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Montags-Interview: Gerd Mangel: „Ich finde, wir haben das gut gemacht“

Am 22. November 1817 wurde die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gegründet. Am großen Geschenk zum 200. wird derzeit noch gebaut. Herr über die Baustelle und Manager des Umzugs von 22 Millionen Sammlungsstücken ist Gerd Mangel.
Wo Gerd Mangel ist, da sind die Handwerker. Der 73-Jährige koordiniert die Senckenberg-Baustelle. Im Sommer soll der Umzug des Forschungsinstituts vollzogen sein. Foto: Rainer Rüffer Wo Gerd Mangel ist, da sind die Handwerker. Der 73-Jährige koordiniert die Senckenberg-Baustelle. Im Sommer soll der Umzug des Forschungsinstituts vollzogen sein.

Am 22. November 1817 wurde die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gegründet. Am großen Geschenk zum 200. wird derzeit noch gebaut: Die weltweit renommierte Gesellschaft übernimmt die früheren Gebäude der Goethe-Uni in Bockenheim, seit 2014 läuft der Umbau. Herr über die Baustelle und Manager des Umzugs von 22 Millionen Sammlungsstücken ist Gerd Mangel. Er erklärte FNP-Redakteurin Inga Janovic, wie er bei dieser Masse das große Ganze im Blick behält.

Wann sind Sie das letzte Mal privat umgezogen?

GERD MANGEL: Vor 38 Jahren.

Jetzt stecken Sie schon seit Monaten im Umzug des Senckenberg-Forschungsinstituts und werden vor dem Sommer auch nicht damit fertig.

MANGEL: Es ist schon etwas anderes, ob Sie selbst umziehen oder einen Umzug organisieren. Hier ist es spannend, weil meine Aufgabe so viele Facetten hat. Es geht darum, in einem denkmalgeschützten Gebäude eine völlig neue Funktion unterzukriegen.

Sie sind dabei der offizielle Bauherrenvertreter. Was bedeutet das?

MANGEL: Ich bin der Ansprechpartner von Bauherren-Seite und wirklich überall gefragt. Wir kommen in die Endphase. Da sind 200 Aufträge, die wir an Firmen erteilt haben, dazu kamen inzwischen knapp 800 Nachträge. Da muss man sehr aufpassen, da geht es auch ums Geld. Und uns schaut ja das Land streng auf die Finger.

Die Senckenberg-Gesellschaft ist kein Landesinstitut – trotzdem können Sie nicht frei handeln?

Gerd Mangel im Gespräch mit FNP-Redakteurin Inga Janovic Bild-Zoom Foto: Rainer Rüffer
Gerd Mangel im Gespräch mit FNP-Redakteurin Inga Janovic

MANGEL: Nein, der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen kontrolliert uns ständig, bis dahin, welche Lichtschalter wir verbauen. Das gibt manchmal Konflikte mit den Vorstellungen des Architekten. Aber wir geben hier Steuermittel aus, insgesamt 116 Millionen Euro von Land und Bund. Da ist auch richtig, dass es Auflagen und Grenzen gibt.

Sie manövrieren also oft zwischen Land, Architekt, Denkmalschutz und den Bedürfnissen des Bauherren?

MANGEL: Ja, wobei wir in den großen Linien alle sehr gut an einem Strang ziehen. Auseinandersetzungen gibt es eher im Kleinen. Zum Beispiel über ein wunderschönes altes Geländer im Jügelhaus. Das ist ein paar Zentimeter niedriger als heutzutage vorgeschrieben, deshalb mussten wir lange Diskussionen führen, damit es bleiben kann. Wir haben auch etwa ein halbes Jahr darüber diskutiert, welche Farbe die Fassaden haben sollten. Es gibt nun mal keine Farbfotografien von der Eröffnung 1907. Der Denkmalschutz forderte ein Gelb Ocker, wir waren uns sicher, dass es eine helle Farbe sein musste. Die ist es am Ende auch geworden.

Mit einem Neubau wäre vieles leichter gewesen, oder?

MANGEL: Für Senckenberg war der Auszug der Uni eine einmalige Chance – und das Gebäude-Ensemble verlangt ja auch förmlich danach, das Institut hier, rund um das Museum, zu vergrößern. Aber optimal sind die Bedingungen nicht. In einen Neubau hätte man sehr viel leichter die technisch komplizierten Räume für Sammlungen einbauen können. Hier ist es sehr viel schwieriger, die Balance zu halten zwischen dem, was dem Gebäude geschuldet ist, dem Denkmalschutz und den neuen Funktionen.

Es hat in der Stadt ja auch Diskussionen um die architektonische Gestaltung, vor allem der Dächer, gegeben, die aufgestockt wurden, um viel Technik unterzubringen. Die Senckenberger selbst hatten andere Prioritäten.

MANGEL: Nachdem wir inzwischen sehen können, wie es geworden ist, sind die Aufgeregtheiten der Anfangszeit vergessen. Das Schwierigste war, die Grundphilosophie umzusetzen, nämlich die Sammlungsräume neben den Forschungsbüros und Laboren anzuordnen. Man muss eine Sammlung täglich betreuen, das tut man aber nur, wenn sie in der Nähe ist. Das war ein richtiges Puzzle, bis wir das in die Bestandsgebäude untergebracht haben. Zumal es wohl auf keinem Feld so viele Vorschriften gibt wie auf dem Bau.

Im nächsten Sommer soll große Eröffnung der neuen Institutsgebäude gefeiert werden. Wie weit sind Sie denn bislang?

MANGEL: Die Alte Physik ist zu einhundert Prozent fertig, das Jügelhaus zu 77 Prozent.

Damit liegen Sie recht genau im Zeitplan und Sie halten auch den Kostenrahmen ein?

MANGEL: Wir liegen ziemlich gut, aber wir werden voraussichtlich bei Mehrkosten von acht bis zehn Prozent landen, also bei 126 statt der veranschlagten 116 Millionen Euro.

Das ist nicht viel für einen so aufwendigen Umbau im Bestand, zumal das Budget bereits 2009, also vor dem großen Bauboom, aufgestellt wurde.

MANGEL: Ja, gemessen an den vielen Unbekannten, die so ein Bau hat. Wir hatten unter unseren Firmen auch zwei Insolvenzverfahren, das sorgte für Verzögerungen. Und die Handwerker haben alle volle Bücher, da ist es nicht ganz leicht, sie auf der Baustelle zu halten. Ab und an müssen wir ganz handfeste Auseinandersetzungen führen.

Sie sind also als Gesprächspartner eher ein harter Hund?

MANGEL: Beides, Gesprächspartner und harter Hund. Grundsätzlich sehe ich es als meine Aufgabe an, für gute Stimmung auf der Baustelle zu sorgen; manchmal bedarf es auch härterer Bandagen, um den Bau überhaupt am Laufen zu halten. Aber ich habe nicht die Freiheit, kulant zu sein.

Das sagen viele, aber vor allem öffentliche Bauprojekte laufen finanziell trotzdem oft aus dem Ruder. Was haben Sie besser gemacht?

MANGEL: Wir haben die Todsünde aller Bauvorhaben nicht begangen: Wir haben Aufwand und Kosten nicht zu gering eingeschätzt, wie das sonst bei 80 Prozent der öffentlichen Bauten gemacht wird. Und wir haben den Sack für den Nutzer recht früh zugemacht, schon im Jahr 2012/13. Wenn noch während der Bauzeit immer wieder Wünsche auftauchen, sind Kosten und Zeitrahmen nicht beherrschbar.

Woher wird Senckenberg die zusätzlichen Millionen nehmen?

MANGEL: Das muss laut Vorgabe des Ministeriums aus dem Verkauf der Immobilie an der Kuhwaldstraße kommen. Dort lagern bisher noch viele Sammlungen, bis Mitte nächsten Jahres sollen wir das Gebäude geräumt haben.

Die Abteilungen ziehen mit insgesamt 22 Millionen Sammlungsstücken um. Wie viele davon sind schon am neuen Ort?

MANGEL: Etwa ein Viertel. In die Alte Physik haben wir die Marine Zoologie und in den Jügelbau die Entomologie, also Käfer, Spinnen und Schmetterlinge umgezogen. Was noch aussteht, sind die großen Bereiche Botanik, Geologie und Paläontologie. Diese liegen noch im Gebäude in der Kuhwaldstraße.

Gibt es für so einen Umzug eigentlich spezielle Speditionen?

MANGEL: Nein, wir machen das mit einer ganz regulären Spedition. Es sind sechs Leute, die das hier stemmen, und sie machen das sehr, sehr gut.

Das sind nicht viele Männer für Tausende Gläser, Kästen, Kisten . . .

MANGEL: Es geht uns ja auch nicht ums Tempo. Das muss man sorgfältig machen, es braucht Leute, die verstehen, was sie da tun.

Schnell geht dieser Umzug ohnehin nicht, da ja alle Stücke der Entomologie und der Botanik erstmal zwei Wochen lang in die Tiefkühlkammer müssen, um eventuell vorhandene Museumskäfer und deren Larven abzutöten. Das macht die Zeitpläne noch komplizierter, oder?

MANGEL: Ja, wenn die Kammer voll ist, muss man erstmal etwas anderes umziehen und dann die Kammer umräumen und so weiter. Aber vor allem muss vor dem Einzug baulich alles fertig sein, die Technik funktionieren. Da den roten Faden nicht zu verlieren, das ist nicht immer ganz einfach.

Ist schon ein Sammlungsstück zu Bruch gegangen?

MANGEL: Nein, noch kein einziges Glas.

Diese Baustelle hat Sie zu einem Experten auf vielen Gebieten gemacht, dabei sind Sie weder Bauingenieur noch Naturforscher. Sie sind längst im Ruhestand.

MANGEL: Ich habe hier 2009 nach meiner Pensionierung angefangen. Studiert habe ich Germanistik und Politikwissenschaft.

Und warum hat man dann Sie mit dieser Aufgabe betraut?

MANGEL: Ich habe seit 1980 im Wissenschaftsministerium gearbeitet und war dort als Referatsleiter zuständig für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, also auch für Senckenberg. Es geht ja nicht nur um die Fachkenntnis, die haben die Architekten und Bauingenieure. Ich muss organisieren können, um bestimmte zeitliche und inhaltliche Ziele zu erreichen. Und ich brauche die Fähigkeit zu erkennen, ob mir jemand etwas vormacht.

Das ist ein anstrengender Job, Sie sind inzwischen 73. Sehnen Sie sich nicht manchmal nach Liegestuhl, Zeitung, Golf. . .?

MANGEL: Ich muss etwas tun. Nicht nur für mich, sondern etwas Sinnvolles. Ich habe es nie bereut, dass ich diesen Auftrag angenommen habe. Im Moment sind wir allerdings in einer Phase, wo man an seine physischen Grenzen stößt. Die Arbeitstage sind zehn, zwölf Stunden lang und am Wochenende geht es weiter. Aber in unserer kleinen Gruppe, wir sind nur sechs Leute, stimmt das Mikroklima. Und das ist schon die halbe Miete, um Probleme, um Konflikte zu lösen. Das ist besser als Spaziergänge und Fernsehen.

Werden Sie auch noch die geplante Erweiterung des Museums managen?

MANGEL: Nein, ich bemühe mich, das hier fertigzustellen. Mein letzter Auftrag wird der Umbau im alten Senckenberg-Gebäude sein. Das sind nur ein paar Räume, etwa sechs Prozent der Gesamtbaumaßnahme.

Wenn Sie die schon fertige Alte Physik anschauen, was sehen Sie da?

MANGEL: Es hat meine Erwartungen übertroffen, das ist richtig gut geworden. Ich habe es ja wachsen sehen, aber insgesamt sieht man nun die Linie des Architekten Peter Kulka, es ist ein wirklich schönes Ergebnis.

Was hören Sie von den Nutzern?

MANGEL: Die Bedingungen für die Sammlungen und die Mitarbeiter sind deutlich besser geworden. Aber viele Dinge, die nicht funktionieren, merkt man erst, wenn man das Gebäude nutzt. Wir können ja vorher nicht jeden Lichtschalter testen. Deshalb gibt es noch eine lange Liste, was nachzubessern ist, aber momentan konzentrieren wir uns auf die Fertigstellung des Jügelhauses.

Als die Altbauten entkernt wurden, gab es viel Kopfschütteln, wie man in der Nachkriegszeit mit ihnen umgegangen ist. Da wurde Stuck zerlöchert, Sandstein abgeschlagen, Decken abgehängt, großzügige Räume mit Einbauten versehen. Was wird man in einigen Jahrzehnten über Ihre Arbeit sagen?

MANGEL: Das weiß man nicht. Das, was Kramer damals mit dem Foyer gemacht hat, war ja ein bewusster Umgang. Man wollte die Gründerzeit nicht mehr haben, es ging um den „demokratischen Aufbruch gegen den wilhelminischen Imperialismus“. Das Verständnis von Architektur wandelt sich, da ist es schwer vorauszusagen, wie es in 60, 70 Jahren sein wird. Aus meiner Perspektive finde ich, wir haben das gut gemacht.

www.fnp.de

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