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Verwechslungsgefahr: Harmlose Gespinstmotte vs. gefährlicher Eichenprozessionsspinner

Von Mit weißen Schleiern überzogene Bäume und Sträucher haben zuletzt manchem Frankfurter einen Schrecken eingejagt. Schuld sind zwei Raupenarten. Die eine ist ungefährlich – die andere wird von der Stadt sogar aus der Luft bekämpft.
Ein Eichenprozessionsspinner-Nest hängt in einer Eiche. Dessen Raupen hüllen keine ganzen Bäume ein, sind aber gefährlich. Bilder > Foto: Julian Stratenschulte (dpa) Ein Eichenprozessionsspinner-Nest hängt in einer Eiche. Dessen Raupen hüllen keine ganzen Bäume ein, sind aber gefährlich.
Frankfurt. 

In all den Jahren, die sie in Frankfurt wohnt, hat Barbara Schrieder (71) so etwas noch nie erlebt: Entlang ihrer Radroute am Nidda-Ufer vorbei am Alten Flugplatz in Bonames ist in den vergangenen Tagen ein Geisterwald entstanden. Ein silbrig-weißes Gespinst umhüllt viele Bäume und Sträucher. „Das hat mir Angst gemacht“, sagt die Rentnerin. „Ich wusste nicht, ob das Zeug gefährlich für Menschen und Bäume ist.“ Statt in frühlingshafter Blüte zu stehen, sind die Gewächse überzogen mit feinen, klebrigen Gebilden – und teils völlig kahl. „Dagegen muss die Stadt etwas unternehmen“, findet Schrieder.

Das Grünflächenamt kann aufgeschreckte Bürger in diesem Fall aber beruhigen: „Das ist das Werk der Gespinstmotte. Die ist harmlos für Mensch und Tier“, erklärt Abteilungsleiter Bernd Roser. „Deshalb bekämpfen wir als Stadt sie auch nicht.“ Die Raupen umhüllen Baumkronen und Büsche mit Spinnweben, um sich vor Fressfeinden und Regen zu schützen. Unter dem Gespinst fressen die Tiere die Blätter vom Gehölz bis nur noch das Gerippe bleibt.

„Niemand muss sich deshalb Sorgen machen“, sagt Roser. Die Natur werde sich schnell von dem Befall erholen: Schon Mitte Juni dürften die Bäume wieder austreiben. Bis dahin sind die Larven zu Motten geworden. Ihre Fäden lösen sich dank Niederschlag und Wind einfach auf, vom Geisterwald bleibt nichts mehr übrig.

Auf keinen Fall berühren

Bis dahin dürften wie zuletzt aber noch viele Anrufe im Grünflächenamt eingehen, vermutet Roser. „Die Leute verwechseln die Gespinstmotte mit dem Eichenprozessionsspinner“, sagt er. „Das sind aber zwei völlig unterschiedliche Falter.“ Während Gärtner die Larven der Gespinstmotte bedenkenlos aufsammeln und ihre Gespinste wegschneiden können, dürfen Raupen oder Nester des Eichenprozessionsspinners auf keinen Fall berührt werden.

Denn dessen Raupen sind mit Brennhärchen überzogen, die bei Menschen Juckreize oder allergische Schocks auslösen können. Beim Einatmen der Härchen drohen Atembeschwerden. Entwickelt sich nach dem Kontakt ein großflächiger Ausschlag oder treten andere Beschwerden auf, sollten die Betroffenen sicherheitshalber einen Arzt aufsuchen. Wer ein Nest entdeckt, kann sich außerdem beim Umwelttelefon unter (0 69) 21 23 91 00 Hilfe holen,

Unterscheiden kann man die Raupenarten am Aussehen: Die unbehaarte Gespinstmotte ist gelb und hat schwarze Punkte. Der Eichenprozessionsspinner ist gräulich-schwarz und komplett mit Brennhaaren bedeckt. Er befällt fast ausschließlich Eichen und hinterlässt dort bis zu fußballgroße weiße Nester, statt wie die Gespinnstmotten-Raupe die ganze Pflanze zu befallen. Sie hüllt zudem verschiedenste Gewächse in ihr Fadenkleid, beispielsweise Weißdorn, und Weiden. Eine Unterart der Gespinnstmotten findet sich außerdem oft in Apfelbäumen.

Meldungen in ganz Frankfurt

Den Verdacht, der Befall der beiden Raupen falle in diesem Jahr schlimmer aus als zuvor, kann das Grünflächenamt nicht bestätigen – trotz Meldungen aus dem gesamten Stadtgebiet. Dieser Eindruck entstehe, weil das Phänomen sehr lokal auftrete, erklärt Roser. „Wo im vergangenen Jahr noch kein Befall zu sehen war, können Bäume heute komplett zugesponnen sein.“ Dass die Gespinstmotten aber auch den Boden mit ihrem Geflecht bedecken, wie beispielsweise an der Graffiti-Galerie im Niddapark, findet selbst er ungewöhnlich.

Dem Eichenprozessionsspinner hat die Stadt seit Anfang Mai den Kampf angesagt. Zu dieser Zeit bilden die meisten Raupen ihre Brennhaare aus, die das Nesselgift Thaumetopoein enthalten. Erst Ende Juni endet ihre Saison, wenn die Larven sich verpuppen, als Schmetterlinge schlüpfen und die Nester langsam zerfallen.

Um die Frankfurter bis dahin vor dem unangenehmen Kontakt mit der giftigen Raupe zu bewahren, hat die Stadt in mehreren Helikopterflügen ihre Waldgebiete mit einem Insektizid besprühen lassen. Diese Maßnahme ist inzwischen beendet. Laut Grünflächenamt ist das versprühte biologische Präparat nicht schädlich für Menschen oder Tiere – auch nicht für andere Insekten wie Bienen.

Drei Firmen wurden zudem beauftragt, täglich auszurücken, um die rund 5000 Eichen im Stadtgebiet vom Boden aus zu besprühen. Ihr Fokus liegt dabei auf belebten Orten wie Schulhöfen oder Parkanlagen. Mit ihren Teleskop-Sprühlanzen verteilen die Schädlingsbekämpfer einen Bazillus über den Nestern des Eichenprozessionsspinners. Die Raupen fressen den Krankheitserreger, dieser hemmt ihre Häutung und tötet die Tiere. Seit zehn Jahren geht die Stadt so vor, die jährliche Sprühaktionen kostet sie rund 200 000 Euro.

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