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Pro und Contra zum Sonntagsverkauf: Gastkommentare: Verkaufsoffener Sonntag, Ja oder Nein?

Während Messen und Festen bleiben Frankfurts Läden vorerst geschlossen. So hat es das Frankfurter Verwaltungsgericht verfügt. Wir haben zwei Männer nach ihrer Meinung gefragt, die sehr unterschiedlich dazu stehen: Joachim Stoll, Sprecher der südhessischen Einzelhändler, ist für den Sonntagsverkauf, Verdi-Sprecher Bernhard Schiederig dagegen.
Zeil, Symbolbild. Foto: Michael Faust Zeil, Symbolbild.

Pro: Handel stärken, Innenstädte retten

Die Situation für den stationären Einzelhandel ist heikel, die Prognose gerade für kleine Unternehmen, für Stadtteile und kleine Städte eher düster. Verkürzung von Fußgängerzonen, Umwandlung von leeren Läden, Leerstandsmanagement – da geht die Reise hin. Der Erfolg des Onlinehandels wird zum Problem der Innenstädte. Weltweit. Hilft da ein verkaufsoffener Sonntag? Nicht allein. Aber als ein Teil des Stadtmarketings kann er Besucher wieder in die Stadt bringen, die sonst verloren sind. Da sind Umsätze internationaler Kunden in der Innenstadt oder von Besuchern aus der Region in den Stadtteilen zu retten. Oder einfach nur Kunden in Stadtteile zu bringen, die neu entdeckt werden müssen.

Joachim Stoll, Sprecher des Einzelhandelsverbandes Hessen Süd Bild-Zoom Foto: Christian Christes
Joachim Stoll, Sprecher des Einzelhandelsverbandes Hessen Süd

Der bisherige hessische Kompromiss, der in ein Gesetz zur Öffnung an maximal vier Sonntagen gegossen wurde, ist im Prinzip durch hartnäckige Klagewellen von Verdi und Teilen der Kirche aufgekündigt. Mittlerweile werden sogar kleinste Städte oder Stadtteile verklagt. Oft reicht eine Klageandrohung bereits, um Gewerbevereine zum Aufgeben zu zwingen. Nach dem Stopp sonntäglicher Callcenter-Arbeit in Hessen können die nächsten Ziele angegangen werden: Hotels, Gaststätten, Tankstellenverkauf ...

Wollen wir das wirklich? Ich möchte es nicht. Der Wahnsinn sollte gestoppt werden. Jetzt. Die Wiesbadener Landespolitik muss das Thema angehen. Und es wird ihr einfacher gemacht: Die neue Landesregierung von Nordrheinwestfalen hat sich vorgenommen, Rechtssicherheit für acht Sonntage im Jahr für die Händler zu schaffen. Sie möchte nicht zusehen, wie Kunden sonntags einfach über die Grenze nach Holland fahren und die deutschen Innenstädte meiden. Hessen vorn? Eine angepasste Kopie würde uns doch reichen. Die juristischen Gutachten sind geschrieben. Wir müssen jetzt den Händlern helfen, statt in fünf Jahren mit millionenschweren „Rettet die Innenstadt“-Programmen zu reagieren. Heute ist die Hilfe kostenlos für die Steuerzahler – und mehr Mitarbeiter können im Stadtteil oder in der Stadt arbeiten und nicht auf der grünen Wiese im Versandlager.

Contra: Der Sonntag ist nicht verhandelbar

Sonntagsschutz ist für Christen und Gewerkschafter keine „Spielwiese“. Wer aktiv für ihn eintritt, ihn gestalten und nachhaltig in der Gesellschaft verankern will, der engagiert sich in der „Allianz für den freien Sonntag“. Auch wenn es manchmal so dargestellt wird, hat sie keinen verengten Blick bloß auf verkaufsoffene Sonntage. Vielmehr bedeutet Sonntagsschutz, Zeit zu schaffen und zu erhalten für Aktivitäten mit Familie und Freunden, für sportliche und kulturelle Erlebnisse, für die Entspannung von Körper und Geist, für religiöse Besinnung – und auch für scheinbar unproduktives Faulenzen.

Bernhard Schiederig ist der Sprecher der Gewerkschaft Verdi. Bild-Zoom
Bernhard Schiederig ist der Sprecher der Gewerkschaft Verdi.

Längst sind die Zeiten passé, in denen sich gemeinsame Freizeit quasi von selbst ergibt. Neben finanziellen pferchen auch wirtschaftliche und berufliche Zwänge den Menschen ein; sie ergeben anscheinend gute Gründe, ihn rund um die Uhr einzusetzen; sie pressen ihn oft in ein arbeitsrechtliches oder aufgabenspezifisches Korsett, verfügbar zu sein, wenn es verlangt oder erwartet wird. Dabei bleibt die von vielen immer wieder betonte und gewünschte Lebensqualität allseits auf der Strecke.
Dieser Entwicklung tritt die „Allianz“ in einem umfassenden Sinne entgegen: Sie wirbt in den eigenen Reihen, bei Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft für ein (neues) Verständnis von sonntäglicher Freizeit, kämpft juristisch gegen offensichtlich rechtswidrige verkaufsoffene Sonntage und Sonntagsarbeit im Online-Handel, engagiert sich für eine Rückführung der Ladenöffnungszeiten werktags auf 20 Uhr, drängt auf die Einhaltung der höchstrichterlichen Rechtsprechung in Callcentern wie in der Beratung und im Verkauf via Telefon und Internet.

Gleichzeitig vergisst die „Allianz“ natürlich jene nicht, die in Krankenhäusern, Altenheimen, bei der Polizei, der Feuerwehr und den Rettungsdiensten einen schweren, belastenden Job machen, der häufig zu Sonntagsarbeit verpflichtet, ohne dass dies ausreichend finanziell honoriert wird. Diese gesellschaftlich unerlässlichen Tätigkeiten am eigentlich kollektiven Ruhetag müssen sein und wertgeschätzt werden.

Doch wäre es grundfalsch, daraus den Schluss zu ziehen, in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft müsse die Sonntagsarbeit zur Normalität werden. Weil die „Allianz“ das verhindern und das Gute am erwerbsarbeitsfreien Sonntag bewahren will, bleibt sie gegenüber dem durchsichtigen Ansinnen von Unternehmen, Städten und Gemeinden für mögliche Kompromisse äußerst zugeknöpft. Sonntagsschutz ist für sie nicht verhandelbar.

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