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Wohnungsnot: Frankfurter Studenten zahlen 700 Euro für 20 Quadratmeter

Viele Studierende in Frankfurt sind gezwungen, in Luxusapartments zu leben. Denn auch für die Jungakademiker ist bezahlbarer Wohnraum in der Stadt Mangelware. Das könnte sich negativ auf Frankfurt als Studienstandort auswirken. Studentenwerk und AStA sehen die Stadt in der Pflicht, doch die fühlt sich für die Lebenssituation der Studierenden nicht verantwortlich.
Viele Studenten sind gerade zu Beginn des neues Semesters noch auf Wohnungssuche. Foto: Holger Hollemann (dpa) Viele Studenten sind gerade zu Beginn des neues Semesters noch auf Wohnungssuche.
Frankfurt. 

Eine Chipkarte öffnet die graue Metalltür und gewährt Einlass. In einem geräumigen und modern eingerichteten Foyer steht ein Concierge hinter einer indirekt mit rötlichem Neonlicht beleuchteten Rezeption.

Der Mann hinter der Rezeption ist gerade im Gespräch, aber das macht nichts, denn gemütliche Sofas mit weichen Kissen laden zum Verweilen ein. Und falls es doch mal ein bisschen länger dauern sollte, steht auch ein Kicker bereit. Hinter einer Glastür befindet sich dann der eigentliche Aufenthaltsraum. Hier sitzen junge Menschen in stylishen braunen Designersesseln; alle schauen auf ihre Laptopbildschirme.

Aber der Eindruck täuscht. Es handelt sich nicht um ein Hotel, sondern um ein Studentenwohnheim. Der Concierge am Empfang ist nämlich nicht wirklich ein Concierge. Er ist der Hausmeister; Neudeutsch „Housekeeper“ - und die jungen Menschen in den schicken Designer-Sesseln sind keine Gäste, sondern Studenten. Ein 21 Quadratmeter-Zimmer kostet hier mehr als 700 Euro im Monat. Dafür gibt es einen hauseigenen Fitnessraum und eine Dachterrasse („Skylounge“) zum gemeinsamen Grillen. Viele Studenten, die hier leben, haben keine Wahl, sie müssen sich diesen Luxus leisten. Denn für die Nachwuchsakademiker fehlt es in Frankfurt an bezahlbaren Wohnraum. Vielleicht kein neues Problem aber in einer neuen Dimension.


Zum Leben bleibt nicht mehr viel

Dascha ist 26 Jahre alt und wohnt seit August in diesem privaten Studentenwohnheim im Gallus.  Die junge Frau trägt ihr braunes Haar offen und hat ein angenehmes Auftreten. Eigentlich hat sie gerade keine Zeit. Ihre freundliche und offene Art ist sympathisch und sie nimmt, etwas gehetzt, auf einem der einladenden Sofas im Foyer platz. „Ein bisschen Zeit habe ich schon. Ich warte gerade auf den Housekeeper“, erzählt sie und deutet auf die Rezeption. Dascha studiert ein duales Bachelorstudium der sozialen Arbeit in Fulda und arbeitet in Bad Homburg. Auch dort hat sie nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht - ohne Erfolg. Nach Fulda pendelt sie einmal in der Woche von Frankfurt aus. Sie hat sich für Frankfurt entschieden, weil sie in einer größeren Stadt wohnen wollte. „Es war mir wichtig unter vielen Leuten zu sein; um sich „connecten“ zu können“, sagt die Studentin. Deshalb ist sie froh, überhaupt ein Zimmer in diesem Wohnheim bekommen zu haben. Von solchen Wohnheimen gibt es mittlerweile eine ganze Reihe in Frankfurt. Für sie ist die horrende Miete eine finanzielle Belastung. „Zum Leben habe ich dann nicht mehr viel“, gibt Dascha zu.

Hohe Mietpreise sorgen für schlechte Studienbedingungen

So wie ihr geht es vielen Studierenden in Frankfurt. Die Mietpreise haben sich in den letzten Jahren drastisch erhöht. „Das liegt natürlich auch an den Verdrängungseffekten und der zunehmenden Gentrifizierung. Grundsätzlich sorgt die Wohnungsmarktlage in Frankfurt deshalb  auch für schlechte Studienbedingungen“, kritisiert Eric Erdmann vom Studentenwerk Frankfurt die Wohnungspolitik der Stadt. Denn wer neben dem Studium noch arbeiten muss, um seine Miete zahlen zu können, kann den Studienanforderungen nicht mehr so einfach gerecht werden. Die Alternative besteht häufig darin, auf eine Wohnung direkt im Frankfurter Stadtgebiet zu verzichten. Auch das Stadtbild leide unter dieser Entwicklung, so Erdmann: „Es gibt kaum noch eine Studentenszene in Frankfurt, weil viele nicht mehr in Frankfurt leben.“ Wer morgens erst mal 45 Minuten nach Frankfurt pendeln muss, steht deshalb vor einer zusätzliche Belastung. „Im Zug lesen oder Seminare vorbereiten, das ist zwar eine schöne Idee, aber wirklich effektiv ist das nicht“, sagt Erdmann. Auch der Wohnungsmarkt in den umliegenden Großstädten - etwa in Darmstadt oder Gießen - biete kaum noch Ausweichmöglichkeiten. „Selbst in Kassel ist die Situation mittlerweile angespannt“, berichtet der Mitarbeiter des Studentenwerks.

So sieht die Alternative zum Luxuswohnheim aus.  Wohnheimen des Studentenwerks Frankfurt. Ginnheimer Landstrasse 40-42.

Frankfurt auf Platz 2 der teuersten Uni-Städte

Vielen Studierenden  geht schon bei der Suche nach der ersten eigenen Wohnung die anfängliche Euphorie verloren. „Es gibt da nichts schön zu reden“, bestätigt auch Mark Gellert, Sprecher des Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef (SPD). Der Druck auf dem Wohnungsmarkt sei enorm.  Darunter leiden zwar nicht nur die Studierenden, aber „sie haben es mit am schwersten“, gibt Gellert zu. „Es ist kein Geheimnis, der Zuzug nach Frankfurt wächst seit Jahren und die Wohnsituation hat sich verschärft.“ Gleichzeitig erreicht die Anzahl der Studierenden im kommenden Wintersemester - ca. 47.000 allein an der Goethe-Universität - voraussichtlich einen Höchststand.

Wer studieren will, schaut als erstes auf das Renommee der Hochschule; direkt danach entscheide allerdings der Mietspiegel über die Attraktivität des Studienortes, erklärt Erdmann. Studierende geben in Frankfurt im Schnitt zwischen 600 und 1250 Euro allein für ihre Miete aus. Wie das Moses Mendelssohn Institut zusammen mit der Internet-Plattform „wg-gesucht.de“ in einer bundesweiten Studie zur Wohnsituation für Studierende feststellt, steht Frankfurt damit zum Beginn des Wintersemesters auf Platz 2 der teuersten Universitätsstädte. Nur München ist noch teurer.

Besonders schwierig ist die Situation für BAföG-Bezieher

Vor allem für Studierende, die auf BAföG-Leistungen angewiesen sind, ist eine Wohnung in Frankfurt deshalb kaum mehr zu finanzieren. Denn der Anteil an den Wohnkosten wird derzeit pauschal mit 250 Euro monatlich berechnet. Selbst das Studentenwerk der Goethe-Universität kann zu diesem Preis kaum Studierende unterbringen. „Die Kosten für ein Wohnheimzimmer des Studentenwerks liegen im Mittel bei 350 Euro warm, inklusive aller Nebenkosten“, so Erdmann. Ein solches Zimmer überhaupt zu bekommen, ist fast aussichtslos. „Zur Zeit können wir fast 7 Prozent der Studierenden einen Wohnheimplatz anbieten. Nötig und wünschenswert wäre eine Auslastung von 10 Prozent“, erläutert der Leiter der Abteilung Wohnen. Dazu werbe das Studentenwerk bei Kommune und Land um finanzielle Mittel. Etwa 1000 weitere Wohnplätze seien zur Zeit in unterschiedlichen Projekten geplant. Aber auch das werde kaum ausreichen. Eigentlich müsse man nach Fertigstellung direkt weitere 1000 Plätze finanzieren, erklärt Erdmann.

Das BAföG deckt die hohen Miete leider kaum noch.

Schon seit Monaten sind alle Wohnheimplätze des Studentenwerks zum kommenden Wintersemester belegt. Die Wartezeit für ein Zimmer liegt derzeit zwischen 6 und 12 Monaten, je nach Wohnmodell. „Wer bereit ist, sich ein Gemeinschaftsbad und eine Gemeinschaftsküche mit bis zu 15 Mitbewohnern zu teilen, der bekommt natürlich am schnellsten ein Zimmer angeboten“, so Erdmann weiter. 2914 Wohnheimplätze bietet das Studentenwerk derzeit. Doch das reicht lange nicht. 2500 Menschen stehen zusätzlich auf der Warteliste.

Da ist es nicht verwunderlich, dass zahlreiche private Investoren Wohnraum speziell für Studierende anbieten. Mikroapartments heißt das Geschäftsmodell und ist eigentlich ein Danaergeschenk. Denn die Zimmer sind extrem teuer.  Es gebe schlicht die höchste Rendite bei Mikroapartments, weil solche Angebote sich nicht am Mietspiegel orientieren müssten. Daher seien viele dieser Angebote, die sich Studentenwohnheim nennen, für Studierende jedoch nicht zu finanzieren, beschreibt Gellert die Situation.

Fast jeder vierte Student steht vor finanziellen Problemen

„Ich habe über ein halbes Jahr nach einer Wohnung gesucht, bevor ich hier ein Zimmer bekommen habe“, erzählt Dascha. Locker 40 Bewerbungen für eine Wohnung habe sie in dieser Zeit geschrieben. In den meisten Fällen habe sich noch nicht mal jemand auf ihre Bewerbung zurückgemeldet. Nach der langen Suche ist sie deshalb froh über ihr Zimmer im luxuriösen privaten Wohnheim. Das Angebot zu diesem Preis anzunehmen, sei eine „Notlösung“ gewesen, weil das Semester bevorstand und sie dringend ein Zimmer benötigte. Im Rahmen ihres dualen Studiums arbeitet Dascha im Jobcenter in Bad Homburg. „Allerdings wird es am Monatsende schon mal eng. Zum Glück unterstützen mich meine Eltern dann auch finanziell.“

Plätze im Studierendenwohnheim sind heiß begehrt. Zum Wintersemester sind jedoch alle Zimmer schon belegt.

Fast ein Viertel (23 Prozent) der Studierenden in Frankfurt gibt an vor finanziellen oder sogar erheblichen finanziellen Problemen zu stehen, bestätigt auch Erdmann. Er sieht das Angebot an Mikroapartments kritisch: Einerseits könne man sagen, dass Studierende, die über genügend finanzielle Mittel verfügen, um Mieten zwischen 500 und 700 Euro monatlich zu zahlen, dann nicht die günstigeren Wohnheimplätze des Studentenwerks belegen. „Am Grundproblem ändert das aber wenig“, gibt der Leiter der Abteilung Wohnen zu bedenken.

Während Dascha von ihrer anstrengenden und zeitraubenden Suche nach einer geeigneten Wohnung erzählt, wartet sie darauf, als „student helper“ hinter die rötlich beleuchtete Rezeption zu treten, an der sie den netten jungen Herrn ablöst. „Meine Eltern wissen nicht, dass ich hier nebenbei noch arbeite. Ich glaube sie würden sich dann nur noch mehr Sorgen machen. Das will ich nicht.“

Nach wie vor eine Frage der Bildungsgerechtigkeit

Die Studierendenvertretung (AStA) der Universität Frankfurt sieht hier ein strukturelles Defizit: Der Hochschulstandort Frankfurt sei vor allem für Kinder reicher Eltern zugänglich, kritisiert Oliver Faix vom Referat für Sozialpolitik. „Das ist eine große Ungerechtigkeit und bestärkt soziale Ungleichheiten.“ AStA und Studentenwerk teilen diese Einschätzung. Für beide spiegelt sich in den hohen Mieten für Studierende „nach wie vor eine Frage der Bildungsgleichheit.“

Vermutlich werden also auch dieses Jahr nicht alle Studierenden rechtzeitig zum Semesterstart am 16. Oktober eine Bleibe gefunden haben.
Für die Wohnungslosen bietet der AStA deshalb vom 9. bis 13. Oktober die Möglichkeit zum „Indoor camping“. Dort können Studierende auf Wohnungssuche mit Schlafsäcken und Isomatten wenigstens  die ersten Nächte in der neuen Stadt überbrücken und vor Ort eine Wohnung suchen. Eine finanzierbare Bleibe zu finden wird dadurch, auch in diesem Semester, wohl nur unwesentlich erleichtert.
 
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