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Hitzewelle: Interview mit Klimaforscher Prof. Dr. Joachim Curtius: „Wir sind es!“

Ein Super-Sommer, Medienberichte über eine drohende „Heißzeit“: Der Klimawandel ist zurück in den Schlagzeilen. Prof. Dr. Joachim Curtius ist experimenteller Atmosphärenforscher an der Goethe-Universität. Was es mit diesem heißen Sommer und dem Klimawandel auf sich hat, verrät er Redakteur Thomas J. Schmidt.
Prof. Dr. Joachim Curtius lehrt an der Goethe-Uni und ist einer der gefragtesten Forscher Deutschlands, wenn es um Wetter- und Klimaphänomene geht. Foto: Salome Roessler Prof. Dr. Joachim Curtius lehrt an der Goethe-Uni und ist einer der gefragtesten Forscher Deutschlands, wenn es um Wetter- und Klimaphänomene geht.

Herr Professor Curtius, ist dieser Sommer noch ganz normal?

PROF. JOACHIM CURTIUS: Er ist außergewöhnlich. Für Deutschland und Mitteleuropa ist es ein Ausnahmesommer. Es gab hier Temperaturen nahe 40 Grad. Das ist außergewöhnlich, wenn man es mit den Sommern der vergangenen 150 oder 200 Jahre vergleicht, über die wir Messdaten haben. Auch was die Trockenheit angeht.

Ist das jetzt ein Indiz für den Klimawandel? Und wäre ein kalter, verregneter Sommer ein Indiz für das Gegenteil?

CURTIUS: Man muss beim Wetter mit Einzelereignissen vorsichtig sein. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Was uns Sorgen macht, ist die Häufung. Die Sommer 2003 und 2006 waren ungewöhnlich heiß, 2010 war in Osteuropa heiß und trocken, der Sommer 2015 brachte gar Rekordtemperaturen – diese Häufung innerhalb von 15 Jahren ist sehr ungewöhnlich. Schon der Sommer 2003 war weit außerhalb der natürlichen Schwankungen von 1000 Jahren. Und jetzt haben wir schon zum fünften Mal so einen Ausreißer. Es sieht also nach einer massiven Veränderung aus.

Thomas J. Schmidt im Gespräch mit Prof. Dr. Joachim Curtius. Bild-Zoom Foto: Salome Roessler
Thomas J. Schmidt im Gespräch mit Prof. Dr. Joachim Curtius.

Das Klima ist schon verändert? Es ist keine Zukunft, sondern Gegenwart?

CURTIUS: Ja, da sind wir Klimaforscher uns ziemlich sicher.

Aber gab es nicht immer schon Zyklen? In den 30er Jahren war es kälter, dann seit den 70ern wird es wärmer. Schwingt das Klima nicht auch ganz von alleine?

CURTIUS: Ja, das stimmt, und man weiß nicht genau, warum es in bestimmten Jahren oder Jahrzehnten beispielsweise mehr Hurricans gibt. Dennoch halte ich es für vermessen zu sagen, dass die Erwärmung nur ein natürlicher Zyklus ist. Wir haben viele Belege dafür, dass die Treibhausgase das Klima erwärmen. Wir sind es! Und die vielen heißen Sommer jetzt liegen sogar über dem, was wir erwartet haben. Wir brauchen zusätzliche Mechanismen.

Was wäre denn ein solcher Mechanismus?

CURTIUS: Die Jetstreams werden diskutiert. Es sind schnelle Winde in zehn Kilometern Höhe. Sie sind immer da, und die Bahnen dieser Winde bestimmen die großräumigen Wetterlagen. Die Idee ist nun, dass – weil die Arktis sich stärker erwärmt als die mittleren Breiten, der Temperaturunterschied also abnimmt – die Jetstreams einen Bogen – praktisch wie eine stehende Welle – um Europa herum machen und dadurch sogenannte blockierende Wetterlagen fördern, so wie im Sommer 2018.

Wir werden also mehr solche Sommer erleben?

CURTIUS: Ja, mehr als im 20. Jahrhundert. Und die Winter werden milder.

Also Wintersport adé?

CURTIUS: Ja, in den Alpen wird es schwieriger. Auch die Baumgrenze wird ansteigen . . .

Mal gegen den Strich gebürstet: Das mittelalterliche Klimaoptimum um 1200 war eine gute Zeit. Irische Mönche sollen Wein angebaut haben, Bauern konnten mehrmals ernten, die Bevölkerung wuchs, Städte wurden gegründet. Dann wurde es wieder kalt, und auf dem Höhepunkt der „kleinen Eiszeit“ um 1600 waren im Frühsommer noch manchmal die Flüsse zugefroren. Also frage ich: Ist es nicht gut, wenn’s schön warm ist? Wäre nicht eine Abkühlung viel gefährlicher? Sollten wir uns nicht freuen?

CURTIUS: Eine Abnahme der Temperatur wäre sicherlich ebenso bedrohlich wie eine Zunahme, keine Frage. Aber wir sind in einer Erwärmung. In Europa könnten wir davon profitieren, bessere Ernten vielleicht, wenn die Niederschläge nicht ausbleiben. Es wird sicher Gewinner geben, etwa Kanada oder Russland . . .

Die Atmosphäre im Blick

Prof. Dr. Joachim Curtius (48) ist verheiratet und hat drei Kinder. An der Goethe-Universität ist der Physiker Professor am Fachbereich Geowissenschaften/Geographie am Institut für Atmosphäre

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Man kann sieben Milliarden Menschen viel leichter ernähren, wenn dort die Flächen auftauen und bebaut werden können . . .

CURTIUS: Aber umgekehrt, wenn Indien und Bangladesh unbewohnbar werden – und es gibt entsprechende Abschätzungen, dass das geschehen könnte – dann werden die Menschen nicht einfach nach Grönland oder Sibirien gehen können. Der Mittelmeerraum wird trocken werden, der Persische Golf Temperaturen von 50 oder 60 Grad erleben, regelmäßig. Dort wird niemand mehr leben können. Das wird auch auf uns massive Auswirkungen haben.

Sie würden also sagen, dass der Klimawandel mehr Nachteile bringen wird als Vorteile?

CURTIUS: Ganz klar: Ja. Das Wetter wird extremer, und alleine die Extreme bringen Kosten mit sich, etwa für den Küstenschutz . . .

Andererseits, es wird mehr Reis geerntet. Reis profitiert vom Kohlendioxid in der Luft, ist das nicht ein Vorteil? Es gibt ja auch weniger Hungertote als vor 40 Jahren . . .

CURTIUS: Glücklicherweise verhungern weniger Menschen, ja. Ob das am Kohlendioxid liegt oder an besseren Reissorten, besserer Düngung und so, müsste man untersuchen. Aber wenn wir mit steigender Temperatur einen Tipping-Point erreichen, ist die Menschheit darauf nicht vorbereitet. Es könnten Millionen Menschen verhungern, vielleicht hunderte Millionen Menschen wegen des Klimas flüchten. Das ist ein Risiko.

Was sind Tipping-Points?

CURTIUS: Ein Vergleich: Beim Autofahren lenke ich nach rechts und fahre nach rechts. Wenn ich stärker lenke, fahre ich stärker nach rechts. Aber wenn ich noch ein bisschen stärker lenke, fliege ich aus der Kurve. Es passiert schlagartig etwas völlig anderes. Das wäre ein Tipping-Point. Wir haben das im Klima schon gesehen bei der großen Meereszirkulation. Dort erkennen wir, dass sie schlagartig zusammenbrechen kann und es zu einem schnellen Wechsel von Eiszeit zu Warmzeit und zurück kommen kann. Es gibt viele solcher Systeme. Der Amazonas-Regenwald, das Monsun-Klima, die Eisbedeckung, das Auftauen der Permafrostböden – all das könnte sich ganz schnell ändern, wenn wir bildlich gesprochen aus der Kurve fliegen.

Aktuell warnen renommierte Klimaforscher wieder vor der „Heißzeit“, galoppierender Erwärmung, die vielleicht auch dann nicht aufzuhalten ist, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht wird. Ich frage mich, warum das nicht schon längst geschehen ist. Beispielsweise während des mittelalterlichen Klimaoptimums? Oder vor 6000 Jahren, als Ötzi auf nacktem Fels zu liegen kam, jetzt unter dem Gletscher lag, nicht auf dem Gletscher. Warum ist nicht damals schon alles gekippt?

CURTIUS: Wir schätzen, dass die Schwankungen in der jüngeren Vergangenheit bei etwa plus-minus ein Grad lagen, nicht viel mehr. Von daher könnten die Kipp-Punkte im Klima schon bei weniger als zwei Grad erreicht werden. Wir wissen nicht genau, wo diese Kipp-Punkte liegen, jenseits derer sich alles schlagartig ändert. Das weiß auch Herr Schellnhuber (Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, Mitautor der Studie zur „Heißzeit“) nicht. Aber das Risiko wird größer. Die Reifen quietschen immer lauter . . .

Das heißt, wir leben jetzt in der wärmsten Zeit der vergangenen 10 000 Jahre?

CURTIUS: Genau. Es gab immer Eiszeiten und Warmzeiten, aber die Warmzeiten waren nicht viel wärmer als heute. Wenn es jetzt noch drei oder vier Grad wärmer wird, kann man sagen, dass in einer Millionen Jahre die Menschen nie eine so warme Zeit und nie so hohe CO2-Konzentrationen erlebt haben.

Könnte man sich denn eine Industriegesellschaft vorstellen, die kein Kohlendioxid produziert?

CURTIUS: Ich glaube, das ist vorstellbar. Wir haben die Technik dafür. Wir können Strom regenerativ erzeugen, Elektromobilität fördern. Es ist teuer, aber machbar.

Aber andererseits verbrennen die Chinesen und die Inder jetzt ihre Kohle. Ist nicht doch die Überbevölkerung das Problem?

CURTIUS: Das würde ich nicht so sehen. Die Hauptproduzenten des CO2 sind die eine Milliarde reichen Menschen. Die Menschen in Bangladesch, die unsere Kleidung herstellen, haben keine Klimaanlagen, produzieren pro Kopf nur ein Zwanzigstel unseres Kohlendioxids. Die Überbevölkerung ist nicht das Problem, sondern die reichen Länder.

Was sagen Sie zu Donald Trump? Er ist ja aus der Klimaschutz-Vereinbarung ausgestiegen.

CURTIUS: Es ist ein Trauerspiel für die Welt. Diese Art der Politik, bei der man gar nicht mehr auf Sachargumente setzt, sondern aus dem Bauch entscheidet, ist fatal. Nicht nur für die Klimapolitik. Es werden vier, vielleicht acht verlorene Jahre werden.

Haben wir überhaupt noch die Zeit?

CURTIUS: Nein, wir haben vielleicht noch 30 Jahre, um massiv umzusteuern. Jeder Tag zählt, es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn man jetzt vier Jahre verliert durch Donald Trump, ist das ein Trauerspiel.

Der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre schwankt doch immer. Es gibt Vulkanausbrüche und und und. Manchmal war der Wert zehnmal so hoch wie heute. Ist es nicht eine Hybris von uns Menschen zu glauben, wir seien an allem schuld und wir könnten alles ändern?

CURTIUS: Aber der Mensch verändert die Erdoberfläche ganz massiv. Die Spuren, die wir seit etwa 200 Jahren hinterlassen, wird man noch in vielen Jahrhunderttausenden in den Sedimenten finden können. Der Begriff Anthropozän ist angebracht. Der Mensch muss sich Gedanken machen – weil er ohnehin alles verändert – ob er den Planeten nicht sogar bewusst managen muss. Vielleicht müssen wir das CO2 wirklich herausholen aus der Atmosphäre. Oder wir stellen um auf nachhaltige Energie. Aber nichts zu tun ist keine Lösung.

War es nicht vielleicht doch ein Fehler, aus der Kernkraft auszusteigen, wenn wir gleichzeitig aus der Kohlekraft aussteigen sollen?

CURTIUS: Ich halte Kernkraft in einem dicht besiedelten Land mit all den Gefahren – von der Terrorgefahr bis hin zur Endlagerung – für ziemlich problematisch. Sicher ist es schwierig, gleichzeitig aus Kohle- und Atomstrom auszusteigen, ja. Aber wir müssen massiv auf die Regenerativen Energien einschließlich der Energiespeichertechnik setzen. Das ist zu schaffen, und an der Speicherung wird es nicht scheitern.

www.fnp.de

Hier finden Sie alle weiteren Folgen der Montagsinterviews.

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