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Fremd in Fechenheim

Integrationsprobleme sind kein neues Phänomen. Schon im 19. Jahrhundert kämpfte Fechenheim mit der Eingliederung neuer Cassella-Arbeiter. Das hat Stadtteilhistoriker Ewalt Reder herausgefunden.
Am Gansbühel erheben sich auf einer Seite die Backsteinfassaden der Cassella-Labore (rechts), auf der anderen alte Arbeiterwohnungen. Bilder > Am Gansbühel erheben sich auf einer Seite die Backsteinfassaden der Cassella-Labore (rechts), auf der anderen alte Arbeiterwohnungen.
Fechenheim. 

Gelbe, grüne, rote und metallisch glänzende Leitungen führen kreuz und quer über das Industriegelände. „Salzsäure 30 Prozent“ ist an einer Stelle zu lesen. Dazwischen stehen Backstein- und Betonbauten, Produktionsstätten aus mehr als 100 Jahren Allessa- und Cassella-Geschichte. Aber was waren das für Menschen, die in der 1870 in Fechenheim entstandenen Chemiefabrik arbeiteten? Ewart Reder, Stadtteilhistoriker der Polytechnischen Gesellschaft, hat es erforscht – und fand heraus: „Was wir heute als Fechenheim bezeichnen, ist schon damals durch Migration entstanden. Und die Integrationsleistung war vor mehr als 100 Jahren schon ähnlich groß, wie sie es in Zeiten der Globalisierung ist.“

 

Fabrikarbeit war verpönt

 

In alten Lohnlisten fand Reder heraus: Unter den ersten Cassella-Mitarbeitern fanden sich keine Fechenheimer. „Erst später tauchen ihre Namen dort auf.“ Die Fechenheimer hatten andere Arbeit, „meist als Handwerker und Bauern, einige auch als Fischer, als Landarbeiter oder Tagelöhner“. In der Fabrik zu arbeiten, war verpönt.

Vor einem Jahr begann Ewart Reder seine Forschungen in Fechenheim (wir berichteten) mit einem Aufruf. Er suchte Fechenheimer, die ihm von ihren Eltern und Großeltern erzählten, der ersten Generation der Cassella-Arbeiter. Rund ein Dutzend meldeten sich, die meisten um die 80 Jahre alt.

In den Gesprächen lernte Ewart Reder auch das „Russländsche“ kennen, eine der ältesten Cassella-Siedlungen. „Sie lag nördlich der Bahnlinie und ist heute komplett verschwunden.“ Auf einem alten Plan zeigt er die Namen der Straßen. „Bei der Eingemeindung nach Frankfurt wurden sie umbenannt, weil es dort schon Wald- und Wiesenstraßen gab. Seitdem heißen die Straßen nach den Herkunftsorten jener, die dort lebten, etwa Steinau, Schlüchtern, Bebra oder Hünfeld.“

Mit der Industrialisierung sei auch Fechenheim rasant gewachsen, erklärt Reder. Hatte der Ort 1871 gut 2000 Einwohner, waren es 1905 bereits mehr als 7600 – fast vier Mal so viele. Die 10 000-Einwohner-Marke war Ende der 1920er Jahre erreicht. „Man sieht: Die wenigsten Fechenheimer stammten aus Fechenheim.“

Die Cassella-Arbeiter seien aus dem Spessart, aus dem Kahlgrund oder weiter abgelegenen Landstrichen gekommen, sagt Reder. Spessart und Kahlgrund nennt Reder „Pendeldistanz“: Ein mal pro Woche ging man Heim, viele übernachteten wochentags in Schlafsälen der Cassella. Hier waren auch die Verbindungen in die Heimat meist noch eng. „Kamen Arbeiter von weiter weg, brach der Kontakt schneller ab.“ Ein Mann, dessen Vorfahren aus Marburg kamen, erzählte Reder, fand beim Besuch auf einem Marburger Friedhof keine bekannten Namen mehr.

Fremd waren die zugezogenen auch deshalb, weil Fechenheim evangelisch war – die meisten Arbeiter hingegen katholisch. Ein Thüringer, sagt Reder, sei den damaligen Fechenheimern so fremd gewesen wie heute Menschen von anderen Kontinenten. Eine Heirat zwischen „Eingeborenen“ und „Zugezogenen“ sei unmöglich gewesen – selbst wenn die Zugezogenen evangelisch waren. Und so suchten die Fabrikarbeiter ihre Ehefrauen meist in den Heimatdörfern.

 

Alle kamen vom Land

 

Doch es habe auch Gemeinsamkeiten gegeben, die in der zweiten, dritten Generation eine Integration erleichterten, fand Reder heraus. „Sie alle – auch die Alteingesessenen – kamen ursprünglich vom Land, pflegten eine ähnliche Lebensweise.“ Nach und nach vermischten sie sich – auch weil zuvor wichtige regionale Unterschiede nach der Entstehung des Deutschen Reiches 1871 langsam verschwanden: Man empfand sich mehr und mehr als Deutsch.

Aus seinen Erkenntnissen hat Ewart Reder nicht etwa ein Buch, sondern eine Radiosendung gemacht. Zu hören ist sie erstmals auf Radio X. Die Sendung aus der Reihe „Wortwellen Special“ wird am morgigen Mittwoch, 2. April, von 15 bis 16 Uhr ausgestrahlt und am Montag, 14. April, von 16 bis 17 Uhr wiederholt.

(hau)
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