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Jugendhaus Sankt Peter: „Hip-Hop ist so wichtig wie ein Gottesdienst“

Das eine Kirche auch ein Jugendkulturhaus sein kann, zeigt die Jugendkirche Sankt Peter sein 10 Jahren. Skeptiker gibt es zwar noch immer. In der Jugendarbeit hat sich aber einiges verändert.
„Fast eine Party“ heißt die Wohnzimmerfeier in der Jugendkultur-Kirche St. Peter. Noch warten alle darauf, dass es losgeht. Bilder > Foto: Leonhard Hamerski „Fast eine Party“ heißt die Wohnzimmerfeier in der Jugendkultur-Kirche St. Peter. Noch warten alle darauf, dass es losgeht.
Innenstadt. 

Langsam trudeln die Ersten zur Wohnzimmerparty ein. Die wenigen sitzen, warten und knabbern Chips und Erdnüsse, die wie bei Oma in kleinen Schüsseln auf jedem Tisch stehen. Einer ist Sebastian Rodriguez. Mit seiner Band „Ground&Sight“ hat er hier in der Jugend-Kultur-Kirche an der Bleichstraße einen Auftritt. Fast jeden Tag sei er in der Jugendkirche, sagt er. Seine Band könne hier kostenlos proben. Als Bezahlung spielten sie bei Gottesdiensten und Veranstaltungen. So wie bei der Wohnzimmerparty am vergangenen Samstag, die eigentlich eine Geburtstagsfeier ist. Seit zehn Jahren gibt es St. Peter nämlich schon.

Wie einen herkömmlichen Jugendclub darf man sich die Kirche nicht vorstellen. Jugendliche kommen hier nicht nach der Schule her, zum Kickerspielen und um rumzuhängen. St. Peter ist ein Veranstaltungshaus, das Konzerte und Workshops organisiert. Was 14-25Jährige interessant finden: Wie man Theater spielt, Youtube-Videos macht oder als Diskjockey Musik mischt. Die allermeisten Veranstaltungen kosten Geld, sagt Rodriguez.

Am Anfang stand Skepsis

Von der Idee, in der Peterskirche eine Jugendeinrichtung entstehen zu lassen, waren anfangs nicht alle begeistert. Biedert sich die Kirche den Jugendlichen an und vernachlässigt die eigenen Werte? Würden partywütige Jugendliche die Grabplatten der Peterskirche beschädigen? Oder könnte St. Peter zu einer Konkurrenz für andere evangelische Gemeinden werden und ihnen die Jugendarbeit noch schwerer machen, als sie ohnehin schon ist? Von all diesen Befürchtungen habe sich keine bewahrheitet, sagt Eberhard Klein, Geschäftsführer der Jugend-Kultur-Kirche. Die Konfirmationsfeiern eskalierten nicht. Den Grabplatten ginge es gut.

Dennoch gebe es noch Skeptiker. „Normale Kirchengemeinden ticken anders,“ sagt Klein. „Bei uns ist der Hip-Hop-Workshop genauso wichtig wie der Gottesdienst. Das finden nicht alle gut.“ Zwar müssten Besucher keine Angst, haben missioniert zu werden. Das Thema Religion komme dennoch häufig auf. In der Seelsorge sowieso. Doch auch bei Konzerten, etwa wenn ein Musiker sich wundert, weil er nie geglaubt hätte, mit seinem Gangster-Rap einmal in einer Kirchen aufzutreten. „Dann fragt man ihn, wie er denn die Institution Kirche sehe, sagt Klein. Schon komme man ins Gespräch über den Glauben und dann auch über Gott. „Auch bei Jugendlichen gibt es ein Bedürfnis nach Spiritualität“

Die Arbeit der Jugend-Kultur-Kirche entlarvt auch andere Vorurteile gegenüber Jugendlichen als falsch. Etwa besuchen teils über hundert junge Leute Literaturveranstaltungen in St. Peter. Ja, auch die Jugend liest. Mit pauschalen Aussagen über die 14-25 Jährigen hat Klein allerdings so seine Problemen. Er spricht lieber von „Teilzielgruppen“. Die Jugendkulturen hätten sich in den vergangenen 10 Jahren sehr ausdifferenziert, sagt er. Manchmal glaube er, dass die unterschiedlichen Milieus und Szenen gar nicht mehr miteinander redeten. „Es gab regelrechte Entfremdungsschübe in den vergangenen 10 Jahren.“

Die Ursachen zu benennen sei schwierig , sagt Klein. Vielleicht liege es daran, dass Jugendliche in Ganztagsschulen weniger Zeit hätten, die sie selbst gestalten könnten. Eine Rolle spielt sicher auch, dass Smartphone und Internet wichtiger geworden sind. Mit der digitalen Welt entstand ein neuer Begegnungsort. Auch wer bei St. Peter seelsorgerische Betreuung sucht, schreibt als erstes eine Mail. Im Netz muss daher auch St. Peter seine Kunden ansprechen. „Von den Youtube-Workshops verspreche ich mir, dass uns die Youtuber im Internet bekannter machen“, sagt Klein.

Großer Markt, wenig Zeit

Nur eine allgemeine Aussage formuliert Klein dann doch. Die Jugendlichen seien unverbindlicher geworden. Für die Veranstaltungen meldeten sie sich meist erst im letzten Moment an. „Der Markt der Möglichkeiten ist heute größer, die frei gestaltbar Zeit knapper. Wer will sich da schon festlegen?“

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