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Der Rote Faden - Folge 158: Hauke Hückstädt - Der Literaturmacher

Hauke Hückstädt ist seit 2010 Chef des Literaturhauses Frankfurt. Der gebürtige Brandenburger ist Perfektionist. Und kein Mensch, der es sich bequem machen will. Ihm widmen wir Folge 158 unserer Serie „Der rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Bedeutendes für Frankfurt leisten.
Hauke Hückstädt hat die Stadt näher an das Literaturhaus herangezogen. Foto: Salome Roessler Hauke Hückstädt hat die Stadt näher an das Literaturhaus herangezogen.
Frankfurt. 

Heimat. „Heimat“, sagt Hauke Hückstädt und zögert einen Augenblick, bevor er weiterspricht, „Heimat ist letztendlich dann doch dort, wo die Pumpe begonnen hat zu schlagen.“ Aber heimisch sei er ganz sicher geworden in Frankfurt, fügt er hinzu. Hückstädt wählt seine Worte sorgfältig. Es muss schon etwas passieren, wenn es urplötzlich aus ihm hinausplatzt. Aber dazu später mehr. Es ist ihm anzusehen, wie sich die Gedanken verfestigen, während er spricht. Seine Sätze sind nicht alltäglich. Er hat einen großen Vokabelreichtum, und er ist präzise und bildstark zugleich. Die Exzentrik spiegelt sich bei ihm in Details: in den weinroten Socken, die er trägt. Oder in den dezenten Karos auf den Lederflicken seines Sakkos. Ein Gespräch mit Hückstädt ist angetan, überraschende Wendungen zu nehmen. Man lernt diesen Mann, den man aus öffentlichen Auftritten kennt, noch einmal anders kennen, wenn er sich die Zeit nimmt. Und wenn er ein Fenster öffnet.

Seit Juli 2010 ist Hauke Hückstädt der Leiter des Literaturhauses Frankfurt. Als er kam, war die Atmosphäre aufgeheizt. Die Umstände rund um die Nicht-Vertragsverlängerung von Maria Gazzetti, die das Haus seit 15 Jahren geleitet hatte, hatten Gräben in die Stadtgesellschaft geschlagen. Dafür konnte Hückstädt nichts. Aber noch bevor er überhaupt in Frankfurt angekommen war, wurden ihm Sätze zugeraunt: „Sie wissen schon, dass Sie hier am offenen Herzen operieren?“ Wenn das so gewesen sein sollte, lässt sich feststellen: Operation geglückt, Patient erfreut sich guter Gesundheit.

Hückstädt ist ein freundlicher Mensch. Es ist keine professionelle, sondern eine echte Freundlichkeit, die aber stets in gewisser Distanz verharrt. Er trennt Beruf und Privatleben. Der Job ist das eine. Das andere ist seine Biografie. Über die wusste man fragmentarisch Bescheid, wenn man sich für das Literaturhaus und seinen Chef interessierte. Welch bemerkenswerte Wendungen sich darin tatsächlich verbergen, kann man in Ines Geipels Buch „Generation Mauer“, erschienen 2014, nachlesen. Die Schriftstellerin und Ex-Spitzen-Leichtathletin widmete Hückstädts Werdegang ein ganzes Kapitel – ein Aufwachsen in zwei Ländern, in denen die selbe Sprache gesprochen wurde und die dennoch unterschiedlicher nicht hätten sein können.

„Der Osten“, reflektiert Hückstädt heute, „hat sich immer sehr viel mehr für den Westen interessiert als umgekehrt. Als 1989 die Mauer fiel, sind zwei komplett unterschiedliche Sorten von Menschen aufeinander geprallt.“ 1989 war Hückstädt bereits in Westdeutschland.

Ein Brandenburger

Geboren wurde er 1969 in Brandenburg, in Schwedt an der Oder. Die Eltern kamen beide aus Dresden, hatten Kunst studiert und waren 1966 nach Schwedt gekommen. Eine ganz eigene Landschaft, das Oderbruch. Dort begann Hückstädts Pumpe zu schlagen. Wenn man heute, in seinem klar gegliederten Büro im Literaturhaus, von dem man aus hinunter auf die Schöne Aussicht und den Main blickt, über die DDR spricht und über seine Prägung darin, wird er sehr offen: „Die Welt, in der ich heute lebe, kommt mir aus damaliger Sicht geradezu unvorstellbar vor.“ Und die DDR? „Das war ein brutales Land, zum einen, aber auch ein ängstliches Land, das von ängstlichen Menschen regiert wurde und verängstigte, konsequent apolitische Menschen hervorgebracht hat.“ Und er fügt hinzu: „Es klingt zynisch, aber der Vorzug einer Diktatur ist der, dass sie die Kunst wirklich Ernst nimmt. Wenn auch nur als Gegner.“

Womit wir wieder bei seinen Eltern wären. Die trennten sich, Hückstädt zog für kurze Zeit mit dem Vater nach Berlin, dann mit dessen neuer Frau zurück nach Schwedt; 1983 stellte die Patchworkfamilie einen Ausreiseantrag; im Februar 1984 siedelte sie nach Hannover über. Zu diesem Zeitpunkt war Hauke Hückstädt Spitzen-Nachwuchssportler: DDR-Vizemeister seiner Altersklasse im Ruder-Vierer, Schlagmann und Sprecher seiner Mannschaft. Als sich die Nachricht vom Ausreiseantrag im Verein herumsprach, wurde er entfernt. „Staatsverräter“, das war das Wort, das man dem seinerzeit Vierzehnjährigen zum Abschied hinterherrief. Im Westen war es vorbei mit dem Rudern. Heute läuft er. Von seiner Wohnung auf der Eschersheimer Landstraße zum Niddapark und an guten Tagen noch weiter. Wenn er Zeit hat. Im vorvergangenen Jahr ist Hückstädt zum zweiten Mal Vater geworden. Seine Frau ist Kinderärztin. Die beiden haben sich in Göttingen kennen gelernt, wo Hückstädt das Literarische Zentrum nicht nur geleitet, sondern zunächst als Ein-Mann-Betrieb aufgebaut hat.

Hinter Hückstädts leisem Auftreten steht ein Mensch mit Durchsetzungsvermögen und Ideenreichtum. „Ich habe“, sagt er, „in meinem beruflichen Leben noch nie etwas freiwillig abgebrochen, wenn ich es erst einmal angefangen habe.“ In der Schule in Hannover kam der 14 jährige nach der Ausreise aus der DDR nicht sonderlich gut zurecht. Aber er begann, Briefe zu schreiben. In die alte Heimat, an Freunde und Verwandte. „Was sich dort offenbar herangebildet hat“, sagt Hückstädt heute, „ist eine Kultur der Empfindsamkeit. Das hatte auch mit Sehnsucht zu tun, mit den Königskindern, die nicht zueinander kommen konnten.“ Ein literarischer Topos. Und trotzdem führte Hückstädts Weg zunächst in eine andere Richtung: Er ging nach der mittleren Reife von der Schule ab und absolvierte eine Tischlerlehre. Geschrieben hat er damals schon. Als sein Vater nach der Wende seine Stasi-Akte einsah, fand sich darin die Fotokopie eines frühen Prosatextes des Sohns.

Ein Planer

Hückstädts Biografie ist nicht die gerade Linie, nicht auf den ersten Blick. Nach der Lehre ging er zurück an die Schule, holte sein Abitur nach, arbeitete als Taxifahrer und Rettungssanitäter und begann dann ein Germanistikstudium mit dem Ziel, „währenddessen zum Autor zu reifen.“ Im Jahr 2001 erschien sein Gedichtband „Neue Heiterkeit“. An der Universität in Hannover stieß er zu einigen Kommilitonen hinzu, die den Literarischen Salon in Hannover gegründet hatten. Hückstädt stieg ein. Das war der Beginn seiner Karriere als Veranstaltungsplaner und –macher. Der Literarische Salon ist bis heute einer der besten Adressen in Deutschland. Und schon damals entwickelte Hückstädt eine Eigenschaft, die auch im Literaturhaus Frankfurt jeder einzelnen Veranstaltung abzulesen ist: Akribie. In Hannover war er es, der beim Aufbau für die Veranstaltungen dafür sorgte, dass die Zuhörer die Maserung der Tische quer vor sich hatten. In Frankfurt verpasste er dem Literaturhaus unter anderem erst einmal ein Facelifting: Neue Tische für die Veranstaltungen, anderes Licht, Headsets für die Gäste.

Das ist kein Spleen. Und auch keine Augenwischerei. „In jedem Theater“, sagt Hückstädt, „arbeiten etwa zehn Leute dafür, dass der Mann auf der Bühne gut dasteht. Die meisten Literaturveranstalter dagegen sind technisch auf dem Stand der 90 er-Jahre hängen geblieben.“ Eine Lesung ist für ihn nicht einfach eine Vorlesung, „da muss etwas passieren, die Atmosphäre muss stimmen. Sonst kann ich auch zu Hause bleiben und das Buch selbst lesen.“ Wie so etwas professionell aussehen kann, hat Hückstädt auf der EXPO 2000 in Hannover gelernt, als Assistent der Programmleitung des Projekts „Wörterwelt“.

Die Präsentation ist die eine Seite. Die andere ist der Inhalt. Hückstädt hat für das Literaturhaus Frankfurt einen Weg gefunden, den zunächst in der Stadt nicht sonderlich beliebten Neubau am Mainufer zu einer selbstverständlichen Größe im Kulturleben auszubauen. „Die Erwartungen“, so erinnert er sich, „waren riesig. Ich habe einfach genau so weiter gemacht, wie ich es für richtig halte. Ein Programm muss einer Stadt entsprechen.“ Das Frankfurter Publikum sei anspruchsvoll, interessiert, informiert, „die Kompetenzdichte ist ungemein hoch.“ Sein Konzept ist eine Mischung aus Stars und Nischenthemen. Wenn Jonathan Franzen einen neuen Roman veröffentlicht, ist es Hückstädts Anspruch, ihn nach Frankfurt zu holen, beispielsweise in Kooperation mit dem Schauspiel. Zugleich aber, „muss es einen Raum und eine Zeit geben, einen Lyrikband vorzustellen.“

Das funktioniert. Von 8000 auf rund 13000 Besucher pro Jahr ist der Zuspruch des Literaturhauses angewachsen; im Schnitt kommen 160 Leute zu jeder Veranstaltung. „Das ist eine Teamleistung“, sagt Hückstädt; „wir stemmen das mit dem gleichen Personal wie zuvor.“ Das heißt: „Mit 5 ¼ Mitarbeitern.“ Und einem städtischen Zuschuss von 310 000 Euro pro Jahr. Das klingt zunächst viel. Und hier kommen wir auf sensibles Terrain. Vor ziemlich exakt einem Jahr veröffentlichte Hückstädt in der FAZ einen offenen Brief an den Kulturdezernenten Felix Semmelroth, in dem Hückstädt die Stadt und deren Literaturreferentin Sonja Vandenrath mit harten Vorwürfen konfrontierte: Das Literaturreferat, so lässt sich der Vorwurf in Kürze zusammenfassen, setze sich selbst in Konkurrenz zum Literaturhaus, schade diesem durch aktive Behinderung, durch den Kampf um Drittmittel oder durch kostenlose Lesungsangebote wie beispielsweise das Lesefestival OPEN BOOKS während der Buchmesse. Hückstädts Vorwurf an die Stadt: Statische Förderung des Literaturhauses seit mehr als zehn Jahren bei gleichzeitiger eigener Expansion. Manch einer in der Stadt könnte gesagt haben: Endlich. Andere rätselten: War das der Befreiungsschlag eines Verzweifelten? Oder gar der Versuch, durch die Hintertür den eigenen Rausschmiss zu initiieren?

Nie freiwillig verzichtet

Wenn man Hückstädt gegenüber sitzt und zuhört, schämt man sich fast für derartige Gedanken. „Das war ein lange gereifter Entschluss“, sagt er. Das ist nun der Moment, in dem er beginnt, etwas schneller zu reden, impulsiver. Auch wütender. „Das Literaturhaus in seiner Geschichte“, hebt er an, „war von Beginn an zugeparkt von Harmoniebedürfnis, falschem Burgfrieden, Abhängigkeiten, Rücksichtnahmen und schlechten Einflüssen. Ich hatte den Eindruck: Hier soll sich nichts ändern.“ Von seinem Brief habe er nichts zurück zu nehmen. „Wir brauchen pro Jahr 800 000 Euro, um den Betrieb am Laufen zu halten“, rechnet er vor. Jedes Jahr eine halbe Million Drittmittelwerbung also. Das ist purer Stress. „Ich habe keine Lust“, sagt Hückstädt, „mit diesem Haus permanent bergauf fahren zu müssen. Die Tatsache, dass der Brief nicht den Gepflogenheiten entsprochen hat, interessiert mich nicht. Ich bin nicht in Frankfurt, um es mir bequem zu machen.“

Da ist er wieder – der Mann, der noch nie freiwillig etwas aufgegeben hat. Bei anderen Menschen würden sich solche Sätze nach Abschied anhören, bei Hückstädt nicht. Er springt in die Bresche für sein Haus. Er ist begeistert von seinem Team. Nein, mit Frankfurt und dem Literaturhaus ist Hückstädt noch nicht fertig. Über die Laufzeit seines Vertrages schweigt er sich aus. Das sei alles geregelt, lässt er wissen und lächelt wieder, „ich bin hier. Und ich habe auch vor, noch länger hier zu bleiben.“

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