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SPD-Fraktionschef im Ortsbeirat fordert Bildungszentrum für Fechenheim: Interview mit Stephan Zilcher: „Wir brauchen eine ganz neue Schule“

Die Heinrich-Kraft-Schule (HKS) hat zu wenige Schüler in Klasse fünf: Obwohl Frankfurts Gymnasien weit weg sind, schicken Eltern aus dem Stadtteil ihre Kinder lieber dorthin als auf die Gesamtschule im eigenen Stadtteil. Um ihren Gymnasialzweig zu retten, will die HKS eine kooperative Gesamtschule mit Mittelschule werden. Das sei zu kurz gedacht, sagt Stephan Zilcher, SPD-Fraktionschef im Ortsbeirat. Er fordert ein Umdenken der Schulpolitik unter dem Schlagwort „Die besten Schulen für die schwächsten Stadtteile“. Unserem Reporter Andreas Haupt erklärt er im Interview, was das für Fechenheim bedeutet.
Stephan Zilcher vor der Heinrich-Kraft-Schule, die sich umwandeln will. Doch das reiche bei weitem nicht aus, sagt der SPD-Politiker. Foto: Leonhard Hamerski Stephan Zilcher vor der Heinrich-Kraft-Schule, die sich umwandeln will. Doch das reiche bei weitem nicht aus, sagt der SPD-Politiker.
Fechenheim. 

„Die besten Schulen für die schwächsten Stadtteile“, was ist die Idee dahinter?

STEPHAN ZILCHER: Die Heinrich-Kraft-Schule hat das existenzielle Problem, dass die meisten Schüler mit Gymnasialreife abwandern. Wir merken, dass diese Lücke in Klasse fünf nicht gefüllt werden kann. Eine Gesamtschule lebt von einem ausgeglichenen Leistungsniveau aller Schüler. Wir müssen eine komplett neue Schule schaffen, die so attraktiv ist, dass alle sagen: „Hier schicken wir unsere Kinder hin.“ Der Ortsbeirat fordert schon lange eine gymnasiale Oberstufe, denn das ist genau der Bruch für die Schüler hier im Stadtteil.

Aber das Land Hessen hat mehrfach klargemacht: Fechenheim bekommt kein Oberstufengymnasium, weil dafür die Schülerzahlen bei weitem nicht ausreichen.

ZILCHER: In Fechenheim-Süd haben wir die tolle Situation, dass die Freiligrathschule, die zweitgrößte Grundschule in Hessen, und die Heinrich-Kraft-Schule auf einem Gelände sind. Aber zu wenige Grundschüler gehen von dort auf die HKS, weil sie einen schlechten Ruf hat. Wir brauchen hier eine ganz neue Schule, ein neues Bildungszentrum. Da reicht es nicht, der Schule nur ein neues Konzept und einen neuen Namen zu geben.

Wie müsste eine solche Schule für Sie aussehen?

ZILCHER: Sie würde von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss funktionieren, das wäre die ideale Schule. Eine durchgehende Ausbildung ohne Brüche an einer Schule, an der die Kinder jeden Abschluss machen können. Es gibt immer wieder Brüche, wenn ein Kind auf eine neue Schule muss. Wir brauchen ein Bildungszentrum hier, mit einer kleinen Oberstufe obendrauf. Auch eine Fachoberschule gibt es hier im Osten nicht. Die HKS kooperiert zur Berufsförderung mit einer Berufsschule im weit entfernten Hanau, weil die Frankfurter Schulen alle abgewunken haben. Auch da würde ich mir vom Land mehr Unterstützung wünschen. Wiesbaden müsste sich dazu durchringen, zu sagen: „Hier probieren wir aus, wie die ideale Schule aussehen sollte.“

Aber genau das versucht die HKS ja: für sich das Beste aus der bestehenden Ordnung des Schulsystems herauszuziehen.

ZILCHER: Aber das ist schulpolitisch genau das Falsche. Die Schule reagiert auf einen Zustand, nämlich darauf, dass zu wenige Schüler hier in die fünfte Klasse wollen. Später kommen die Kinder zurück, weil sie auf anderen Schulen scheitern, die Klassen werden ab Klasse sieben wieder größer. Sie sind demotiviert, müssen wieder aufgebaut werden. Für ein Kind ist das schlimm. Das wollen wir doch nicht. Die Kinder sollen von vorneherein den richtigen Weg finden, ohne Brüche in der Schullaufbahn, ohne weite Wege und ohne die Erfahrung des Scheiterns auf einer anderen Schule. Das ist keine Kritik an dem, was die Schule jetzt versucht. Sie macht gute Arbeit, und wir werden das unterstützen. Aber wir kritisieren die bestehenden Strukturen.

Aber auch für Ihr Konzept brauchen Sie eine gymnasiale Oberstufe, die Fechenheim nicht bekommt, weil der Stadtteil zu klein dafür ist.

ZILCHER: Ich lasse nicht gelten, dass Fechenheim zu klein sei. Es muss keine eigenständige gymnasiale Oberstufe sein, aber ein hervorragendes Angebot im Frankfurter Osten, das zum Abitur führt. Die Wege zu den Gymnasien in der Innenstadt sind weit, die Kinder fahren durch die halbe Stadt. Das ist die völlig falsche Denkart. Statt viel Zeit mit Straßenbahnfahren zu verschwenden, sollten die Kinder über ihren Büchern sitzen.

Bleibt das Problem, dass es zu wenig Gymnasialschüler in Fechenheim gibt.

ZILCHER: Die Fechenheimer Kinder sind ja nicht doof. Offenbach etwa hat eine ähnliche Bevölkerungsstruktur wie Fechenheim. Dort gibt es 3800 Gymnasiasten bei rund 124 000 Einwohnern. In Fechenheim leben 17 000 Menschen, es müsste also 60 Gymnasiasten pro Jahrgang haben. Selbst wenn es nur 50 wären, reichte das aus für eine zweizügige Oberstufe. Aus Wiesbaden heißt es immer: Ein Gymnasium muss vierzügig sei. Aber im Bundesdurchschnitt sind sie dreizügig. Es gibt sogar welche, die kleiner sind. Und eine gute Schule würde auch mehr bildungsnahe Eltern ermuntern, nach Fechenheim zu ziehen.

Und das würde eine bessere Durchmischung auch für die Heinrich-Kraft-Schule bringen?

ZILCHER: Genau. Wenn eine Familie eine neue Wohnung sucht – das bestätigen mir immer wieder Makler –, ist immer die erste Frage: Wo sind die nächsten Schulen? Wie kommen die Kinder dorthin? Welche Schultypen gibt es? Ist es eine gute Schule, oder hat sie keinen guten Ruf? Wir alle wollen, dass unsere Kinder vorwärtskommen. Wir müssen also darauf achten, dass wir hier in Fechenheim die besten Schulen haben. Stattdessen soll ein weiteres Gymnasium im Nordend entstehen, weil dort ein Neubaugebiet entsteht. Aber auch Fechenheim wächst. An der Dieburger Straße wird gerade ein neuer Stadtteil geplant.

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