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Gesellschaftskritik aus der Fabrik

Von Um Kunst hautnah zu erleben, muss ein Frankfurter nicht nach Berlin fahren. Dass die Künstler der Ateliers in der Rödelheimer Fabrik locker mit der Kunstmetropole Schritt halten können, beweisen sie dieses Wochenende in ihrer Gemeinschaftsausstellung.
Frank Kambor und sein nostalgischer Foto-Rückblick auf den Henninger-Turm. Bilder > Frank Kambor und sein nostalgischer Foto-Rückblick auf den Henninger-Turm.
Rödelheim. 

Auf dem Tischchen, hinter dem Babara Schaaf sitzt, sind auf zwei Glasplatten drei Gesichter gedruckt, die jeder kennt. Zeitweise waren sie beinahe täglich in den Nachrichten zu sehen: die NSU-Terroristen. Sie sind einmal in schwarz-weiß und einmal in Farbe auf den Platten. Dazwischen liegen geschredderte Papierstreifen. Sie stehen symbolisch für die Aktenvernichtung der Behörden, die während des Prozesses aufgedeckt wurde. „Ich habe mich dieses Jahr überwiegend mit Dingen beschäftigt, die durch die Medien kommuniziert werden und wichtig für die Gesellschaft sind. Hier soll man sehen, dass der Fokus des Prozesses sehr stark auf den Tätern liegt. Über die Opfer wissen wir fast nichts“, erklärt die Künstlerin.

15 Künstler

Ihre Skulptur ist eines der vielen Ausstellungsstücke, die die insgesamt 15 Künstler der vier Ateliers „3.Etage“, „Raum W47“, „Max Pauer“ und „Bert Walter“ in der ehemaligen Schuhfabrik präsentieren. Wer die Treppen im Flur der alten Fabrik hinauf steigt, kann die kreative Atmosphäre, die hier in der Luft liegt, fast riechen. Betritt man die Räume, steht man jeweils genau dort, wo die Werke auch entstanden sind. Der farbbekleckste Betonboden zeugt davon, dass hier regelmäßig Pinsel und Palette benutzt werden. In jedem Raum hängen Gemälde und Fotografien an den Wänden und auf den Böden stehen Skulpturen oder kleine Installationen. Die großen Fenster durchfluten alles mit hellem Tageslicht.

Wenn die Sonne heute Abend untergeht, werden die Rödelheimer Kreativen, die hier seit mehr als zehn Jahren ihre Arbeitsplätze haben, gemeinsam mit vier Gastkünstlern die Vernissage zu ihrer jährlichen Gemeinschaftssausstellung feiern. Sie wollen den Besuchern einen so intimen Einblick in ihre Arbeiten geben, wie es eine Galerie nicht könnte. „Wir machen alles in Eigeninitiative. Alle Künstler werden das Wochenende hier sein, um über ihre Werke zu sprechen. Wir wollen uns präsentieren, aber auch ein Feedback von den Gästen erhalten“, erzählt die Künstlerin Barbara Schaaf.

Etablierte Kunstszene

Ihren durch Holzwände abgetrennter Arbeitsplatz hat sie schon seit sechs Jahren und fühlt sich wohl in der ehemaligen Schuhfabrik. Trotzdem sei es nicht leicht, als Frankfurter Künstler in der Szene wahrgenommen zu werden, sagt ihr Kollege, der Fotograf Frank Kambor: „Alles schaut immer nach Berlin, das sollte einfach nicht so sein. Auch unsere Stadt hat eine sehr stabile, seit langem etablierte Kunstszene.“ Kambors Fotografien hängen im anliegenden Raum, den er sich mit einer weiteren Künstlerin teilt. Mit den Motiven ist er seiner Heimatstadt Frankfurt treu geblieben. „Henninger Turm 2013“ heißt die Bilderserie. Sie setzt das ehemalige Frankfurter Wahrzeichen, das gerade abgerissen wird, noch einmal nostalgisch in Szene. „Frankfurt ist ein Raum, in dem sich zurzeit sehr Vieles verändert. Ich bin ein Frankfurter Bub und stehe zu der Stadt. Deshalb wollte ich meinen Turm in den Fotografien festhalten“, sagt Kambor.

Im ein Stockwerk tiefer liegenden Atelier Raum „W47“ hängen die teppichgroßen Malereien von Maria Vogl. Die Österreicherin braucht weder Pinsel noch Zeichenstift, wenn sie arbeitet. Farbe und Leinwand reichen ihr völlig aus. „Ich male immer mit den Händen. Ich liebe es, in die Farbe einzutauchen und sie an den Fingern zu spüren“, schwärmt Vogl. Ihre Bilder sind abstrakt, bunt und durch viele übereinander gelegte Farbschichten dick und schwer. Das leuchtende Rot in den Gemälden bildet zu den schwarz getünchten Fabrikmauern einen extremen Kontrast. Beim Malen benutzt Vogl weiße Schürzen, die nach getaner Arbeit ihrer Kunst ähneln. Für jedes Gemälde verwendet sie eine neue. „Wenn jemand eines meiner Bilder erwirbt, bekommt er, wenn er möchte, immer auch die Schürze dazu. Dann besitzt er auch das einzige Arbeitswerkzeug, mit dem das Bild entstanden ist“, sagt sie lachend.

Ihr Gedanke spiegelt dabei das Konzept der Gemeinschaftsausstellung wider: Die Besucher haben dieses Wochenende die Möglichkeit, die in der Fabrik entstandenen Kunstwerke nicht nur als Endprodukt zu sehen. Sie können dem Schaffensprozess in den Räumen der Ateliers selbst nachspüren und Kunst hautnah erleben.

Die Gemeinschaftssausstellung der Ateliers ist diesen Samstag und Sonntag der Rödelheimer „Fabrik“, Westerbacherstraße 47, von 14-19 Uhr geöffnet. Vernissage ist heute Abend ab 19 Uhr, begleitet durch einen Auftritt der Tanzgruppe „Dance in Ffm“.

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