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Interview mit Christof Mandry: Hitler als Baby töten? Das sagt ein Frankfurter Theologie-Professor dazu

Ein Gedankenspiel, das – zumal am heutigen Geburtstag des berüchtigten Diktators – fasziniert, aber auch Tabus berührt. Ist es moralisch in Ordnung, mit einer Zeitmaschine zurückzureisen und Adolf Hitler als Baby zu töten?
Der spätere Nazi-Führer Adolf Hitler als Baby um 1890. Foto: dpa Der spätere Nazi-Führer Adolf Hitler als Baby um 1890.
Ein Gedankenspiel, das – zumal am heutigen Geburtstag des berüchtigten Diktators – fasziniert, aber auch Tabus berührt. Mit einer Zeitmaschine zurück reisen und Adolf Hitler als Baby umbringen: Ist das moralisch in Ordnung? Wir haben Professor Christof Mandry, katholischer Theologe und Ethiker an der Uni Frankfurt, dazu befragt.

Gäbe es eine entsprechende Zeitmaschine, die einen in die Lage versetzt: Wäre es dann ethisch gerechtfertigt, Adolf Hitler als Baby zu töten?

Dr. Christof Mandry, Professor für Moraltheologie/Sozialethik an der Uni Frankfurt. Bild-Zoom Foto: Goethe-Universität/Dettmar
Dr. Christof Mandry, Professor für Moraltheologie/Sozialethik an der Uni Frankfurt.
Christof Mandry: Ein verführerischer Gedanke – den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und alles Übel des 20. Jahrhunderts vermeiden, indem man einfach Adolf Hitler schon als Kleinkind tötet! Er setzt aber voraus, dass Hitler die Alleinschuld für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hatte und ohne ihn alles völlig anders und vor allem viel besser verlaufen wäre. So einfach aber kann man nicht alle Verantwortung auf Hitler abschieben und damit ausblenden, dass ihn ja viele begeistert unterstützt haben.

 

Also wäre die Überlegung mit der Zeitmaschine moralisch bedenklich?

Ja. Und paradox ist sie auch. Denn sie suggeriert, man dürfe Hitler als Kleinkind hinrichten für Verbrechen, die er noch gar nicht begangen hat und diesem Szenario zufolge ja auch nie begehen wird. Ein Präventivmord bleibt aber ein Mord. Wenn man sich einmal in die Logik dieses Gedankenexperiments begibt, erhebt sich außerdem sofort die Frage, wen man noch alles töten müsste, um die Geschichte zu verbessern. Damit landet man schließlich in der Gegenwart beim sogenannten targeted killing des Drohnenkrieges, das ja auch „nur Terroristen“ aus dem Weg räumen soll, um größeren Schaden zu vermeiden. Aber wie wir alle wissen, sind die politischen Folgen katastrophal und Hass und Gewalt werden dadurch in der Welt nur weiter verbreitet.
 
Hinter der Frage steckt ja eine utilitaristische Grundannahme, wonach eine Handlung genau dann moralisch richtig ist, wenn sie das Wohl der Allgemeinheit steigert. Selbst wenn man diese Annahme akzeptiert, bliebe dann doch immer noch die spekulative Frage: Wären Gräueltaten wie der Holocaust ohne Hitler wirklich nicht passiert?

Die Frage, ob der Holocaust ohne Hitler nie passiert wäre, kann niemand beantworten. Aber ich finde die Ansicht irreführend, der Holocaust sei allein und ausschließlich auf Hitler zurückzuführen und seine Ermordung wäre der einzige oder der beste Weg dazu gewesen, dies zu verhindern. Tatsächlich hätte der Holocaust ja verhindert werden können, wenn nicht so viele mitgemacht hätten, sondern sich nationalsozialistischem und rassistischem Gedankengut entschieden in den Weg gestellt hätten.

Bleiben wir dennoch kurz bei der Zeitmaschine. Gibt es denn ethisch unbedenklichere Alternativen? Wenn ich, anstatt Baby Hitler zu töten, es entführe und in ein Kinderheim in Australien gebe – oder verhindere, dass sich seine Eltern jemals begegnen?

Diesseits der historischen Spekulation ist ja die ethische Kernfrage, ob Kindesentführung zum „Wohl der Allgemeinheit“ ethisch legitim ist. Nun sind wir gerade aufgrund der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus der Überzeugung, dass das Wohl der Allgemeinheit am ehesten gewahrt ist, wenn die Menschenrechte beachtet werden. Kindesentführung ist aber eine Menschenrechtsverletzung, auch wenn das Kind in ein noch so tolles Kinderheim gesteckt wird. Gerade heute sollten wir uns den verführerischen Stimmen verweigern, die uns einflüstern wollen, das allgemeine Wohl sei nur durch Menschenrechtsverletzungen zu erreichen!

Warum, glauben Sie, ist dieses Gedankenspiel für viele Menschen, selbst ohne großen philosophischen  Hintergrund, derart faszinierend?

Die Idee mit der Zeitmaschine ist deshalb so verführerisch, weil alle Menschen sich nach einer friedlicheren und gerechteren Welt sehnen. Das Zeitmaschinen-Gedankenspiel suggeriert, das sei mit wenigen Eingriffen in den Geschichtsverlauf zu erreichen. Einen solchen Zauberstab gibt es aber nicht. Frieden und Gerechtigkeit sind nur durch entschiedenen, überlegten und nachhaltigen Einsatz für die Menschenrechte zu erreichen.

Dieser (von Mercedes nicht autorisierter) Videoclip einer Filmhochschul-Studentin greift das Thema "Hitler als Baby töten" auf:

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