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Chá Dào im Westend: Gerhard Thamm bringt den Tee nach Frankfurt (und die Revolution)

Naive Zeitgenossen könnten meinen, Gerhard Thamm verkaufe Tee. Tatsächlich bereitet der 67-Jährige die Revolution vor – einen Aufguss nach dem anderen.
Hagebuttentee? Pfefferminztee? Salbeitee?

Gerhard Thamm lächelt und schüttelt den Kopf.

Nein, sagt er. Das sind doch keine Tees.

Sondern?

„Teeähnliche Aufgüsse.“

In Thamms Welt ist das ein vernichtendes Urteil. Für den 67-Jährigen gibt es nämlich nur echten Tee – oder gefärbtes Wasser.

Echter Tee, sagt Thamm, kann ein Leben verändern.

Und Hagebuttentee?

"Eher nicht."

Echte Tees - da wäre zum Beispiel den Tee der Zwei Brunnen: ein seltener grüner Tee, hergestellt von einem Meister, der die Familienmanufaktur in der 39. Generation führt.

Oder der würzige Steintee, 30 Jahre alt. Ein Schluck dieses Gebräus schmeckt -  sorry für das Pathos - wie ein halbes Jahrhundert in einem tiefen, stillen Wald.

Das sind richtige Tees“, sagt Thamm. „Die finden Sie auch in China nicht an jeder Ecke. Danach müssen Sie suchen.“

Drei- bis viermal pro Jahr reist er darum nach China, besucht Provinzen und Manufakturen, immer auf der Suche nach dem Besonderen.

Denn Gerhard Thamm ist ein Berufener. Er möchte den chinesischen Tee nach Frankfurt bringen.

Dafür hat er vor einigen Jahren seinen Job in der Luftfahrtindustrie aufgegeben und ein Teehaus eröffnet; erst in Neu-Isenburg, seit vergangenem Jahr im Frankfurter Westend. Mittlerweile ist der 67-Jährige im Ruhestand. Fast seine gesamte Rente steckt er ins Teehaus.

"Klar ist das ein Wagnis", sagt er. "Aber das ist es mir wert."

Denn Thamm hat in der chinesischen Teekultur etwas gefunden, wovon er gar nicht wusste, dass es ihm fehlte: Einen Raum für Gedanken, Gespräche und Genuss, den es im Westen nicht gibt.

Chinesische Teehäuser, erzählt Thamm, sind nicht mit den hektischen europäischen Cafés zu vergleichen. Teehäuser sind Orte, an denen man Stunden, halbe Tage, bleibt. Nachdenkt, tagträumt, miteinander ins Gespräch kommt. Rückzugsorte im besten Sinn.

"Es ist nicht der Tee - oder jedenfalls nicht nur der Tee", sagt er. "Die Teekultur, und vor allem die Teehauskultur, bietet Orte, an denen man zur Ruhe kommen kann. Man kann sich einer gewissen Ästhetik hingeben, seinen Gedanken nachhängen. Genau so ein Ort soll Chá Dào sein.“

Wer das Teehaus in der Friedrichstraße betritt, findet sich unversehens in einer anderen Welt wieder. An den Wänden hängen Tuschezeichnungen, in den Regalen steht filigrane Keramik, die Teetische sind jederzeit gedeckt. Hektik, Lärm und Gedankenlosigkeit der Großstadt dringen kaum durch.

Gerhard Thamm, der Tee-Botschafter, ist überzeugt, dass es diesen Ort im geschäftigen Frankfurt braucht: „Die Welt befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Wir erleben eine ganz eigenartige politische und kulturelle Gemengelage. Alte Schubladenbegriffe wie links und rechts, progressiv und konservativ passen heute nicht mehr. Das Teehaus ist ein Ort, an dem wir zur Ruhe kommen, uns mit den großen Fragen beschäftigen können. Wer will ich eigentlich sein, was will ich machen?"

Nicht der Tee steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen, sagt Thamm. Der Tee ist ein Vehikel, eines von vielen, das die Teehauskultur ausmacht.

Was freilich nicht bedeutet, dass seine Geschichte, seine Herstellung, seine Zubereitung und sein Verzehr nicht von großer Bedeutung wären. Die Geschichten vom Tee, von Herkunftsgebieten und Manukfaturen, von findigen Meistern und ehrwürdigen Dynastien konstituieren einen Kosmos, in dem Liebhaber sich zurechtfinden wie Fußball-Fans in den Heldengeschichten ihrer Clubs. Mit manchen Kunden, erzählt Thamm, könne er stundenlang fachsimpeln. Über Manufakturen im chinesischen Hinterland; Orte, an die nur selten ein Westler gelangt, die den Tee-Kundigen aber ein Begriff sind wie Champions-League-Sieger den Fußball-Experten.

Maßgeblich für einen Tee sind zwei Variablen: das Anbaugebiet und die Verarbeitungsmethode des jeweiligen Teemeisters. "Die unterschiedlichen Tees, die wir heute haben, sind das Ergebnis der Naturräume, in denen sie wachsen", erklärt Gerhard Thamm. "Sie schmecken einem Tee seine Herkunft deutlich an."

Man unterscheidet sechs Teesorten: den grünen, den blauen, den weißen, den roten, den gelben und den schwarzen Tee. Den Unterschied macht der Grad der Oxidation aus - also ob der Zellsaft im Innern des Teeblattes mit Sauerstoff in Kontakt gekommen ist und, gegebenenfalls, wie stark.

Traditionell werden Teeblätter nach der Ernte gewelkt, also zum Trocknen an der Sonne ausgelegt. Dabei verlieren sie Flüssigkeit und werden weich. Dann backt oder röstet der Teemeister die Blätter, typischerweise in einem großen Wok. Je nachdem, wie der Tee geröstet wird, verändert sich sein Aroma: Werden die Blätter beispielsweise nur locker geschwenkt, behalten sie ihre grasigen, fruchtigen Noten. Presst der Teemeister sie hingegen an den Boden des gusseisernen Woks, nehmen sie rauchige Aromen auf. Für ein Kilo echten chinesischen Tees braucht es bis zu 150.000 Blätter.

Tee ist für Gerhard Thamm, den Berufenen, mehr als ein Getränk. Sondern eine Kultur, eine Lebensart, ein Wagnis - und, wer weiß: womöglich auch der Zündfunke zu einer kleinen Revolution.

"Ich hoffe sehr, dass mein Teehaus ein Ort sein kann, an den Menschen sich gerne zurückziehen, wo sie sich entspannen können - und von dem, nach und nach, auch eine geistige Veränderung ausgeht", sagt er. "Die brauchen wir nämlich dringend."


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Der Autor auf Twitter: @chris_tn_braun
 
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