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Fluglärm: Interview mit Michael Charalambis: "Es wird für den Schallschutz viel getan"

Heute ist die 250. Montagsdemonstration im Terminal 1 des Flughafens. Die Betroffenen sind nach wie vor aktiv, da sie stark unter den startenden und landenden Maschinen und dem Krach am Himmel leiden. Dafür, dass es leiser wird, setzt sich auch das Umwelthaus in Kelsterbach ein. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit dem neuen Geschäftsführer Michael Charalambis, ein waschechter Frankfurter, über seine Herkunft, die Neutralität des Umwelthauses und Ultrafeinstaub gesprochen.
Michael Charalambis kennt die skeptischen Stimmen, die bezweifeln dass das Umwelthaus nicht neutral ist, weil es vom Land Hessen finanziert wird. Die Zweifler will er überzeugen. Foto: Michael Faust Michael Charalambis kennt die skeptischen Stimmen, die bezweifeln dass das Umwelthaus nicht neutral ist, weil es vom Land Hessen finanziert wird. Die Zweifler will er überzeugen.

Herr Charalambis, auch sechs Jahre nach der Eröffnung der Nordwestlandebahn protestieren die Menschen am Flughafen. Verstehen Sie das?

MICHAEL CHARALAMBIS: Verständnis habe ich. Ganz klar. Wenn man dauerhaft von Lärm belästigt wird, ist das eine Einschränkung der Lebensqualität. Wenn man sich dagegen wehren will, ist Protest eine legitime Art, seinen Unmut zu äußern.

Sie sind im Frankfurter Süden aufgewachsen und kennen die Diskussionen rund um den Flughafen sowie die verschiedenen Interessenlagen von Kindesbeinen an. Wo genau sind Sie denn aufgewachsen?

CHARALAMBIS: Ich bin in Oberrad aufgewachsen. Auch mit meiner Frau habe ich später dort wieder einige Jahre gelebt.

Wie haben Sie den Fluglärm damals empfunden? Das war ja noch vor Eröffnung der Nordwest-Landebahn.

CHARALAMBIS: Als Kind habe ich den Fluglärm nicht störend wahrgenommen. Ich bin damit aufgewachsen, kannte es nicht anders. Das ist, denke ich, ein wichtiges Kriterium. Zudem war der Fluglärm damals noch nicht so ausgeprägt wie heute, obwohl die Flugzeuge schon in den 1970er-Jahren über dem Stadtwald im Landeanflug waren.

Als Sie später mit Ihrer Frau noch mal in dem Stadtteil gelebt haben, haben Sie es dann anders empfunden?

CHARALAMBIS: Definitiv. Als Erwachsener habe ich den Lärm in der Tat anders wahrgenommen. Vor allem habe ich gemerkt, wie andere Menschen auf den Fluglärm reagieren. Meine Frau beispielsweise, die hat der Fluglärm schon sehr gestört, vor allem wenn die Maschinen über Oberrad gestartet sind, dann war es wirklich sehr laut.

Ihre Verbindung zum Frankfurter Süden, war das ein Grund dafür, neuer Geschäftsführer des Umwelt- und Nachbarschaftshauses zu werden?

Jurist ist ein leidenschaftlicher Eintracht-Fan

Michael Charalambis ist ein waschechter Frankfurter. Er wurde am 13. Dezember 1971 in der Mainmetropole geboren, ist in Oberrad aufgewachsen, hat dort die Gruneliusschule besucht und später auf dem Gagern-Gymnasium sein Abitur gemacht.

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CHARALAMBIS: Nein. Aber dass ich mich für diesen Posten interessiert habe, liegt sicherlich auch daran, dass ich mich mit der Region verbunden fühle, weil ich hier aufgewachsen bin.

Sie kommen aus dem Hessischen Finanzministerium, sind von Haus aus Jurist. Für den Job hätte man sich jetzt eher einen Umweltexperten vorgestellt.

CHARALAMBIS: Das kann sein. Aber die Tätigkeit eines Geschäftsführers umfasst selbstverständlich auch viele juristische Themenschwerpunkte. Ich bin in vielen Fachgebieten und Fragen, die das Umwelthaus betrifft, Laie. Da muss ich mich einarbeiten. Aber vielleicht ist das auch eher Vorteil statt Nachteil. Denn ich bin unvoreingenommen.

Was haben Sie sich denn für Ihre Arbeit hier vorgenommen?

CHARALAMBIS: Ich möchte gerne die gute Arbeit, die das Umwelthaus bisher gemacht hat, fortführen. Das betrifft auch die Arbeit meines Vorgängers Günter Lanz. Momentan ist mein Blick noch darauf gerichtet, mir einen Überblick zu verschaffen und mich einzuarbeiten. Das ist mein kurzfristiges Ziel.

Und langfristig?

CHARALAMBIS: Ich möchte, dass ich den Bürgerkontakt weiter pflegen kann und wir vertrauensvoll zusammenarbeiten können. Wie Sie wissen, ist Fluglärm ein sensibles Thema. Zudem möchte ich gerne die Bekanntheit des Umwelthauses verbessern.

Ist es um die Bekanntheit nicht gut bestellt?

CHARALAMBIS: Sagen wir es mal so: In meinem privaten Umfeld wusste vorher keiner, was das Umwelthaus macht und was es hier alles zu sehen gibt. Das müssen wir wirklich ändern. Die wenigsten wissen auch, dass wir hier ein Informationszentrum mit einer tollen, interaktiven Dauerausstellung haben. Hier werden viele Themen rund um den Flughafen und seiner Beziehung zur Region beleuchtet – ohne Partei zu ergreifen.

Sie sprechen es an: Ohne Partei zu ergreifen. Fluglärmgegner sind misstrauisch. Sie sagen, das Umwelthaus sei nicht neutral.

CHARALAMBIS: Ich weiß. Von einigen Seiten wird die Neutralität des Umwelthauses schon deshalb angezweifelt, weil die Institution vom Land Hessen finanziert wird. Dennoch sind wir gemäß unserer Satzung zu Neutralität und Transparenz verpflichtet und dazu stehen wir auch. Wenn es mir gelingt, dieses Misstrauen uns gegenüber zu beseitigen, würde ich mich sehr freuen. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber daran werde ich arbeiten.

Sie garantieren also, dass das Umwelthaus neutral ist?

CHARALAMBIS: Das ist der Anspruch, den wir an uns stellen. Das Umwelthaus ist überparteilich. Klar ist es an der ein oder anderen Stelle schwierig, einen ausgewogenen Blick auf bestimmte Fragestellungen zu wahren und die Ausgewogenheit nach außen zu dokumentieren.

Wenn Ihnen so viel Misstrauen entgegenweht, das Umwelthaus aber andererseits für die Kommunikation zwischen dem Flughafen, der Region und den Anwohner verantwortlich ist, wie machen Sie das dann?

CHARALAMBIS: Unsere Aufgabe ist es, durch Schaffung von Transparenz den Dialog zwischen allen Beteiligten zu fördern. Über unsere vielfältigen Informationsangebote, wie etwa das Fluglärmmonitoring, wollen wir den Bürgern die Möglichkeit geben, sich fachlich fundiert zu informieren und sich in Diskussionen zu Flughafenthemen einzubringen. Zudem beantworten wir Bürgerfragen, so weit wie wir es können, ansonsten leiten wir die Anfragen an die zuständigen Stellen weiter.

Was sind das für Bürgeranfragen, die Sie bekommen?

CHARALAMBIS: Dabei geht es beispielsweise darum, warum es an einem bestimmten Tag besonders laut am Himmel war. Ob es Flugroutenänderungen gibt. Oder warum nach 23 Uhr gelandet wurde. Allerdings sind die Anfragen weniger geworden. Nach Eröffnung der Nordwest-Landebahn standen die Telefone wohl nicht mehr still. Jetzt bewegt sich das alles in einem überschaubaren Rahmen. Derzeit gibt es gehäuft Anfragen zum anstehenden Konsultationsverfahren zur möglichen Flugroutenverlagerung AMTIX kurz.

Dass Fluglärm krank machen kann, ist hinreichend bekannt. Zahlreiche Studien gibt es dazu. Ein neues Thema ist der Ultrafeinstaub, der möglicherweise durch die Überflüge in der Luft freigesetzt wird und ebenfalls gesundheitsschädlich ist. Jetzt gibt es erste Ergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen der Ultrafeinstaubbelastung und dem Frankfurter Flughafen sehen. Ist das Thema auch was für das Umwelthaus?

CHARALAMBIS: Ja, und wir haben uns dem Thema schon angenommen. Die durchgeführten Messungen des Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) zur Untersuchung der Ultrafeinstaubbelastung am Frankfurter Flughafen wurden vom Umwelthaus finanziell unterstützt. Die Messstationen stehen in Raunheim und in Schwanheim. Das Umwelthaus hat den Betrieb der Luftmessstation in Schwanheim und das Gerät für die Messung der Größenverteilung der Ultrafeinstaubpartikel finanziert. Außerdem haben wir im vergangenen Jahr zwei Schadstoffmessstationen auf dem Flughafengelände von Fraport übernommen, wobei für eine Station mittlerweile auch ein Ultrafeinstaubzähler angeschafft wurde, der schon bald in Betrieb genommen wird. Die ersten Schritte haben wir also schon gemacht.

Was bedeuten die Ergebnisse für das Umwelthaus?

CHARALMBIS: Laut HLNUG legen die bisherigen Messungen den Schluss nahe, dass der Flughafen einen Beitrag zur Ultrafeinstaubbelastung leistet. Auch Fraport hält in seinem lufthygienischen Jahresbericht 2017 einen entsprechenden Zusammenhang für nahe liegend. Diese Feststellungen beziehen sich auf Emissionen, die beim Betrieb auf dem Flughafengelände entstehen. Deshalb sehen wir uns angesprochen, zur weiteren Sachaufklärung beizutragen.

Wie wollen Sie das machen?

CHARALAMBIS: Denkbar ist zunächst eine Fortentwicklung der Messungen, um die Zusammenhänge genauer erfassen und differenzieren zu können. Es müsste beispielsweise die Frage geklärt werden, ob auch Überflüge einen Einfluss auf die Ultrafeinstaubbelastung haben. Es muss dann sicherlich auch überlegt werden, ob und wie der Einsatz von technischen Minderungsmöglichkeiten und die Erforschung der medizinischen Wirkung der Ultrafeinstaubbelastung unterstützt werden kann.

Sind die Ergebnisse des Landes besorgniserregend?

CHARALMBIS: Auch wir bekommen natürlich die öffentlichen Diskussionen mit. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind bislang nicht hinreichend wissenschaftlich erforscht. Der Ultrafeinstaub und seine Auswirkungen sind aber ein Thema, das die Menschen beschäftigt und besorgt. Es gibt also ein großes Interesse an Information und Aufklärung.

Das Umwelthaus hat erst kürzlich den Maßnahmenkatalog „Aktiver Schallschutz“ vorgestellt, ein Programm, das kurz- und langfristig lärmmindernd wirken soll. Den Bürgerinitiativen dauert es zu lange, dass es rund um den Flughafen endlich leiser wird. Wird aus Ihrer Sicht genug dafür getan, dass der Fluglärm rund um den Flughafen reduziert wird?

CHARALAMBIS: Man muss das auch immer unter den aktuellen Gegebenheiten sehen. Den Flughafen und die Kapazitätserweiterung des Flughafens gibt es nun mal. Daran ist vonseiten des Umwelthauses nicht zu rütteln. Unter diesen Umständen macht man schon viel. Dies zeigt auch das aktuelle Maßnahmenprogramm. Dazu zählen beispielsweise lärmmindernde Maßnahmen durch eine Umfliegung dicht besiedelter Gebiete, die Untersuchung lärmmindernder Startverfahren oder technologische Lärmminderungsmaßnahmen, wie etwa das Pilotenassistenzsystem „Low Noise Augmentation System“ (LNAS), wodurch der Lärm im Anflug weiter reduziert werden kann.

Noch mal: Wird genug getan?

CHARALAMBIS: Mein Eindruck nach drei Monaten meiner Arbeit hier ist, dass sehr viel getan wird, um die Lärmsituation zu verbessern, und das Thema „aktiver Schallschutz“ einen sehr hohen Stellenwert einnimmt. Das soll auch so bleiben.

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