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Der rote Faden, Folge 200: Ilse Schreiber: Die Wurst-Ilse

Bei ihr stärkt sich die Stadt. Ilse Schreiber und ihr Wurststand in der Kleinmarkthalle sind auch in fernen Landen längst kein Geheimtipp mehr. Der Frau, die uns auf viele Weisen wärmt, widmen wir Folge 200 unserer Serie „Der rote Faden“, in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.
Bei Ilse Schreiber kommt der Frankfurter zur Ruh’. Die Fleischwürste, nach dem alten Familienrezept gemacht, sind die Spezialität im Wurstkabuff in der Kleinmarkthalle. Foto: Salome Roessler Bei Ilse Schreiber kommt der Frankfurter zur Ruh’. Die Fleischwürste, nach dem alten Familienrezept gemacht, sind die Spezialität im Wurstkabuff in der Kleinmarkthalle.
Frankfurt. 

Es gab Momente, da hat die Wurst-Ilse ihre lokale Berühmtheit unterschätzt. Da hätte sie sich lieber mal auf die Lippen beißen sollen, etwas nicht einfach nur deshalb gesagt, weil man sie gefragt hatte. Obwohl sie das mag, gefragt zu sein. Das kleine Rampenlicht, in dem sie dank einer glücklichen Fügung steht, genießt sie, daraus macht sie keinen Hehl. „Das ist doch schön, diese Anerkennung“, sagt sie. Vom geschäftlichen Nutzen nicht zu reden. „Manchmal aber“, sagt sie, „hätte ich doch lieber meinen Mund halten sollen.“

Den Film, den sie mit und für die Fraport gemacht hat, ist dafür das eindrücklichste Beispiel. Da stand Ilse Schreiber vor ihrem legendären Wurstkabuff in der Kleinmarkthalle mit ihrer selbst schon legendären Kittelschürze und erzählte von ihrer Kundschaft aus aller Welt. Von dem Amerikaner etwa, der früh morgens gelandet war und als Erstes die Kleinmarkthalle ansteuerte, weil er Hunger hatte und Appetit auf die Fleischwurst von der Schreiber, von der er in der fernen Heimat gehört hatte. Und dann, gemäß Verabredung, pries Ilse Schreiber im Video mit ihrem frankfurterisch-mainfränkisch gemischten Singsang den Flughafen. Sie hat sich da nicht verbiegen müssen, sie hat einfach gesagt, was sie denkt. Hätte sie mal besser nicht. Diplomatie, sagt sie, sei nun mal ihre Stärke nicht…

Der Streit um die Nordwestlandebahn war auf seinem Höhepunkt angelangt, die Stadt und ihre Region tief gespalten, also hatte der Flughafenbetreiber Prominente mit hohem lokalem Identifikationsfaktor um eine 60-Sekunden-Meinung gebeten. Da kam Ilse Schreiber, die Frau mit der Fleischwurst, ein Inbild an Tradition und Heimatverbundenheit, wie bestellt. Also erzählte sie von ihrem Frankfurt, dem Dorf, das zum Glück einen Weltflughafen habe. Und dass es für alle Frankfurter doch nicht verkehrt sein könne, wenn dieser Flughafen wachse. Das Fraport-Team war schwer begeistert, keine Stunde hatte es gedauert, bis die Aufnahmen im Kasten waren, mit mancher medienaffinen Lokalgröße hatten die Dreharbeiten einen Tag gedauert.

Auftritt übel genommen

Darauf ist Ilse Schreiber auch heute noch stolz. Aber ansonsten? Sie wirft kurz den Kopf in den Nacken und wehrt mit den Händen einen imaginären Feind ab. Sie kann energisch werden, bestimmt kratzbürstig, das ist unverkennbar. Es gab Leute, die haben ihr den Auftritt übel genommen, die haben schlecht über sie geredet deswegen, „so unterschwellig“, sagt sie. Die Kleinmarkthalle ist ja auch eine kleine Hölle: Die Frankfurter lieben sie, weil allein in der Metzgerzeile Stand an Stand sich reiht, weil Vielfalt und Qualität im Handumdrehen zu haben sind, weil die Gerüche und bunten Auslagen und die Enge eine Heimeligkeit verströmen, wie sie der weltgewandten Konsumstadt vielerorts abhanden gekommen ist.

Christoph Mäckler, der Star-Architekt, Hochhausbauer und Altstadt-Erneuerer, ein Waschechter, der seine Stadt liebt und deshalb ihre allgegenwärtige Verschandelung persönlich nimmt, zählt die Kleinmarkthalle zu seinen Lieblingsorten; Fleischwurst bei der Schreiber: Für Mäckler ist das Heimatliebe, die durch den Magen geht. So wie er denken viele, Schreibers Stand mit Fleisch- und Gelbwurst und würziger Krakauer trifft den Geschmack der Frankfurter und in gewisser Weise auch den sich unangepasst gebenden Zeitgeist. Ilse Schreiber könnte man so betrachtet als die Oma vom Dienst sehen. Aber es geht eben auch ums Geschäft, ums gute Leben, ums Überleben in dieser Kleinmarkthalle. „Konkurrenz“, sagt Ilse Schreiber und macht eine vielsagende Miene. Ihre Augen haben ja eine Sonnen- und Schattenseite. Wenn sie in ihrem Metier ist, vor den dampfenden Kesseln die Wurst in Portionen schneidet und mit einem lockeren Spruch über die Theke reicht, dann lassen allein ihre Augen eine Liebe zur Sache erahnen, die man nicht lernen kann. Jeder in der langen Schlange, der die Wurst aus ihren Händen empfängt, empfängt auch dieses ungemein behagliche Gefühl, die Wurst sei ihm als Herzenssache zur inneren Wärmung gereicht. Einzelhandelsstrategen nennen solche Leute „Verkaufstalente“ und versuchen in Trainings den Verkäufernachwuchs darauf zu trimmen.

Ilse Schreiber kann gar nicht anders, es ist ihre Natur. Zu dieser Natur eben gehört auch dieses andere: Fühlt sie sich angegriffen, können sich diese Augen beachtlich verdunkeln. Bei ihr geht vieles tief, sie ist ein Seismograph für Schwingungen und Stimmungen; sie war schon immer so, sagt sie. „Extrem sensibel.“ Ärger hat sie viel zu oft viel zu lange in sich reingefressen, bis es dann herausplatzte. Sie sagt es so: „Ich bin kein Säukopp, wie manche sagen. Ich nehme mir viel zu Herzen. Habe zwar ein großes Maul, aber bin eher zurückhaltend.“

Dieser Tage war wieder jemand auf sie zugekommen und hat gefragt: „Na, wie lange willste noch machen? Ihr habt doch bestimmt schon viele Häuser bei der vielen Wurst, die ihr verkauft.“ So oder so ähnlich, sagt sie, höre sie das oft. Sie versteht das auch als Aufforderung, endlich das Feld zu räumen. „Der Neid“, sagt sie. Im Februar ist sie 76 geworden. Sie denkt gar nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen, zu sehr genießt sie die Wertschätzung, die Anerkennung, den späten Lohn für ein hartes Leben auch, das sie als Metzgersgattin und Metzgerswitwe seit mehr als einem halben Jahrhundert führt. Noch bevor man sie zur Lebensbilanz befragt, sagt sie: „Doch, ich kann zufrieden zurückblicken.“

In einem Café am Liebfrauenberg unweit der Kleinmarkthalle erzählt sie an einem Herbstmorgen von diesem Leben, die erstaunlich milde Sonne vertreibt die kühlen Schatten nur allmählich. Ilse Schreiber, einzig mit einem dünnen Wolljäckchen unter der Kittelschürze bekleidet, hält sich wacker am heißen Apfelwein fest – „wir haben immer Campingurlaub gemacht, ich frier’ nicht so leicht“ – und schaut mal nach links, mal nach rechts, weil ihr unentwegt jemand auf die Schulter tippt und sie in einen kurzen Plausch zieht.

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