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Verbrecherjagd: Gerichtsmediziner sollen Tote vor der Einäscherung untersuchen

Von Wenn der Leichnam in den Flammen verschwindet, werden alle Spuren vernichtet. Bei Feuerbestattungen bleibt daher mancher Mord unentdeckt. Das soll sich ändern: Hessenweit werden Gerichtsmediziner zur Leichenschau in Krematorien geschickt. Nicht überall stößt das auf Begeisterung.
„Viele Totenscheine werden am Küchentisch ausgestellt“: Marcel Verhoff leitet das Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Frankfurt. Foto: Andreas Arnold (dpa) „Viele Totenscheine werden am Küchentisch ausgestellt“: Marcel Verhoff leitet das Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Frankfurt.
Frankfurt. 

Als Marcel Verhoff die Leiche eines 78-Jährigen untersuchte, wurde er misstrauisch. „Auf der Brust klebte ein großes Pflaster“, erzählt der Rechtsmediziner. Der Tote lag schon im Sarg und sollte eingeäschert werden. Doch Verhoff stoppte die Krematoriumsmitarbeiter und rief die Kriminalpolizei. „Unter dem Pflaster verbarg sich eine tiefe Stichwunde – mitten ins Herz.“ Der Sohn des Opfers gab später ein Geständnis ab.

Verhoff leitet die Frankfurter Gerichtsmedizin. Im Kühlraum seines Instituts liegen Leichen, die Opfer von Verbrechen wurden. Er und seine Mitarbeiter sind darauf spezialisiert, bei Obduktionen die genaue Todesursache herausfinden. Stirbt jemand eines vermeintlich natürlichen Todes, schaut sich meist nur ein Haus- oder normaler Klinikarzt den Leichnam an. „Und das geschieht häufig viel zu oberflächlich“, kritisiert Verhoff.

Foto: Christophe Braun
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Eigentlich müsste der Arzt bei einer Leichenschau den Toten entkleiden und von der Kopfhaut bis zur Fußzehe untersuchen. „Aber das macht kaum jemand, wenn die trauernden Angehörigen daneben stehen“, sagt Verhoff. „Viele Totenscheine werden am Küchentisch ausgestellt.“ Manch Mordfall, so seine Befürchtung, bleibe dadurch unentdeckt.

Das soll sich nun ändern. Denn der hessische Landtag hat neue Regeln für die Leichenschau beschlossen. Die wichtigste lautet: Bei Feuerbestattungen sollen Ärzte öffentlicher Rechtsmedizin-Institute die Toten ein zweites Mal untersuchen, bevor die Flammen alle Spuren vernichten.

Ärzte selbst ausgesucht

Zwar ist auch bisher schon eine zweite Leichenschau vor der Einäscherung vorgeschrieben. Doch die Krematorien können sich aussuchen, welchen Arzt sie damit beauftragen. „Die Betreiber bevorzugen Ärzte, die wenig Probleme machen. Denn jede Verzögerung müssen sie ihren Kunden erklären“, sagt Verhoff.

Am 1. März 2019 tritt das geänderte Friedhofs- und Bestattungsgesetz in Kraft. Bis dahin werden sich die beiden Rechtsmedizin-Institute in Frankfurt und Gießen noch mit den hessischen Krematorien absprechen müssen. „Ich gehe davon aus, dass wir von Frankfurt aus ganz Südhessen betreuen werden“, sagt Institutsdirektor Verhoff.

Strengere Regeln für die Leichenschau

Das geänderte hessische Friedhofs- und Bestattungsgesetz wurde im Landtag am 22. August verabschiedet. Darin heißt es im Wortlaut: „Ist eine Feuerbestattung beabsichtigt, sind Todesursache und Todesart

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Seine Mitarbeiter und er werden viel zu tun bekommen. Denn die Nachfrage nach Feuerbestattungen steigt. 1990 lag der Anteil der Urnenbestattungen in Frankfurt bei 30 Prozent, im vergangenen Jahr waren es 73 Prozent. „Und wir gehe davon aus, dass dieser Anteil weiter wachsen wird“, sagt Thomas Bäder vom Grünflächenamt.

Ein eigenes Krematorium hat Frankfurt allerdings nicht mehr, die städtische Anlage auf dem Hauptfriedhof wurde Ende 2013 geschlossen. Bestatter bringen Frankfurter Leichen zum Einäschern seitdem nach Offenbach oder Obertshausen. Dort ist man von der Neuregelung nicht ganz so begeistert. „Wir warten ab, wie es sich entwickelt“, sagt Gabriele Schreiber, die für das städtische Krematorium in Offenbach zuständig ist. Bisher haben dort die örtlichen Amtsärzte des Stadtgesundheitsamts die zweite Leichenschau übernommen. „Wir waren mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden. Und die Stadt hat sich über die Gebühreneinnahmen gefreut“, sagt Schreiber. Für jeden untersuchten Leichnam kassiere das Offenbacher Gesundheitsamt 33 Euro.

Offenbach ist verschnupft

Dessen Leiter, Bernhard Bornhofen, will die Gesetzesänderung nicht kommentieren. Dass seine Amtsärzte bei der Leichenschau schlampig gearbeitet hätten, weist er jedoch zurück. „Im Durchschnitt haben wir bisher etwa alle zwei Wochen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, wenn es Zweifel an der Todesursache gab.“

Was bei deren Ermittlungen dann herauskomme, erfahre er zwar nicht immer. „Aber einen Mordfall“, da sei er sich sicher, „gab es in unserem Krematorium in den zurückliegenden Jahren noch nicht.“

Ob das so bleibt, wenn künftig die Gerichtsmediziner aus Frankfurt anrücken, wird sich zeigen.

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