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Kultur in Frankfurt: Interview mit Michael Guntersdorf über die Zukunft der Städtischen Bühnen

Bis Jahresende soll Michael Guntersdorf als Leiter der neuen Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen einen Plan vorlegen, wie lange die Plan- und Ausschreibungsphasen wohl dauern werden. Unser Mitarbeiter Enrico Santifaller sprach mit ihm.
Michael Guntersdorf hat sich seine Meriten beim Altstadt-Projekt erworben und soll sein Wissen und Können nun in Entscheidungsgrundlagen für die Stadtverordnetenversammlung einbringen. Foto: Michael Faust Michael Guntersdorf hat sich seine Meriten beim Altstadt-Projekt erworben und soll sein Wissen und Können nun in Entscheidungsgrundlagen für die Stadtverordnetenversammlung einbringen.

Herr Guntersdorf, Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) wurde vorgeworfen, eine einsame Personalentscheidung getroffen zu haben, als sie sich für Sie als Leiter der Stabsstelle Zukunft der Städtischen Bühnen offiziell ausgesprochen hatte. Aber als Chef der Dom-Römer GmbH haben Sie doch auch permanent mit anderen Magistratsmitgliedern zu tun. Haben Sie mit diesen nicht darüber gesprochen?

MICHAEL GUNTERSDORF: Frau Hartwig hat nur gefragt, ob ich Interesse hätte. Sie hat sich zuvor mit dem einen oder anderen Dezernenten darüber unterhalten. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat mich ebenfalls vor Monaten angesprochen, ob ich in meinem Alter überhaupt noch was für die Stadt machen könne und möchte. Da war das Projekt noch gar nicht spezifiziert. Auch mit dem Planungsdezernenten Mike Josef (SPD) habe ich mich darüber ganz unverbindlich unterhalten.

Aber von Jan Schneider, dem CDU-Baudezernenten, wurden doch Bedenken gegen Sie laut?

GUNTERSDORF: Herr Schneider hatte ein Problem mit mir – aus verschiedenen Gründen. Die Argumente, die er hatte, konnte ich nachvollziehen, die fand ich völlig in Ordnung. Wir haben das mittlerweile geklärt. Dass ich alt bin, weiß ich selbst. Dass ich die Dom-Römer GmbH noch zu einem erfolgreichen Ende bringen muss, ist mir ein Anliegen. Wir haben da genug Probleme im Moment, und das wird auch noch eine Zeit dauern. Herr Schneider, er kommt ja aus dem Projektentwicklungsgeschäft, hat im Gespräch jemanden vorgeschlagen, der mich unterstützt. Und das habe ich sofort begrüßt. Während ich noch bei der Dom-Römer GmbH beschäftigt bin, wird mein Vertreter oder Vertreterin das Bühnen-Projekt voranbringen.

Gibt es eine konkrete Person?

GUNTERSDORF: Das wissen wir noch nicht. Die Politik hat Ideen dazu, sie wird mit verschiedenen Personen sprechen. Und dann ist immer noch die Frage, ob die, die angesprochen werden, auch bereit sind, ob sie das auch zeitlich sofort können. Da werden noch einige Wochen, vielleicht Monate vergehen. Und ich möchte, wenn ich in zwei oder drei Jahren das Dom-Römer-Projekt beende, dass jemand da ist, der das weiter macht. Ich bin keine 40 mehr und ich werde nicht mit dem Rollator auf die Baustelle kommen. Ich will mithelfen, das Ding auf die Schiene zu setzen. Ich möchte den Stadtverordneten eine qualifizierte Beschlussvorlage liefern. Dazu braucht es jemanden, den ich jetzt schon mitnehmen kann, der jetzt mit mir das Projekt entwickelt und es erfolgreich zu Ende bringt. Das hat mir zugegebenermaßen beim Altstadt-Projekt gefehlt: Ein Gesprächspartner, mit dem ich die täglich neuen Informationen und Probleme besprechen konnte. Das werde ich versuchen, beim neuen Projekt zu ändern.

Architekt und Sachverständiger gilt als souveräner Macher

Der 1951 in Würzburg geborene Michael Guntersdorf ist eigentlich Künstler. Er hat in Frankfurt am Städel Bildende Kunst studiert. Danach hat er ein Studium der Architektur sowie der Stadt- und Landschaftsplanung

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Was kann man vom Altstadt-Projekt für das Bühnen-Vorhaben lernen?

GUNTERSDORF: Vor allem, dass es sehr sinnvoll ist, ein Projekt weitgehend durchgeplant zu haben, bevor man es realisiert. In der Altstadt hatten wir während der Bauzeit noch geplant. Es folgten viele Schwierigkeiten mit der Termin- und Kostensicherheit. Wir hatten aber gegenüber städtischen Ämtern und Behörden den Vorteil, flexibler reagieren zu können. Hätten wir das nicht gekonnt, wären wir bei einigen Problemen einfach stecken geblieben.

Was heißt das konkret?

GUNTERSDORF: Wir waren zwar nicht frei, was die Ausschreibungsregularien angeht, aber wir waren frei, auch mal spontan zu entscheiden, ein Vertragsverhältnis zu beenden – wenn wir etwa Planer oder Handwerker austauschen mussten. Das kann ein Amt, eine Behörde so nicht machen. Dass diese Flexibilität für den Erfolg der Altstadt notwendig war, das hat auch die Politik mitbekommen. Wir hatten ja im Aufsichtsrat und im Sonderausschuss reichlich Leute, die uns begleitet haben. Deshalb ist die Stadt beispielsweise ganz offen, erneut eine eigene Gesellschaft für das Bühnen-Projekt zu gründen. Aber das ist eigentlich eine Überlegung für später, wenn das Was und Wie des Projekts feststeht.

Das ist ja auch die Differenz zur Altstadt. Damals sind Sie in ein bereits beschlossenes Projekt, auch wenn es noch in den Anfängen war, eingestiegen. Jetzt ist Ihre Aufgabe doch eher, ein neues Projekt vorzubereiten?

GUNTERSDORF: Richtig. Jetzt ist erstmal zu klären, ob es überhaupt ein Projekt wird. Die dringendste Frage ist, ob die vorhandene Substanz zu ertüchtigen ist. Insofern ist der Ansatz, den die Politik derzeit fährt, richtig: Wir stellen eine Projektgruppe auf und gucken, was überhaupt mit dem Bestandsgebäude anzufangen ist. Ob es sich lohnt, dafür Geld auszugeben oder ob das von vorneherein der falsche Weg ist, bei dem wir am Ende überhaupt nichts sparen. Das fehlt in dem 2017 vorgestellten Gutachten.

Viele Architekten sagen, wenn man die Doppelanlange anfasst, würde diese sofort zerbröselt.

GUNTERSDORF: Das ist eine Erfahrung, die man schnell macht, wenn man sich mit solchen Gebäuden beschäftigt. Genau wie die Erfahrung, dass es regelmäßig nicht billiger ist, sich mit alter Substanz herumzuschlagen. Es muss geplant werden, es muss ausgeschrieben werden, aber eigentlich weiß man gar nicht, was auf einen zukommt. Und dann können Sie keine Termine einhalten und auch keine Kosten. Nichtsdestotrotz ist ja die große Frage bei der Doppelanlage, ob wir ein Haustechnik-, ein Ertüchtigungs- oder ein grundsätzliches Problem haben.

Was meinen Sie genau?

GUNTERSDORF: Mit Letzterem meine ich Probleme der Gebäudegeometrie, der Funktionsabläufe und dergleichen mehr. Diese Fragen sind zu klären, das fordert die Politik zu Recht. Das muss so dokumentiert werden, dass die Politik eine qualifizierte Entscheidung treffen kann. Denn wir reden ja hier nicht von zehn Millionen Euro, sondern über 900 Millionen, also einen Riesenbetrag. Um den verantworten zu können, muss das Stadtparlament eine fundierte Basis haben. Viele Konflikte, die seit der Vorstellung des Gutachtens ausgetragen wurden, sind in der Angst vor dieser Zahl begründet. Deswegen muss die Politik, bevor sie entscheidet, wissen, über was sie redet. Eine ,Hoppla, jetzt komm ich und ich weiß wo’s lang geht’-Mentalität wird bei diesem komplexen Projekt definitiv nicht funktionieren.

Ziehen Sie einen Neubau oder eine Generalsanierung der Städtischen Bühnen vor?

GUNTERSDORF: Ich persönlich habe überhaupt keine Präferenz. Wir müssen zunächst wissen, was die Substanz hergibt. Über etwas anderes rede ich derzeit nicht. Mein Ziel ist es, die Grundlagen zu schaffen und dann den Stadtverordneten einen Vorschlag zu machen: Ihr könnt es so oder so oder so machen – mit allen Konsequenzen.

Einige der am Altstadt-Projekt beteiligten Architekten erzählten von großen Problemen mit Brand- und Schallschutz. Und das waren Neubauten. Ist das bei einem zusammengestückelten Bau wie dem für Oper und Schauspiel noch viel schwieriger?

GUNTERSDORF: Wir hatten weniger mit dem Schall- denn mit dem Brandschutz zu kämpfen. Es gab auch viele Probleme mit Fluchtwegen in öffentlichen Gebäuden wie der ,Goldenen Waage’. Ein Thema, das auch bei der Doppelanlage viel Zeit und Raum einnehmen wird, sind die neuzeitlichen energetischen Anforderungen. Anlagen müssen etwa gewaltige Luftmengen bewegen, und daraus resultieren riesige Technikzentralen – die man irgendwo unterbringen muss.

Geht das nicht auch im Bestand?

GUNTERSDORF: Ob das alles in dem Bestandsgebäude geht, muss man prüfen. Ich habe gelesen, dass sich Opernintendant Bernd Loebe nur einen Neubau vorstellen könne. Er hat natürlich ein vertieftes Wissen – viel mehr als wir. Es wird ganz wichtig sein, dass das, was wir an Erkenntnissen aus der Substanz gewinnen, mit dem, was Herr Loebe aus seiner praktischen Erfahrung kennt, abzugleichen. Ebenso mit Schauspielintendant Anselm Weber. Es kann sein, dass beide Ensembles so viele Probleme mit der Altsubstanz haben, etwa der Haustechnik, dass die Erkenntnis kommt, allein mit der Modifikation der vorhandenen Substanz diese Probleme nicht lösen zu können.

Sie sind ja mit der Neuen Altstadt zum Rekonstruktionsexperten geworden. Was sagen Sie jenen, die eine Rekonstruktion befürworten?

GUNTERSDORF: Die Entscheidung trifft die Stadtverordnetenversammlung. Ich glaube aber, dass viele technische Gründe gegen eine Rekonstruktion sprechen. Ich denke nicht, dass ein Schauspielhaus von 1902 die Anforderungen an die Technik, die heute gestellt werden, 1:1 erfüllen könnte. Die Mitglieder des Kulturausschusses besichtigten ja gerade in Oslo und Kopenhagen neue Schauspielhäuser. Da gibt’s auch tagsüber Angebote und Veranstaltungen, das Gebäude ist permanent belebt, nicht nur abends bei der Theatervorstellung. Eine stärkere Belebung des Theaters würde Frankfurt nutzen – auch, weil es den Willy-Brandt-Platz endlich wieder zu einem Stück Stadt machen würde. Das wäre mit einer Rekonstruktion nicht möglich.

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