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Jugendamt: Gefährdete Kinder müssen warten

Von Tayler (1) aus Hamburg, Alessio (3) aus dem Schwarzwald, Luca (5) aus Dülken: Drei Kinder, die zu Hause getötet wurden. Und immer ist auch das Jugendamt in der Kritik, weil es nicht rechtzeitig eingeschritten ist. Dass es in Frankfurt noch nicht zu einem solchen Fall gekommen ist, ist reines Glück. Denn das Jugendamt ist hoffnungslos unterbesetzt.
Wenn ein Kind zu Hause schlecht behandelt wird, braucht es sofort Hilfe. Das Frankfurter Jugendamt kann nicht mehr garantieren, rechtzeitig einzugreifen. Bei dem Jungen auf diesem Foto konnte es handeln, bevor eine Katastrophe passiert ist. Er ist im Kinderheim untergebracht worden. Foto: Heike Lyding Foto: Heike Lyding Wenn ein Kind zu Hause schlecht behandelt wird, braucht es sofort Hilfe. Das Frankfurter Jugendamt kann nicht mehr garantieren, rechtzeitig einzugreifen. Bei dem Jungen auf diesem Foto konnte es handeln, bevor eine Katastrophe passiert ist. Er ist im Kinderheim untergebracht worden. Foto: Heike Lyding
Frankfurt. 

Für Thomas Ubrich, Personalratsvorsitzender im Jugend- und Sozialamt, ist die Katastrophe nur eine Frage der Zeit: „Wenn zwei Anrufe gleichzeitig kommen, muss ein Mitarbeiter entscheiden, wohin er zuerst geht“, sagt er. Es sei reines Glück, dass dabei noch keine Katastrophe geschehen ist, kein Kind zu Schaden kam. Denn im Jugend- und Sozialamt fehlen Mitarbeiter. Alleine rund 200, um nur die gröbsten Fehler zu vermeiden, so die Einschätzung des Personalratsvorsitzenden.

Alleine im Jugendbereich, alleine bei den „Gefährdungseinschätzungen“ ist die Zahl der Einsätze von 1456 im Jahr 2012 auf 2530 im vergangenen Jahr gestiegen, ein Plus von 74 Prozent. Und in dieser Statistik sind etwaige Fälle in Flüchtlingsfamilien nicht berücksichtigt. Jeder einzelne Fall löst Arbeit und Stress aus, da er immer mit Priorität bearbeitet werden muss, mehrere Fachkräfte eingebunden sind, ein Hausbesuch erforderlich ist.

Und hier können falsche Entscheidungen fatal enden. In schlimmen Situationen können Kinder aus den Familien genommen werden. Dies war im vergangenen Jahr 564 Mal der Fall; zehn Jahre zuvor wurden nur 235 Kinder aus den Familien genommen. Jede Entscheidung muss genau abgewogen werden, denn es hängen Schicksale daran, und die Mitarbeiter müssen sehr verantwortlich handeln.

Anzeigen wegen Untätigkeit

Die Mitarbeiter schlagen Alarm. Sie schreiben Überlastungsanzeigen und informieren die Amtsleitung, schon um sich rechtlich abzusichern, falls eine Entscheidung von ihnen sich als falsch herausstellt. „Sie sind dazu verpflichtet, wenn wir mit der Arbeit nicht nachkommen“, sagt Ubrich, „und der Personalrat unterstützt dabei.“

Auf einer Personalversammlung im März soll dies den Mitarbeitern noch einmal gesagt werden. Es kann auch rechtlich relevant werden – wenn wirklich etwas schlimmes passiert und der zuständige Mitarbeiter wegen Untätigkeit angezeigt wird.

Größere Stadt, mehr Fälle, mehr Aufgaben

Das Jugend- und Sozialamt hatte Ende 2007 insgesamt 1098 Planstellen (die Zahl der Mitarbeiter liegt wegen Teilzeitkräften deutlich höher). Zehn Jahre später, 2017, waren es 1411 Planstellen.

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„Wir sind weit davon entfernt, von geregeltem Ablauf zu sprechen. Wir betreiben Mangelverwaltung, Notfallverwaltung. Mit 50 zusätzlichen Kräften könnten wir die gröbsten Löcher stopfen“, erläutert Ubrich. Immerhin, diese Stellen sind zugesagt. Dies bestätigt Personaldezernent Stefan Majer (Grüne). Unklar ist noch, wann die neuen Mitarbeiter kommen.

Manuela Skotnik, Sprecherin von Sozialdezernentin Prof. Daniela Birkenfeld (CDU) bestätigt die Klage Ubrichs: „Die Amtsleitung ist natürlich ebenso wie der Personalrat dafür, mehr Personal einzustellen. Es wird dringend gebraucht“, so Skotnik. „Wir stehen in der Sache auf der Seite der Mitarbeiter. Der Druck ist groß.“

Not herrscht gleich in mehreren Abteilungen: Mit dem Teilhabegesetz, das seit Januar in Kraft ist, erhalten Senioren und Behinderte mehr Unterstützung. Leisten müssen dies die Sozialämter der Kommunen. Gleiches gilt beim Unterhaltsvorschussgesetz, wenn die Stadt für säumige Väter in Vorleistung tritt. Und es gilt, wenn sie dieses Geld von den Vätern zurückholen möchte. Überall fehlt das Personal. Mit 15 bis 20 Mitarbeitern zusätzlich in der Jugendhilfe, 15 bei den Senioren und 15 beim Unterhalt wäre die gröbste Personalnot gelindert, schätzt Ubrich.

Haushaltsloch schlägt durch

Stefan Majer ist für die Neueinstellungen der Stadt zuständig. „Wir haben 2016 im Jugend- und Sozialamt 77 neue Stellen geschaffen“, sagt er, „damals wegen der Flüchtlingskrise.“ Für 2017 wurden dem Amt gleich 204 Stellen zugesagt. „Es waren die ersten zusätzlichen Stellen seit vielen Jahren“, so Majer. Das Haushaltsdefizit jedoch hat Ende 2017 einen Strich durch die Rechnung gemacht, vorerst jedenfalls. Die Stellen stehen in den Büchern, mehr nicht. Wie viele der Stellen besetzt werden, hänge vom Haushaltsabschluss ab. Steigen die Defizite, wie allgemein erwartet, gibt es keine oder weniger Neueinstellungen. Hiervon sind jedoch, wie Majer versichert, die ersten 50 Stellen ausgenommen, für deren Besetzung derzeit die Verfahren laufen. Dabei wird deutlich, dass sich bereits ein weiteres Problem abzeichnet: Es ist für die Kommunen schwer, geeignetes Personal zu finden.

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