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Der Rote Faden, Folge 253: Heiner Boehncke - Der Büchermacher

Von Seit vielen Jahren macht sich Heiner Boehncke verdient um die Erforschung des Literaturlandes Hessen. Oft gemeinsam mit Hans Sarkowicz, aber auch allein, stürzt er sich in die Materie und schreibt ein Buch nach dem anderen. Dem begeisterungsfähigen und begeisternden Literatur-Entdecker und Hessen-Erforscher gilt Folge 253 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
Heiner Boehncke in der Bibliothek des Goethe-Hauses mit seinem jüngsten Buch über Goethes unbekannten Großvater, das er gemeinsam mit Hans Sarkowicz und Joachim Seng verfasste. Foto: Salome Roessler Heiner Boehncke in der Bibliothek des Goethe-Hauses mit seinem jüngsten Buch über Goethes unbekannten Großvater, das er gemeinsam mit Hans Sarkowicz und Joachim Seng verfasste.

Wie kommt einer, der im Bergwinkel geboren wird, dort, wo Rhön, Spessart und Vogelsberg einander begegnen, dazu, unbedingt zur See fahren zu wollen? Und weshalb wird einer, der dieses Ziel mit vollem Einsatz anstrebt, schließlich Literaturprofessor?

Heiner Boehnckes Leben ist voll von wundersamen Wendungen. Doch wer ihm lauscht, während er erzählend auf seinen Lebenspfaden wandelt, zwischen Nordhessen, Göttingen und Hamburg, zwischen Bremen, Tübingen und Aix-en-Provence, bis er schließlich in Frankfurt ankommt, der begreift irgendwann: All diese Aktivitäten werden zusammengehalten von seiner Begeisterungsfähigkeit, einer nie erlahmenden Energie und ungewöhnlichen Schaffenskraft.

Der Rote Faden - 
Frankfurter im Porträt,
Societäts-Verlag 2015,
208 Seiten, Bildband,
€ 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), 
ISBN: 978-3-95542-147-2 Bild-Zoom
Der Rote Faden - Frankfurter im Porträt, Societäts-Verlag 2015, 208 Seiten, Bildband, € 19,80 (D) / € 20,40 (A) / sFr 28,50 (CH), ISBN: 978-3-95542-147-2

Geboren im März 1944, verbringt Heiner Boehncke seine ersten Lebensjahre auf der Burg Schwarzenfels oberhalb von Sinntal. Hier war die Forstverwaltung seines Stiefvaters untergebracht. Der leibliche Vater war im Oktober 1943 gefallen.

Im Marstall der Burg geht es turbulent zu. Das kleine Kind lebt dort mit der Mutter und fünf Geschwistern. Während des Krieges wohnen hier auch Soldaten. Nach dem Krieg ziehen die Amerikaner ein. Und unzählige Flüchtlinge kommen hier unter. „Ich bin nicht in einer Kleinfamilie großgeworden und auch nicht in einer Großfamilie – sondern unter sehr vielen Menschen“, sagt Heiner Boehncke. Wie sehr ihn das geprägt hat, daran lässt er keinen Zweifel.

Wir sitzen in seinem geräumigen Haus in Hochstadt bei Zuckerkuchen und Kaffee, der Blick geht in den Garten. An den Wänden hängen Kunstwerke. Seine zweite Frau Christine Herkommer ist Künstlerin. Vor 20 Jahren lernte er sie kennen.

Der Großteil von Boehnckes Bibliothek ist ausgelagert, für sie wäre hier kein Platz. In Lißberg, einem Ortsteil von Ortenberg in der Wetterau, hat Boehncke eine Wohnung. Hierher zieht sich der umtriebige Büchermensch seit 40 Jahren zum Schreiben zurück.

Als Kind kaum erzogen

Das Leben in unsteten Nachkriegszeiten fördert die Selbstständigkeit. Schon mit drei, vier Jahren spaziert der kleine Heiner, der damals noch Heinrich hieß, ganz allein ins Dorf. Im Dorf geht er betteln, von Tür zu Tür. Spannend war das, ein Nestflüchtling sei er gewesen. Die Mutter hat gar keine Zeit, auf ihn aufzupassen. „Kaum erzogen“ hätten ihn die Eltern.

Bald nach dem Krieg verliert der Ersatzvater seine Arbeit, als ihn ein Holzhändler aus der Umgebung zu Unrecht als Nazi diffamiert und bei der Spruchkammer in Schlüchtern anzeigt. Später wird er rehabilitiert, bis dahin aber muss er sich ein paar Jahre als Waldarbeiter verdingen. „Das waren Jahre in Not“, erzählt Boehncke. Er macht nicht viel Aufhebens davon.

Von Schwarzenfels zieht die Familie schließlich nach Rotenburg an der Fulda. Da ist Heiner Boehncke zwar immer noch ein kleiner Steppke, aber schon ein großer Leser. Als der elterliche Haushalt des Vaters in Bremen aufgelöst wurde, gelangen Kisten mit See-Romanen nach Rotenburg. Auf einer steht „Schwarzenfels“ – wie die Kindheitsburg, die ihm so viel bedeutet.

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Der rote Faden Das rote Band der Sympathie

Der Societäts-Verlag hat eine Porträtreihe aus der Frankfurter Neuen Presse aufgenommen: „Der rote Faden“ vereint 40 Frankfurter, die Großes geleistet haben.

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Eines Nachts, die Eltern sind nicht da, öffnet er sie – heimlich. Und stellt fest: Es gibt ein stattliches Schiff gleichen Namens! „Da war’s passiert“, sagt Boehncke, und wie er das sagt, schwingt die Erschütterung noch heute mit. Die Burg, das Schiff, alles schießt in diesem Moment zusammen: Die Begeisterung für die Seefahrt hat ihn gepackt – für immer.

Vielleicht ist er ein Träumer, aber ein Mensch der Tat ist Heiner Boehncke auch. Kein Zauderer, sondern einer, der immer einen Dreh findet, wie man Träume wirklich werden lässt. Wie man andere überzeugt und für sich vereinnahmt. Zuerst beginnt er, in Rotenburg für die Seenotrettung zu sammeln. Mit seinen Pfadfindern unternimmt er Schlauchbootfahrten. Bei einer, von Rotenburg nach Kassel, kentern alle, „wie sich das gehört“. Und Heiner bastelt Schiffe, mit den berühmten Wilhelmshavener Modellbaubögen – „wie ein Wahnsinniger“. Schließlich ist sein ganzes Zimmer voll und noch immer hat er nicht genug von der Seefahrt. Also schickt er Briefe an Reedereien. Als „Oberstudienrat Dr. Heinrich Boehncke“ bittet er um Unterrichtsmaterial. Täglich bringen von nun an Pakete Material aus aller Welt: Weltkarten, Wimpel, Fotografien. Heiner kann sein Glück kaum fassen.

Die Seefahrt ist für den Jungen in Rotenburg nicht nur die weite, sondern auch die heile Welt. Zu Hause ist der Krieg noch gegenwärtig. Der leibliche Vater war ja gefallen, alle Brüder der Mutter auch. Das Kind merkt sehr wohl, wie viele Leute Dreck am Stecken haben. Warum ist der jüdische Friedhof so verwahrlost?, fragt es sich. Die See, sagt Boehncke heute, war „eine saubere Fläche. Das war eine Alternative“. Sein bester Freund und er schwören Blutsbrüderschaft. Sie werden beide zur See fahren!

„Als Kind kapiert man nichts, aber man weiß doch schon, was Angst ist“, sagt Boehncke. Wie ein Schleier liegt die Trauer über die Judenverfolgung über allem: „Man konnte Traurigkeitsanfälle kriegen.“ Man konnte aber auch ungeheuerliche Abenteuer erleben. Lust und Angst, Zähneklappern und Freudentaumel lagen eng beieinander, erinnert sich Boehncke: Mit 14 Jahren hat er einen Freund, dessen Vater eine Kfz-Werkstatt besitzt. „An den Wochenenden sind wir mit den Autos der Kunden Rennen gefahren.“ Mit 19 stirbt sein nächstälterer Bruder. Er litt an Epilepsie.

Ein Sonderling wird der Junge über all dem nicht. Das Feuer, andere anzustecken, lodert früh in ihm. Banden und Geheimbünde sind seine Welt. Da geht es nicht zimperlich zu. „In meiner schönsten Bande, der Schwarzen Rose, mussten die Mädchen ebenfalls Mutproben machen.“ Mädchen sind immer dabei, wie selbstverständlich. Boehncke ist gern der Anführer, und auf der Suche nach Abenteuern sowieso – auch geistigen: „Gleichzeitig haben wir Philosophiekurse belegt, meine Büchersammlung wuchs und wuchs.“

Mit 17 dann das „jähe Ende – ich wollte mal von zu Hause abhauen“, erzählt Boehncke. Was er prompt tut. Er trampt nach Hamburg. Verdient sich sein Geld, indem er in einem Bananenschuppen am Hafen geplatzte Säcke aussortiert. Spricht die Kapitäne der großen Frachter an. Und sie zeigen ihm ihre Schiffe, einfach so. Dass das geht! Dass man das darf! Man muss sich nur trauen zu fragen. Boehncke staunt noch heute. „Schauerlich interessant“ sei diese Ausreißerfahrung gewesen.

Der Stiefvater handelt weise. Er beschließt, den zurückgekehrten Jungen zu kurieren. Schickt Heiner für sechs Wochen auf eine Ostsee-Schule. Dort darf er auch auf einem Seenotrettungskreuzer mitfahren. „Das war das Allergrößte.“ Doch bei einer Sprungübung vom Rettungsmast verletzt sich der drahtige Junge schwer. Mit dem Nacken gerät er zwischen zwei Taue: „Das war der Moment, an dem ich meine Seefahrtsträume beerdigte.“

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