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"Fraport muss sich warm anziehen"

Seit über einem Jahr kämpfen etliche Frankfurter Bürgerinitiativen gegen den Fluglärm wegen der Nordwest-Landebahn. FNP-Mitarbeiter Mirco Overländer sprach mit den drei prominenten Ausbaugegnern Ursula Fechter, Jochen Krauß und Volker Hartmann über die Erfolge und Rückschläge der vergangenen Monate.
Gemeinsam sind sie stark: Jochen Krauß, Ursula Fechter und Volker Hartmann widmen dem Kampf gegen Fluglärm einen Großteil ihrer Freizeit. Das zurückliegende Jahr bewerten sie positiv, für 2013 hat das Trio aus dem Frankfurter Süden bereits zahlreiche neue Pläne.	Foto: Rainer Rüffer Gemeinsam sind sie stark: Jochen Krauß, Ursula Fechter und Volker Hartmann widmen dem Kampf gegen Fluglärm einen Großteil ihrer Freizeit. Das zurückliegende Jahr bewerten sie positiv, für 2013 hat das Trio aus dem Frankfurter Süden bereits zahlreiche neue Pläne. Foto: Rainer Rüffer

JOCHEN KRAUSS (EINTRACHT GEGEN FLUGLÄRM): Wenn man die Nordwest-Landebahn als Schicksalsschlag betrachtet, war 2012 ein Erfolg: Wir haben das Thema in der Öffentlichkeit verankert, einen sicher geglaubten Oberbürgermeister der CDU verhindert und dafür gesorgt, dass Frankfurt nicht als "Green City" ausgezeichnet wurde. Dass wir die Landebahn in einem Jahr stilllegen würden, war nicht zu erwarten.

Aber trotz des Leipziger Urteils zum Nachtflugverbot ist nicht viel geschehen. Oder täuscht der Eindruck?

VOLKER HARTMANN (WOFA OBERRAD): Es gibt da eine juristische und eine soziale Ebene. Wie viele Menschen wir mobilisiert haben, zeigt sich an der weiterhin regen Teilnahme an den Montags-Demos. An der Menschenkette gegen Fluglärm haben sich Hunderte Oberräder beteiligt und zuvor sogar eine Demo veranstaltet. Ich weiß nicht, wann es so etwas zuletzt in Oberrad gegeben hat.

URSULA FECHTER (BI SACHSENHAUSEN): Die Arbeitsgruppe Nachtflüge unserer BI wertet derzeit die Zahl an Nachtflügen mit Ausnahmegenehmigungen aus. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass diese Ausnahmen merklich abgenommen haben.

Frau Fechter, wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung für Ihre Nicht-Berufung in die Fluglärmkommission (FLK)?

FECHTER: Die politische Verantwortung trägt Wirtschaftsminister Florian Rentsch von der FDP. Ich sehe aber auch die Fluglärmkommission und deren Vorsitzenden Thomas Jühe in der Mit-Verantwortung. Das hat er selbst in einem FNP-Interview zugegeben. Ich denke, dass es deren Absicht war, eine kritische Stimme aus der FLK herauszuhalten. Die Herren Rentsch und Jühe berufen sich bei der Begründung ihrer Entscheidung auf Regeln, die es gar nicht gibt. Die Berufungspraxis läuft nach Gutsherrenart, die nicht in eine pluralistischen Demokratie passt.

Herr Hartmann, Sie warnen seit mehr als einem Jahrzehnt vor der neuen Landebahn. Ist dieser ständige Kampf gegen Windmühlen nicht arg demotivierend?

HARTMANN: Wenn das Feuer nicht mehr vorhanden wäre, würde ich in den Sack hauen. Aber jetzt ist die Situation eingetreten, vor der ich seit Jahren warne. Das ist eine enorme Motivation für mich.

FECHTER: Alte und neue BIs sind zu einer schlagkräftigen Truppe zusammengewachsen. Da muss sich Fraport warm anziehen.

Herr Krauß, eines Ihrer Kinder besucht die stark von Fluglärm belastete Friedrich-Fröbel-Schule. Im Lyoner Viertel soll am Rande des Siedlungbeschränkungsgebiets eine neue Schule errichtet werden. Was halten Sie von diesem Plan?

KRAUSS: Grundsätzlich darf man in so stark belasteten Gebieten meiner Meinung nach gar nicht mehr bauen. Das sage ich als Vater und als Arzt, der dieses Vorhaben als krank bezeichnet. Aber das sind die Probleme, wenn man eine Landebahn in ein seit 100 Jahren besiedeltes Gebiet hinein baut. Wer solche Projekte forciert, sollte auch an die Konsequenzen für die Kommunen denken. Das ist bei der Nordwest-Landebahn nicht geschehen.

Auf welche realisierbaren Verbesserung arbeiten Sie hin?

KRAUSS: Ganz klar: Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr und Deckelung der Flugbewegungen bei 380 000 pro Jahr.

FECHTER: Der Umstand, dass es bei den Flugbewegungen dieses Jahr einen Rückgang von fünf Prozent gab, weist darauf hin, dass es sich bei der neuen Landebahn um eine Fehlplanung handelt. Aus ökologischer Sicht gehören innerdeutsche Flüge übrigens auf die Schiene. Unser Fernziel ist und bleibt die Schließung der Landebahn.

Und wenn alles so bleibt, wie es ist, hat sich der Kampf dennoch gelohnt?

FECHTER: Ich gehe fest davon aus, dass es nicht so bleibt.

HARTMANN: Jüngste Umfragen zufolge sprechen sich 70 Prozent der Deutschen gegen Fluglärm aus. Diese hohe Zahl hat selbst mich überrascht. Für ein Drittel aller Oberräder ist Fluglärm das größte Problem des Stadtteils. Das zeigt bereits den Sinneswandel.

KRAUSS: Gelohnt hat sich der Kampf ohnehin, und sei es nur, um einen weiteren Ausbau zu verhindern.

OB Peter Feldmann stellt sich medienwirksam hinter Ihr Aktionsbündnis. Eine willkommene Unterstützung oder doch eher ein inhaltloses Lippenbekenntnis?

FECHTER: Für mich sind das keine Lippenbekenntnisse. Herr Feldmann hat im vergangenen halben Jahr gezeigt, dass er mit aller Kraft für uns eintritt. Die fehlende Magistrats-Unterstützung der Grünen wird der Partei nicht zum Vorteil gereichen. Was Herrn Feldmann betrifft, so wird er Anfang 2013 gemeinsam mit uns zwei unserer Großveranstaltungen organisieren. Ich denke daher, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten alles unternimmt, um den Betroffenen zu helfen.

HARTMANN: Die Zeit wird zeigen, was dabei herausspringt. Im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Petra Roth zeigt sich jedoch, dass wir bei Herrn Feldmann endlich Gehör gefunden haben.

Was stört Sie eigentlich konkret an Fluglärm? Es gibt ja auch einige Bewohner in der Einflugschneise, die den Krach klaglos hinnehmen.

FECHTER: Jene, die den Krach klaglos hinnehmen, machen sich etwas vor. Es gibt eine ganze Reihe seriöser Studien, die belegen, dass Fluglärm den Körper schädigt, auch wenn man ihn nicht als störend empfindet.

KRAUSS: Gerade nachts sind wir Menschen sehr anfällig gegen Lärm, da dieser unseren Bio-Rhythmus durcheinanderbringt. Da Fluglärm von oben kommt, löst er einen instinktiv verankerten Fluchtreflex aus, ob man will oder nicht.

HARTMANN: Manche wollen sich vielleicht nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Aber ich kenne viele, die am Flughafen arbeiten und mit uns am Terminal protestieren, namentlich aber nicht genannt werden wollen, weil sie Angst um ihren Job haben. Fraport behauptet zwar immer, die größte Arbeitsstätte im Rhein-Main-Gebiet zu sein. Fraport ist aber auch der größte Umweltbelaster der Region.

Ist Ihr Protest rein persönlicher Natur oder eher politisch motiviert?

FECHTER: Ich kämpfe seit 14 Jahren gegen den Ausbau. Anlass war ein Flugblatt, das ich 1998 von Herrn Hartmann bekam. Darauf sah ich unser Haus und die Lärmbelastung, die auf uns zukommt.

HARTMANN: Ich wurde wegen meinen Kindern aktiv: Als Vater geht man viel bewusster mit seiner Umwelt um. Als während des Golfkriegs die US-Maschinen über Oberrad flogen, klingelten uns die Ohren. Da habe ich geahnt, was auf uns zukommen wird.

KRAUSS: Meine Biografie spiegelt sich in der Geschichte des Flughafens. Ich habe an der Startbahn West demonstriert, danach meinen Frieden mit dem Flughafen gemacht und mich auf meine Karriere als Arzt konzentriert. Ich habe ja sogar 15 Jahre als Leitender Notarzt am Flughafen gearbeitet. Aber dass die Flugzeuge jetzt über die Schule meiner Kinder fliegen, kann und will ich nicht akzeptieren.

Freuen Sie sich schon auf die Landtagswahl im November 2013?

FECHTER: Natürlich: Wenn es nach uns geht, wird die Landtagswahl eine Landebahn-Wahl. Die SPD hat bei der vorletzten Landtagswahl schmerzlich gespürt, dass 1000 Stimmen über Sieg oder Niederlage entscheiden können. Allein im Frankfurter Süden gibt es viele Menschen, die diesmal anders wählen werden.

KRAUSS: Ich halte es durchaus für möglich, dass unser Protest zu einer höheren Wahlbeteiligung führt, die wahlentscheidend sein kann. Man sollte nicht vergessen, dass fast ganz Südhessen unter dem Lärm leidet. Und das sind dann keine CDU-Stammwähler.

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