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Startbahn 18 West: Gesichter eines Widerstands

Von Heute vor 30 Jahren wurde die Startbahn 18 West am Frankfurter Flughafen eröffnet. Über 225 Millionen Mark hat sie gekostet. Doch der wahre Preis ist kaum zu beziffern: Jahrelange Massenproteste, Krawalle, Molotowcocktails, Tränengas, Gummiknüppel. Und zwei erschossene Polizisten. Ihr Tod bedeutete das Ende des größten Bürgerprotests der bundesdeutschen Geschichte.
Mit erhobenen Armen demonstrierten Gegner der Startbahn West bei einer Großkundgebung am 7. November 1981.	Foto: dpa Mit erhobenen Armen demonstrierten Gegner der Startbahn West bei einer Großkundgebung am 7. November 1981. Foto: dpa
Frankfurt. 

Es war der 12. April 1984. Ein Donnerstag. Damals, vor 30 Jahren, startete um 9.26 Uhr, die Lufthansa-Maschine „Lüneburg“ von der Startbahn 18 West in Richtung Paris. Der Airbus A 310 mit 144 Passagieren an Bord war das erste Flugzeug überhaupt, dass von der 4000 Meter langen und 60 Meter breiten Betonpiste abhob. Doch lange währte der Flugbetrieb nicht: Nachdem 88 Starts abgewickelt wurden, wurde die Bahn geschlossen. Vorübergehend. Zu starker Rückenwind machte es bis zum Abend unmöglich, weitere Maschinen von der 225 Millionen Mark teuren Bahn abheben zu lassen. Angesichts der jahrelangen Massenproteste, der Gewalt von Polizei und Startbahn-Gegnern, mag das fast nach Ironie klingen. Eine offizielle Eröffnungsfeier mit Sekt und Schnittchen gab es übrigens nicht. Angesichts des unermüdlichen Widerstands zehntausender Menschen erschien das als unangebracht.

Bilderstrecke Startbahn West wird 30
Ein vermummter "Knüppelwerfer" demonstriert am 14. April 1984 gegen die heftig umstrittene Startbahn West des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens (Archivbild). Der Bau der neuen Startbahn sorgte für einen "hessischen Herbst". Zum 30. der Asphaltgeraden blickt die FNP auf die Randale auf Seiten der Protestler und dem zum Teil unverhältnismäßig brutalen Vorgehen der Polizei. Fotos: Rolf Böhm, Walter Keber, FNP-ArchivDie Startbahn West ist ein Symbol des Widerstands gegen Großprojekte. Dieses Protestplakat zeugt davon, wie sich Bürger gegen ein Projekt vernetzten und wehrten.Blick auf die Startbahn West des Rhein-Main-Flughafens in Frankfurt: Die 4000 Meter lange Piste wurde trotz der heftigen Proteste am 12. April 1984 für den Betrieb freigeben. Eine offizielle Eröffnungsfeier gab es nicht. Man wollte nicht provozieren.

Der Konflikt um die Startbahn West begann Mitte der 1960er Jahre, als die damalige Flughafen Aktiengesellschaft (FAG) beim hessischen Wirtschaftsminister den Antrag zum Ausbau des Flughafens einreichte. Das erfreute die Bewohner der Nachbargemeinden des Airports nicht, sollten doch Bäume gerodet werden und litten sie ohnehin schon unter Fluglärm – auch ohne Startbahn. Verfassungsklagen wurden eingereicht, Bürgerinitiativen gegründet. Hunderttausende demonstrierten, trafen sich Woche für Woche im Wald. Sogar ein Hüttendorf mit 70 Hütten und Baumhäusern wurde im Mai 1980 auf dem Gelände der Startbahn errichtet. Anwohner, Studenten, Familien mit Kindern, Aussteiger, sie alle richteten sich dort ein, einige nur für ein paar Nächte, andere länger. Hausfrauen aus der Umgebung versorgten die Bewohner mit Essen. Es gab eine kleine Kirche, in der Kinder getauft wurden. Die Protestbewegung empfing große Solidarität in ganz Deutschland. Die kurz zuvor gegründeten Grünen blühten auf.

Ein kleines Mädchen läuft durch das Hüttendorf im Flörsheimer Wald.
Rosemarie Heilig zur Startbahn West "Wir gehörten in den Wald"

Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) verbrachte eine lange Zeit ihres Studiums im Hüttendorf im Flörsheimer Wald. Dort hat sie gemeinsam mit ihren Kommilitonen Führungen über die Wichtigkeit der Bäume angeboten.

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Im Oktober 1981 begannen die Bauarbeiten für die Piste, das Hüttendorf wurde am 2. November geräumt. Der Protest schlug in Krawalle um. Demonstranten und Polizisten gerieten immer wieder aneinander. Es gab Gefechte mit Steinen, Molotowcocktails, Tränengas, Wasserwerfern und Knüppeln.

Doch all der Protest, all die Auseinandersetzungen brachten nichts. Am 12. April 1984 wurde die stark umkämpfte Bahn eröffnet. Die Gegner gaben dennoch keine Ruhe. Die Proteste an der Startbahn-Mauer gingen weiter, mit „Sonntagsspaziergängen“. Jahr für Jahr. Doch sie erfuhren einen traurigen Höhepunkt: Am Abend des 2. November 1987, genau sechs Jahre nach der Räumung des Hüttendorfs, wurden die Polizisten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm erschossen, getroffen aus einer Pistole von Andreas E. Der jahrelang angestaute Frust, die Wut, der Ärger war eskaliert. Alle standen unter Schock – Aktivisten, Polizisten, Politiker. Anschließend hörten die Proteste auf. Der Konflikt um die Startbahn 18 West, eine der größten sozialen Bewegungen der Bundesrepublik, war Geschichte.

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