiesen. „Das war für uns ein Schock und ist es noch immer“, erzählt Niklas’ Mama Jasmin Kollar (34). „Dennoch überwiegt die Dankbarkeit über die Möglichkeiten der modernen Medizin und darüber, dass wir hier in Frankfurt sind“, sagt die Eschbornerin, wohl wissend, dass Niklas noch vor wenigen Jahren und andernorts kaum eine Überlebenschance gehabt hätte. „Es ist der Kompetenz der Ärzte hier zu verdanken, dass mein Kind lebt.“

Der Dialysekatheter sichert derzeit das Leben des kleinen Niklas. Und er muss noch etwas Gewicht zulegen, um eine mögliche Operation zu überstehen. Bild-Zoom Foto: Michael Faust
Der Dialysekatheter sichert derzeit das Leben des kleinen Niklas. Und er muss noch etwas Gewicht zulegen, um eine mögliche Operation zu überstehen.

Niklas ist kein Einzelfall: Pro Jahr kommen in Deutschland etwa 150 Kinder an die Dialyse, zwei von drei erhalten eine Spenderniere; irgendwann. „Die Dialyse hier ist voll mit Kindern, die auf eine Spenderniere warten“, hat Jasmin Kollar beobachtet. „Das war mir früher nicht bewusst“, sagt sie und schüttelt den Kopf über sich selbst, dass sie bisher keinen Organspendeausweis hatte. Deshalb hat sie sich entschieden, Niklas’ Schicksal öffentlich zu machen und für die Organspende zu werben.

Schreckliche Konsequenz

Was die Mutter nicht versteht: Während in den meisten europäischen Ländern jeder so lange als Organspender gilt, solange er sich nicht zu Lebzeiten ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat, funktioniert dies in Deutschland genau andersherum. Organspender ist nur, wer sich aktiv dafür ausgesprochen hat oder wer von seinen Angehörigen zur Organspende freigegeben wird (siehe Beistück). „Das macht es schwer für die Hinterbliebenen. Und hat die Konsequenz, dass wir jeden Tag potenzielle Spenderorgane beerdigen und damit die Chance, Leben zu retten“, bedauert die 34-Jährige.

Für die Familie ist Niklas’ Erkrankung eine Belastung. Jeden Morgen fährt die Mutter ins Krankenhaus, ihr Mann Phillip Hundeshagen bringt derweil Niklas’ älteren Bruder Hendrik (2) in die Kita. Sechs bis acht Stunden täglich verbringt die Mutter in der Klinik, dann holt sie Hendrik ab: „Er braucht uns auch.“ Abends ist der Papa im Krankenhaus. Am Wochenende unterstützen Angehörige die Familie.

Zwar darf Niklas in ein paar Tagen nach Hause, doch auch dann wird er täglich stundenlang an die Dialyse müssen. Die Eltern haben gelernt, wie sie ihr Kind versorgen müssen. Angst davor haben sie nicht. „Wir sind einfach nur froh, dass er nach Hause kommt.“ Klagen will die Mutter nicht. „Das alles lohnt sich.“ Trotzdem sei die Situation sehr belastend. „Erleichterung wird nur eine Organspende bringen“, weiß Jasmin Kollar. Noch ist Niklas’ zu klein für ein Spenderorgan. „Neun, zehn Kilo sollte er schon wiegen“, sagt der Chefarzt, momentan sind es nur fünf.

Mit dem Gewicht alleine ist es nicht getan, ein passendes Spenderorgan muss her. Das kann übrigens auch von einem Erwachsenen stammen. Doch die Wartelisten sind voll, über 8000 schwerkranke Patienten hoffen in Deutschland auf eine Spenderniere. Kinder werden bevorzugt behandelt, dennoch rechnet Latta mit einer Wartezeit von bis zu zwei Jahren. Gezählt wird vom ersten Tag der Dialyse an.

Klar ist auch, dass es für Niklas’ nicht bei einer Transplantation bleiben wird. Im Schnitt erweise ein Spenderorgan seinem Empfänger 20 Jahre lang gute Dienste, erklärt Latta, dann beginne alles von vorn: Dialyse, Warteliste, Transplantation.

„Aber wir sind voller Hoffnung“, sagt Jasmin Kollar. „Natürlich macht man sich Sorgen, aber die macht man sich als Mutter immer. Wenn ich Niklas auf dem Arm habe, ihn anschaue, dann empfinde ich nur Dankbarkeit und Freude, dass er da ist. Da werden Kräfte mobilisiert, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie existieren. Unser Kampfgeist ist geweckt.“

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