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Flüchtlinge: In nur einem Jahr zum Hauptschulabschluss: „Wir schaffen das“

Für eine gelungene Integration sind Sprache und Bildung maßgeblich. Beide sind Grundlage dafür, um sich in der neuen Heimat eine Existenz aufbauen zu können. Doch die Sprachkurse sind überlaufen. Bis zu zwei Jahre müssen Geflüchtete auf einen Platz warten. Die Lehrerkooperative des ASB Hessen bietet eine Alternative. Wir haben mit drei Teilnehmern gesprochen.
Fekrat, Shahmagsuod und Zmaryalai nehmen an einem Hauptschul- und Berufsvorbereitungslehrgang der ASB Lehrerkooperative teil. Foto: Holger Menzel (Holger Menzel) Fekrat, Shahmagsuod und Zmaryalai nehmen an einem Hauptschul- und Berufsvorbereitungslehrgang der ASB Lehrerkooperative teil.

Für viele Geflüchtete ist es oft schwer, einen Sprachkurs oder eine Schule zu besuchen. Die Plätze sind rar, die Wartezeiten häufig lang. Doch gute Sprachkenntnisse sind die Grundlage für einen guten Abschluss und die Möglichkeit einer Ausbildung.
Seit 1999 bietet die Lehrerkooperative des ASB Landesverband Hessen einen Hauptschul- und Berufsvorbereitungslehrgang an. In den vergangenen Jahren ist der Anteil an Bewerbern mit Fluchthintergrund enorm angestiegen, was die Lehrkräfte vor neue Herausforderungen stellte. 2016 wurde ein neues Konzept entwickelt, das jungen Leuten zwischen 16 und 25 Jahren unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus und Sprachkenntnissen helfen soll, innerhalb eines Jahres ihren Hauptschulabschluss nachzuholen. Unterricht in Deutsch, Mathe, Biologie und Politik, eine sozialpädagogische Förderung und zwei Praktika sollen sie auf das Berufsleben vorbereiten.
Die beiden Afghanen Zmaryalai (23) und Shahmagsuod (24) haben den ersten Vorkurs erfolgreich absolviert und schreiben im Mai 2019 ihre Hauptschulprüfung. Fekrat (19), ebenfalls aus Afghanistan, ist Teilnehmer des zweiten Vorkurses, der im September begonnen hat.
FNP-Mitarbeiterin Lisa Winter hat sich mit ihnen und ihren Lehrern unterhalten.

Ab hier das Interview

Warum besuchen Sie den Hauptschul- und Berufsvorbereitungslehrgang, und was haben Sie dort gelernt?

ZMARYALAI: „Bevor ich den Lehrgang besucht habe, konnte ich wenig bis gar kein Deutsch sprechen und hatte große Probleme, die Sprache zu lernen. So hatte ich auch keine Möglichkeit, einen Hauptschulabschluss zu machen. Hier habe ich dann endlich Deutsch sprechen, lesen und schreiben gelernt. Außerdem werden wir noch in Politik, Mathe und Biologie unterrichtet.“

SHAHMAGSUOD: „Bei mir war es ähnlich. Deutsch habe ich erst hier gelernt. Obwohl ich schon früher oft beim Sozialamt nach Deutschkursen gefragt habe. Aber diese Kurse muss man leider selbst bezahlen.“

FEKRAT: „Ich habe vorher schon die Realschule in Niederrad besucht. Leider habe ich es nicht allein geschafft und musste die Schule verlassen. Zwei Jahre musste ich dann warten, bis ich den Platz hier bekommen habe.“

Wieso mussten Sie zwei Jahre auf einen neuen Schulplatz warten?

ZMARYALAI: „Das ist leider normal. Wenn wir das Sozialamt oder das Jobcenter nach einem Deutschkurs fragen, müssen wir oft sehr lange auf einen Platz warten. Das Problem ist aber, dass wir mindestens Sprachniveau A 1 brauchen, um einen Hauptschulabschluss und danach eine Ausbildung machen zu können.“

Wir wird der Unterricht gestaltet, wenn die Kursteilnehmer oft gar kein Deutsch sprechen?

ZOHUR SDIRI (Deutschlehrerin): „Eine Alphabetisierung ist Grundvoraussetzung, um an dem Lehrgang teilnehmen zu können. Der Unterricht in Deutsch als Zweitsprache folgt einem eindeutigen Lehrplan, der den Schülern die Sprache in kleinen Schritten näherbringt. Generell gilt aber, dass man sich nicht entmutigen lassen darf, wenn es nur sehr langsam vorangeht. Wichtig ist es auch, immer zu wiederholen und auch kleine Fortschritte zu loben.“

ULLI HARTWIG (Politiklehrer): „Ich habe schnell gemerkt, dass man ziemlich flexibel sein muss und die Inhalte vielleicht nicht immer in dem gewünschten Tempo bearbeiten kann. Aber über Umwege geht es dann meistens doch. Politik ist ja auch ein weites Feld, und wir haben lange über die Demokratie in Deutschland diskutiert. Es war mir wichtig, das Demokratieverständnis der Schüler auszuweiten und zu zeigen, wo sie überall wie mitbestimmen können.

Zu Ihrer Ausbildung gehören auch dreiwöchige Praktika. Wo haben Sie diese absolviert?

ZMARYALAI: „Ich war bei einem Toom-Baumarkt. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt und wollte gerne einen Minijob oder eine Ausbildung machen. Das geht aber erst, wenn ich meinen Hauptschulabschluss gemacht habe.“

FEKRAT: „Ich wollte schon immer eine Ausbildung zum Fliesenleger machen. Jetzt muss ich aber erst mal schauen, dass ich die Schule schaffe. Wenn möglich, möchte ich auch gern einen Realschulabschluss machen.“

SHAHMAGSUOD: „Ich war bei einem Automechaniker. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, das Handwerkliche ist auch kein Problem für mich. Nur mit der Sprache ist es manchmal noch schwierig. Der Chef hat mir einen Ausbildungsplatz angeboten. Aber erst in drei Jahren. Da bin ich wieder in Afghanistan, habe ich ihm gesagt. Wenn ich keinen Ausbildungsplatz finde, werde ich abgeschoben.“

Wie steht es denn momentan um Ihren Aufenthaltsstatus in Deutschland?

SHAHMAGSUOD: „Im Mai nächstes Jahr habe ich mein zweites Interview, dann wird über meine Aufenthaltsgenehmigung entschieden wird. Seit drei Jahren warte ich darauf. Für uns Afghanen ist es sehr schwer, eine Genehmigung zu bekommen. Es kommt sehr darauf an, aus welcher Stadt man kommt und ob man politisch verfolgt wurde.“

ZMARYALAI: „Ich hatte zwei Interviews und warte noch auf eine Entscheidung. Alle sechs Monate bekomme ich eine neue Duldung. Shahmagsuod und ich wohnen auch noch in einer Flüchtlingsunterkunft. Mit 150 anderen.“

FEKRAT: „Seit 2014 bin ich in Deutschland, weil meine Familie in Afghanistan politisch verfolgt wurde. Ich habe die Genehmigung.“

Und was haben Sie in Afghanistan für eine Ausbildung gemacht?

SHAHMAGSUOD: „Ich bin sechs Jahre zur Schule gegangen und habe dann angefangen, als Reifenverkäufer zu arbeiten. Da war ich ungefähr 14 Jahre alt. Mit 18 Jahren wurde ich Geschäftsleiter.“

ZMARYALAI: „Ich hatte viele verschiedene Jobs. Von der Soldatenausbildung bis zur Garten- und Bauarbeit. Ich war sieben Jahre in der Schule, habe nebenher aber immer gearbeitet.“

FEKRAT: „Bevor wir nach Pakistan flüchten mussten, war ich bis zur 7. Klasse in der Schule.“

Welche Unterschiede gibt es zwischen einer Ausbildung in Deutschland und in Afghanistan?

ZMARYALAI: „In Afghanistan findet man viel leichter eine Arbeit. Hier braucht man einen Schulabschluss und Praktika. Ohne das kannst du hier gar nichts machen. Und für alles braucht man Zertifikate oder Zeugnisse.“

Und wann machen Sie Ihren Abschluss?

SHAHMAGSUOD: „Nächstes Jahr im Mai sind die Prüfungen. Wenn ich bestanden habe, bewerbe ich mich direkt auf einen Ausbildungsplatz.“

SASKIA BARTLOCK (Hauptschulleitung): „Auch wenn ich oft ihr Wörterbuch bin, fragen sie immer nach guten Wörtern. Sie erscheinen regelmäßig und arbeiten gut mit. Da sehe ich keine Probleme.“

ZMARYALAI: „Wir schaffen das. Und dann machen wir eine große Party. Tanzen und Feiern den ganzen Tag lang.“

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