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Sterbehilfe: Helga Liedtke will dem Tod den Schrecken nehmen

Ausgerechnet Helga Liedtke. Sie, die so gern lacht. Die von sich sagt, dass sie schon immer eine große Klappe gehabt habe. Und der die Lehrer einst ins Schulzeugnis schrieben, dass ihr die Ernsthaftigkeit fehle. Ausgerechnet sie ist Ansprechpartnerin für das ernsteste Thema, das man sich vorstellen kann. Die 75-Jährige engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS).
„Es soll einen Schlag tun –und weg bin ich.“ Helga Liedtke. Foto: Holger Menzel (Holger Menzel) „Es soll einen Schlag tun –und weg bin ich.“ Helga Liedtke.
Frankfurt. 

Ein merkwürdiger Gegensatz? Nicht bei Helga Liedtke, der pensionierten Chefsekretärin – „ich war immer der Vorzimmer-Drachen“. Denn es hat auch etwas Befreiendes, wie offen sie über einen Bereich spricht, der für viele ein Tabu ist. Ja, sagt sie irgendwann, sie erlebe das öfters, dass Menschen panische Angst davor hätten, über das Lebensende mit ihren Angehörigkeit zu reden. Natürlich sei der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit nicht sonderlich angenehm, räumt sie ein. Andererseits habe es etwas Beruhigendes, wenn man seine Angelegenheiten geordnet habe – Stichwort: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Testament und ähnliches. „Regelt eure Sachen“, empfiehlt Helga Liedtke deshalb immer wieder, in Beratungsgesprächen für die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) ebenso wie bei privaten Unterhaltungen im Bekanntenkreis.

Ende & Selbstbestimmung

So wie es einst ihr Mann Dieter machte, als er vor 35 Jahren die Diagnose „Verdacht auf Kehlkopfkrebs“ erhielt. Der Gedanke, dass er am Ende seines Daseins Ärzten und Maschinen ausgeliefert sein könnte, die sein Leben mit allen Mitteln zu erhalten versuchen, war ihm und auch seiner Frau ein Gräuel. Deshalb traten beide am 1. Mai 1983 in die DGHS ein, die erst zweieinhalb Jahre zuvor gegründet worden war. Ziel des Vereins: die Selbstbestimmung von Menschen zu erhalten, gerade beim Sterben. Ganz im Sinne Dieter Liedtkes. „Er war einer, der sich absichern musste“, erinnert sich Helga Liedtke heute. „Am liebsten hätte er sich noch einen Revolver gekauft.“ Stattdessen engagierte er sich trotz mehrerer Krebserkrankungen für die DGHS, baute deren Kontaktstelle Rhein-Main für Hessen und Rheinland-Pfalz auf, immer unterstützt von seiner Frau.

Ihm selbst blieb es übrigens erspart, das Thema Sterbehilfe am eigenen Leib zu erfahren. Im Jahr 2004 sei er eines Morgens einfach aus dem Bett gefallen, sagt Helga Liedtke. Herzinfarkt. „Als der Notarzt kam, habe ich gleich mit der Patientenverfügung gewedelt.“ Der Mediziner beruhigte sie: Er sehe, dass ihr Mann im Sterben liege – „da machen wir nichts mehr“. So schlief der 77-Jährige noch am selben Tag ein, friedlich, ohne Schmerzen und langes Siechtum. Wie er es sich gewünscht hatte. Was Helga Liedtke, bei aller Trauer, den Abschied erleichterte. Sie setzte seine Arbeit bei der DGHS-Kontaktstelle für Hessen fort.

Ein rasches Ende wie bei ihrem Mann erhofft sie sich irgendwann auch für sich selbst: „Es soll einen Schlag tun, und weg bin ich – in Ruhe und ohne Anstrengung.“ Und wenn es anders kommt? Für diesen Fall, sagt die 75-Jährige offen, habe sie Tabletten – „auch wenn ich nicht weiß, ob ich den Mut hätte, sie zu nehmen“. Aber schon die Tatsache, dass sie die Medikamente besitzt, in greifbarer Nähe, ist für sie beruhigend. Denn eines sei ihr wichtig, sagt sie immer wieder. Jeder Mensch müsse das Recht haben zu sagen: „Ich will nicht mehr.“ Und die Freiheit, diesen Satz in die Tat umzusetzen. Das schließe auch die ärztliche Hilfe zum Freitod ein, ohne dass die Mediziner danach strafrechtlich belangt würden. Also die aktive Sterbehilfe, wie sie in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist. Oder zumindest die Möglichkeit zur Freitod-Begleitung wie in der Schweiz. „Warum sollte es so etwas bei uns nicht geben?“, fragt Helga Liedtke.

Doch was ist mit den Kritikern, die aktive Sterbehilfe mit Blick auf das nationalsozialistische Euthanasie-Programm zur Ausrottung „lebensunwerten Lebens“, zum Beispiel behinderter und geisteskranker Menschen, ablehnen? Die 75-Jährige hält dagegen: „Das wird uns immer wieder vor die Füße geworfen. Es war furchtbar, was da geschehen ist. Aber es kann doch heute, nach 70 Jahren, kein Argument mehr sein. Was bleibt uns denn dann sonst noch? Vor den Zug springen oder vom Hochhaus?“

Und dann erzählt sie von den Anfragen, die sie bei der DGHS-Kontaktstelle immer wieder bekommt. Von Menschen, unheilbar krank, die sie um Unterstützung bitten. Und zwar nicht nur um Beratung in Sachen Patientenverfügung und Betreuungsvollmacht. Zum Beispiel jene alte Krankenschwester, weit über 80 Jahre alt, schwer krank, die sich Beistand beim Freitod wünscht. Nein, lehnt Helga Liedtke ab: „Ich darf damit nichts zu tun haben.“ Ob sie nicht an einem bestimmten Tag, den sie ihr nenne, in ihre Wohnung gehen und alles weitere veranlassen könne, fragt die alte Frau. Helga Liedtke stimmt zu – wissend, dass die Kranke ihr Leben beenden will. Eine Entscheidung, die sie respektiert: „Darüber habe ich nicht zu richten, wenn jemand beschließt, ,ich habe mein Leben gelebt, ich will nicht mehr’.“ Mit Hilfe einer Insulinspritze, die sie sich selbst setzt, stirbt die Frau. Am nächsten Tag findet Helga Liedtke sie, das Gesicht faltenfrei und friedlich, „wie ein kleines Kindergesicht“.

Tod & Befreiung

Dreimal hat sie so etwas erlebt, hat sie Menschen diesen Dienst erwiesen: Nie habe sie Angst gehabt, die Toten zu finden, sagt sie. Nur manchmal sei der Gedanke in ihrem Kopf herumgegeistert, ob sie nicht doch hätte versuchen sollen, sie von ihrem Sterbewunsch abzubringen. Andererseits: „Es gibt Menschen, die sind so bestimmt. Die wissen ganz genau, was sie tun. Eine Dame hatte an Bildern, Zettel, was für wen sein sollte. Das war alles so wohlüberlegt, so geregelt. Die haben nichts zurückgelassen, was nicht in Ordnung war. Das war beruhigend.“ Der Tod nicht als Schrecken, sondern als Befreiung. Und warum, fragt Helga Liedtke, sollen Menschen dabei keine Hilfe bekommen dürfen?

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